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Dionysios stellt die etruskische Frage #2 (446 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 25.03.2022 um 12:14 Uhr (
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Dionysios von Halikarnassos, Römische Frühgeschichte I 26,2 - 30,4:
28. Diese Erzählung über die Abstammung der Tyrrhener bieten meines Wissens auch viele andere Geschichtsschreiber, die einen mit den gleichen Angaben, die anderen verlegen die Ansiedlung und den Zeitpunkt. Einige Autoren behaupten nämlich tatsächlich, Tyrrhenos sei ein Sohn des Herakles mit der Lyderin Omphale. Dieser habe nach seiner Ankunft in Italien die Pelasger aus ihren Städten vertrieben, nicht aus allen, sondern nur aus denen, die jenseits des Tiber im nördlichen Teil lagen. Andere machen Tyrrhenos zu einem Sohn des Telephos; er sei nach dem Fall Trojas nach Italien gekommen.
Xanthos der Lyder aber, ein Kenner der alten Geschichte wie kein Zweiter, der, was die seiner Heimat betrifft, ebenfalls als Gewährsmann ersten Ranges gilt, hat weder an irgendeiner Stelle seiner Schrift einen Herrscher über die Lyder Tyrrhenos genannt, noch kennt er ein Siedlungsunternehmen von Mäoniern, das nach Italien führte. Er erwähnt aber auch nicht Tyrrhenien als eine Kolonie von Lydern, obwohl er auf andere Ansiedlungen von geringerer Bedeutung eingeht. (4) Söhne des Atys seien vielmehr Lydos und Torebos gewesen; diese hätten sich die väterliche Herrschaft geteilt und seien beide in Asien geblieben. Den Völkern, über die sie herrschten, seien nach ihnen ihre Namen gegeben worden; er sagt dazu: „Auf Lydos gehen die Lyder zurück, auf Torebos die Toreber. Ihre Sprache zeigt nur geringe Unterschiede, und auch heute noch hänseln sie sich gegenseitig wegen des Gebrauchs nicht gerade weniger Wörter so wie die Ionier und Dorier.“
Hellanikos von Lesbos dagegen behauptet, die Tyrrhener hätten früher Pelasger geheißen und erst nach ihrer Niederlassung in Italien ihre jetzige Bezeichnung bekommen. Die Erzählung in seiner „Phoronis“ lautet folgendermaßen: „Ihres Königs Pelasgos und der Menippe, der Tochter des Peneios, Sohn war Phrastor. Dessen Sohn hieß Amyntor; auf den folgte Teutamides und auf den Nanas. Unter seiner Herrschaft wurden die Pelasger von den Griechen vertrieben, und am Fluss Spines im Ionischen Golf ließen sie ihre Schiffe zurück, nahmen die Stadt Kroton im Inland ein und besiedelten von dort aus das Gebiet, das jetzt Tyrrhenien heißt.“
Myrsilos wiederum behauptet das Gegenteil von Hellanikos: Als die Tyrrhener ihr Land verlassen hatten, seien sie auf ihrer Wanderung wegen ihrer Ähnlichkeit mit den Vögeln, die pelargoi [πελαργοί, Störche] heißen, in Pelarger umbenannt worden, weil sie in Schwärmen sowohl in Griechenland als auch in Barbarengebiet einfielen. Ferner hätten sie für die Athener die Mauer um die Akropolis, die sogenannte Pelargische, erbaut.
29. Mir jedenfalls scheinen alle Autoren nicht recht zu haben, deren Überzeugung nach Tyrrhener und Pelasger ein und dasselbe Volk sind. Denn dass irgendwann einmal die einen den Namen der anderen führten, war keinesfalls erstaunlich. Ganz offensichtlich machten ja auch andere Völker die gleiche Erfahrung, Griechen wie Barbaren, zum Beispiel die Trojaner und Phryger, die nebeneinander siedelten – von vielen wurden diese beiden Völker tatsächlich für eines gehalten, das sich dem Namen nach, nicht in Wirklichkeit unterschied -, und nicht weniger als die sonst irgendwo durch Namensgleichheit vermengten Völker auch in Italien.
Denn es gab tatsächlich eine Zeit, in der Latiner, Umbrer, Ausoner und zahlreiche andere Völker von den Griechen Tyrrhener genannt wurden, weil die große Distanz zwischen ihren Siedlungsgebieten aus der Entfernung den wahren Sachverhalt verschleierte. Rom selbst war ja nach Auffassung vieler Geschichtsschreiber eine tyrrhenische Stadt. Die Namen haben sich also meiner Überzeugung nach zusammen mit den Lebensumständen geändert. Dass aber beide eine gemeinsame Abstammung haben, davon bin ich nicht überzeugt. Neben vielen anderen Gründen schließe ich das insbesondere daraus, dass ihre Sprachen verschieden sind und keinerlei Ähnlichkeit bewahrt haben. [...]
Wenn man nämlich Verwandtschaft als Grund für die gleiche Sprache ansehen darf, dann ist natürlich das Gegenteil bei verschiedenen Sprachen anzunehmen. (5)
Denn es geht ja nicht an, beide Sachverhalte auf die gleiche Ursache zurückzuführen. Ferner hat es einerseits ganz gewiss auch etwas für sich, dass Angehörige des gleichen Volkes, die sich weit entfernt voneinander niedergelassen haben, wegen des Verkehrs mit ihren Nachbarn nicht mehr dieselbe Sprachform bewahren. Andererseits ergibt die Annahme keinen Sinn, Menschen, die in den gleichen Gegenden wohnen, stimmten nicht im Geringsten sprachlich miteinander überein, obwohl sie gleiche Abstammung haben.
(Dionysios von Halikarnassos: Römische Frühgeschichte. Hrsg. v. Alfons Städele. 4 Bde. Darmstadt 2020; Bd. 1, S. 42-49)
(4) Die Annahme, in Tyrrhenien seien Lyder gelandet, ist vermutlich auf Autoren zurückzuführen, die eine Ähnlichkeit zwischen Tyrrhenoi und dem lydischen Städtenamen Tyrrha oder Torrhebos feststellten.
(5) Die etruskische Sprache ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt außer der auf der Insel Lemnos gesprochenen, wobei freilich weitere Übereinstimmungen nicht erkennbar sind.