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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Geschlechtsspezifische Erziehung? #1 (447 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 13.04.2022 um 19:04 Uhr (Zitieren)
C. Musonius Rufus (ca. 30 - 100 u.Z.), Ob man die Töchter wie die Söhne erziehen soll (ΕΙ ΠΑΡΑΠΛΗΣΙΩΣ ΠΑΙΔΕΥΤΕΟΝ ΤΑΣ ΘΥΓΑΤΕΡΑΣ ΤΟΙΣ ΥΙΟΙΣ):
Als einmal die Rede darauf kam, ob Söhne und Töchter dieselbe Erziehung haben sollten, erwiderte er: Die Pferdezüchter und die Jagdkundigen erziehen die männlichen und weiblichen Tiere zusammen, ohne jeden Unterschied in der Zucht. Vielmehr werden die weiblichen Hunde in ähnlicher Weise wie die männlichen zur Jagd abgerichtet. Und wenn jemand will, daß weibliche Pferde die Leistungen der Pferde zu voller Zufriedenheit vollbringen, dann kann man sehen, daß sie nicht anders als die männlichen dressiert werden.

Und da sollen bei den Menschen die Männer in der Erziehung und Aufzucht [ἐν τῇ παιδείᾳ καὶ τροφῇ] eine Ausnahme bilden gegenüber den Frauen, als ob nicht beiden Geschlechtern dieselben Tugenden anerzogen werden müßten [ὥσπερ οὐχὶ τὰς αὐτὰς παραγίνεσθαι δέον ἀρετὰς ἀμφοῖν ὁμοίως ἀνδρὶ καὶ γυναικί] oder als ob es möglich wäre, dieselben Tugenden nicht durch die gleichen Erziehungsmethoden, sondern durch andere zu erwerben?

Daß aber die Tugenden des Mannes nicht andere sind als die der Frau, läßt sich leicht begreifen. Verstand haben [φρονεῖν] muß der Mann, doch ebensosehr die Frau. Denn was taugte ein törichter Mann oder eine törichte Frau? Und gerecht sein [δικαίως βιοῦν] müssen beide Geschlechter, das eine so gut wie das andere. Es kann ja doch der Mann, der ungerecht ist, kein guter Bürger sein[,] und die Frau könnte nicht gut im Hause walten, wenn sie nicht gerecht wäre. Wenn sie ungerecht wäre, würde sie ja ungerecht gegen ihren eigenen Mann sein, wie man das von Eriphyle (1) erzählt.

Sittlichkeit und Selbstzucht [σωφροσύνη] stehen der Frau wohl an, doch ebenso dem Mann. Strafen doch die Gesetze den Ehebrecher wie die Ehebrecherin. Der Hang zu Leckereien und die Prunksucht und andere ähnliche Laster, die ein Beweis von Zuchtlosigkeit sind und die davon Behafteten schwer schänden, sie beweisen, daß Sittlichkeit und Selbstzucht für jeden Menschen unbedingt notwendig sind, sei es Mann oder Frau. Denn nur durch Sitte und Selbstzucht entgehen wir der Zuchtlosigkeit, auf andere Weise überhaupt nicht. –

Was aber Tapferkeit betrifft, so könnte man vielleicht meinen, daß sie nur den Männern anstände. Aber auch das ist nicht richtig. Denn es muß auch die Frau tapfer sein und frei von jeder Feigheit, das heißt die ideale Frau [τήν γε ἀρίστην], so daß sie sich weder durch schwere Mühsal noch durch Furcht beugen läßt. Wie könnte sie sonst noch keusch und züchtig bleiben, wenn jemand sie durch Angst oder Quälerei mit schwerer Arbeit zwingen könnte, etwas Schimpfliches zu erdulden.

Es müssen sich die Frauen aber auch zu wehren wissen, wenn sie – beim Zeus [νὴ Δία] – nicht schlechter sein wollen als die Hennen und andere weibliche Vögel, die mit viel stärkeren Tieren als sie selber für ihre Jungen kämpfen. Wie hätten da die Frauen keine Tapferkeit nötig?

(Wege zum Glück. Epiktet – Teles – Musonius. Hrsg. v. Wilhelm Capelle und Rainer Nickel. Zürich/München 1987, S. 226-230)

(1) Gattin des Amphiaraos, König von Argos, den sie für ein goldenes Halsband verraten und zu Tode gebracht hat
 
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