Γραικύλος schrieb am 07.04.2022 um 12:40 Uhr (Zitieren)
Plinius der Jüngere, Briefe VIII 18:
(Gaius Plinius Caecilius Secundus: Briefe. Hrsg. v. Helmut Kasten. München 41979, S. 472-477)
Re: Ein Erbschaftsskandal in Rom #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 07.04.2022 um 15:36 Uhr (Zitieren)
Danke, Graecule, für diesen Einbick in das wirkliche Leben des "Alten Roms"!
Tja, wenn man solche Texte (statt immer nur Caesar, Cicero, Livius et al.) in der Schulzeit vorgesetzt bekommen hätte ... (wobei wir es mit der Lektüre von Martial und Juvenal, gegenüber unsrer Parallelklasse, die mit einem verknöcherten Pauker und ebensolchem Pensum geschlagen war) noch vergleichsweise gut hatten; damals hätte ich auch gerne mehr von Plautus gelesen.
Re: Ein Erbschaftsskandal in Rom #2
Γραικύλος schrieb am 07.04.2022 um 18:09 Uhr (Zitieren)
Das wäre eine für Schüler reizvolle Alternative gewesen zu den Autoren, die Du nennst. Vom Thema her. Leicht zu verstehen ist dieser Plinius-Brief nicht, und die erste Aufgabe hätte darin bestanden, sich die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse zu erarbeiten.
Und dann habe ich bei diesem Satz gestutzt:
Sie hätte sich ebenso vor ihm geekelt, wenn sie ihn kennengelernt hätte, als er jung und knackig war? Hm. Sie hätte sich später vor ihm selbst dann geekelt, wenn sie ihn kennengelernt hätte, als er noch jung und gesund war.
Aber sowas herauszufinden, kann eine reizvolle Aufgabe im Unterricht sein - reizvoller als Cäsars Schlachten nachzuvollziehen.
Im Griechischunterricht war es die "Anabasis" des Xenophon ...
Ich muß mal einen Lateinlehrer fragen, wie es heute im Unterricht zugeht. Ich fürchte, die kommen mit ihren drei bis vier Jahren bis zum Latinum gar nicht mehr auf das Niveau, welches ihnen einen Zugang zu interessanten Texten ermöglicht.
Wir hatten ja neun Jahre Latein und sechs Jahre Griechisch.
Re: Ein Erbschaftsskandal in Rom #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 08.04.2022 um 01:08 Uhr (Zitieren)
Ja, natürlich war das die erste "richtige" Lektüre - aber was für eine andere Luft weht selbst da als bei dem dürren, knochentrockenen Cäsar! (Habe eben gerade mal wieder in die Anabasis hineingeschaut: Allein eine Situationsbeschreibung wie in Kapitel 5 ist um Längen farbiger, lebensvoller und spannender). Und mit dem Satz Ὁρῶ τὸν ἄνδρα - "ich sehe den Kerl!" (Kapitel 8) habe ich noch nach fast fünfzig Jahren das Bild der Schlacht vor Augen.
Bei Caesar? nur noch magnis itineris proficuit ... (als ob Cäsar den Gewaltmarsch feldmarschmäßig bepackt selbst gestapft wäre ;-) )
Re: Ein Erbschaftsskandal in Rom #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 08.04.2022 um 01:29 Uhr (Zitieren)
Eine andere Stelle, die einen, bei all ihrer gedrängten Kürze, wegen ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit gewissermaßen zum Augenzeugen werden läßt, steht Buch 3, Kap. 2:
Und dann dieses wundervoll lautmalende πτάρνυταί (dagegen halte man das lat. sternu(it) ...)!
Re: Ein Erbschaftsskandal in Rom #2
filix schrieb am 08.04.2022 um 01:51 Uhr (Zitieren)
Die Übersetzung in Kastens Ausgabe ist offensichtlich sinnwidrig, ich denke aber, dass Plinius etwas anderes ausdrücken möchte, als du vermutest, er nimmt die Frau ja in Schutz gegen die, wie im Unterricht damit konfrontierte Schüler der Gegenwart vielleicht sagen würden, Hater, wird ihr also keinen Ekel andichten. M.E. ist in
posset kein Potentialis der Vergangenheit im adverbialen Konsekutivsatz, der vielmehr der c.t. folgend gleichzeitig ist und die aktuelle potentielle Folge des schlechten Gesundheitszustandes des Mannes über das Modalverb ausdrückt (und nicht den Modus), so zwar, dass diese im anschließenden konjunktivischen Relativsatz unter eine irreale Bedingung gestellt wird. I.e. … eines Greises, der durch Krankheiten so zerrüttet war, dass eine Frau, die ihn, als er noch jung und gesund war, geheiratet hätte, sich ekeln könnte/dürfte .
Da sie ihn jedoch erst als senex morbo perditus geehelicht hat, fehlt ihr der Vergleich und Ekel, der im Erleben des physischen Niedergangs des Partners, den man in der Blüte seiner Jahre kennengelernt hat, sich einstellt, kommt nicht in Betracht.
Re: Ein Erbschaftsskandal in Rom #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 08.04.2022 um 10:28 Uhr (Zitieren)
Für meine Begriffe richtet sich der potentielle Ekel auf die Krankheit, nicht auf den Greis. Einigermaßen wörtlich könnte man wohl so übersetzen:
... die eheliche Verbindung mit einem Greis, der von seinem Gebrechen dermaßen zerrüttet war, daß es seiner Frau, hätte er sie jung und gesund geheiratet, wohl zum Ekel gereichen möchte.
Re: Ein Erbschaftsskandal in Rom #2
filix schrieb am 08.04.2022 um 12:29 Uhr (Zitieren)
Wohl auf die Kombination, denn sonst beschränkte sich die irreale Bedingung auf sanus, es stehen aber paarformelhafte Charakterisierungen einander gegenüber - alt und krank vs. jung und gesund.