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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein Erbschaftskandal in Rom #1 (317 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 06.04.2022 um 15:45 Uhr (Zitieren)
Plinius der Jüngere, Briefe VIII 18:
C. Plinius grüßt seinen Rufinus.

Natürlich ist es Unsinn, was man gemeinhin glaubt [Falsum est nimirum, quod creditur vulgo], daß ein Testament der Spiegel des Charakters eines Menschen sei [testamenta hominum speculum esse morum]; jedenfalls hat sich Domitius Tullus im Tode wesentlich besser gezeigt als im Leben. Denn obwohl er sich mit Erbschleichern eingelassen hatte [cum se captandum praebuisset], hinterließ er sein Erbe einer Tochter, die gleichzeitig die Tochter seines Bruders war, denn er hatte sie als Kind seines Bruders adoptiert. Er bedachte seine Enkel mit reichen, ansehnlichen Legaten, bedachte auch seine Urenkelin. Kurz, alles zeugt von zärtlichster Anhänglichkeit; um so weniger hatte man es erwartet.

Daher hört man in der Stadt die verschiedensten Auslegungen. Die einen schelten ihn scheinheilig, undankbar, vergeßlich und gestehen mit dieser Verunglimpfung seiner Person nur ihre eigene Schande, da sie um den Mann, der doch Vater, Großvater und Urgroßvater war, jammern, als wäre er kinderlos gestorben. Andere dagegen preisen ihn eben deshalb, weil er die unredlichen Erwartungen dieser Gesellschaft zu Schanden gemacht habe [quod sit frustratus improbas spes hominum], die so zu hintergehen den Anschauungen unserer Zeit entspricht.

Es heißt auch, es habe ihm nicht freigestanden, ein anderes Testament zu errichten, denn nicht vermacht, sondern zurückerstattet habe er der Tochter das Vermögen, das sie ihm eingebracht hatte. Curtilius Mancia haßte nämlich seinen Schwiegersohn Domitius Lucanus – das ist der Bruder des Tullus – und hatte dessen Tochter, seine Enkelin, nur unter der Bedingung als Erbin eingesetzt, daß ihr Vater auf seine Rechte über sie verzichtete [si esset manu patris emissa]. Das hatte der Vater auch getan, und der Oheim hatte sie adoptiert; so wurde das Testament umgangen. Der Oheim, der mit seinem Bruder in Gütergemeinschaft lebte [consors frater], hatte die aus der Obhut ihres Vaters entlassene Tochter vermöge des Adoptivbetruges wieder unter seines Bruders Gewalt gebracht, und zwar mitsamt ihrem riesigen Vermögen (1).

Überhaupt war es den beiden Brüdern gleichsam vom Schicksal bestimmt, reich zu werden, ganz gegen den Willen derer, durch die sie es wurden [ut divites fierent invitissimis, a quibus facti sunt]. Selbst Domitius Afer, der sie an Kindes Statt annahm, hinterließ ein vor 18 Jahren errichtetes Testament, das hernach so wenig seinen Wünschen entsprach, daß er für die Einziehung der Güter ihres natürlichen Vaters sorgte. Seltsam seine Härte, seltsam das Glück der beiden Brüder; seine Härte, sofern er den aus der Liste der Bürger streichen ließ, mit dem er das Eigentum an den Kindern teilte; ihr Glück, sofern bei ihnen der Mann an Vaters Stelle trat, der ihnen den rechten Vater genommen hatte. Aber auch diese Hinterlassenschaft Afers mußte wie alles übrige, was Tullus mit seinem Bruder gemeinsam zusammengerafft hatte, auf die Tochter des Lucanus übergehen, der Tullus zu Ungunsten seiner Tochter zum Gesamterben eingesetzt hatte, um ihn für die Adoption zu gewinnen.

(Gaius Plinius Caecilius Secundus: Briefe. Hrsg. v. Helmut Kasten. München 41979, S. 472-477)

(1) Es handelte sich um den Besitz riesiger Ziegeleien in der Umgebung Roms, die dank des Bauprogramms seit dem Brand Roms unter Nero enorm viel Geld eingebracht hatten.
Re: Ein Erbschaftsskandal in Rom #1
Γραικύλος schrieb am 07.04.2022 um 12:37 Uhr (Zitieren)
(Titelkorrektur)
 
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