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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Geschlechtsspezifische Erziehung? #2 (452 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 14.04.2022 um 00:21 Uhr (Zitieren)
C. Musonius Rufus:
Daß sie aber auch Wehrfähigkeit im Kampfe mit der Waffe besitzen, das hat das Geschlecht der Amazonen [τὸ Ἀμαζόνων γένος] bewiesen, das viele Völker mit Waffengewalt unterworfen hat. Wenn aber die anderen Frauen in dieser Hinsicht zu wünschen übriglassen, so ist die Ursache dafür mehr Mangel an Übung als mangelhafte Naturanlage [ἀνασκησία μᾶλλον ἢ τὸ μὴ πεφυκέναι].

Wenn also die Tugenden von Mann und Frau dieselben sein müssen, dann muß auch die Ernährung und Erziehung für beide Geschlechter unbedingt dieselbe sein. Denn die Pflege, die jedem Lebewesen, auch jeder Pflanze in der rechten Weise zuteil wird, muß auch die ihm entsprechende Tugend in ihm erwecken. Oder wenn Mann und Frau in gleicher Weise die Kunst des Flötenspiels beherrschen müßten und wenn diese Kunst jedem von beiden zum Leben nötig wäre, dann würden wir doch beide Geschlechter in gleicher Weise die Flötenkunst lehren, und dasselbe gilt von dem Spiel auf der Kithara.

Wenn aber beide Geschlechter in der dem Menschen zukommenden Tugend gut sein und sie in gleicher Weise Verstand haben müssen und das eine wie das andere Selbstzucht, Tapferkeit und Gerechtigkeit besitzen, werden wir da nicht beide Geschlechter in derselben Weise erziehen und sie nicht die Kunst, durch die man ein wirklich guter Mensch wird, in gleicher Weise lehren? Ja, so muß man vorgehen und nicht anders.

Aber wie steht nun die Sache? Da wird vielleicht einer sagen: „Willst du etwa auch, daß die Männer ebenso wie die Frauen spinnen lernen sollen und die Frauen ebenso wie die Männer Gymnastik treiben?“ – Das werde ich freilich nicht fordern. Ich behaupte vielmehr – da bei den Menschen die Männer von Natur das stärkere Geschlecht sind, die Frauen das schwächere - [φημὶ δὲ ὅτι οὔσης ἐν τῷ γένει <τῷ> ἀνθρωπίνῳ τῆς μὲν ἰσχυροτέρας φύσεως τῆς τῶν ἀρρένων, τῆς δ‘ ἀσθενεστέρας τῆς τῶν θηλειῶν], daß man jeder der beiden Naturanlagen die für sie förderlichsten Leistungen zuweisen muß, die schwereren dem stärkeren, die leichteren dem schwächeren Geschlecht.

Daher paßt das Spinnrad besser zu den Frauen als zu den Männern und ebenso der Haushalt. Dagegen die Gymnastik mehr zu den Männern als zu Frauen wie auch das Leben unter freiem Himmel. Zuweilen werden freilich auch einzelne Männer leichtere und mehr zu Frauen passende Arbeiten vernünftigerweise verrichten wie auch Frauen härtere und mehr den Männern an-stehende Arbeiten auf sich nehmen, wenn es die körperlichen Verhältnisse so fordern oder der Zwang der Umstände oder die Forderung der Stunde.

Denn alle menschlichen Arbeiten und Verrichtungen bleiben ein gemeinsames Arbeitsfeld für beide Geschlechter, sind Männern und Frauen gemeinsam, und keine einzige ist nur für das eine Geschlecht durch einen Zwang der Natur reserviert [καὶ οὐδὲν ἀποτακτὸν ἐξ ἀνάγκης τῷ ἑτέρῳ]. Doch sind einige besser geeignet für diese, andere für jene Naturen. Daher nennt man die einen Werke der Männer, die anderen Werke der Frauen.

(Wege zum Glück. Epiktet – Teles – Musonius. Hrsg. v. Wilhelm Capelle und Rainer Nickel. Zürich/München 1987, S. 226-230)
 
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