Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein Tierexperiment (406 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 20.03.2022 um 17:31 Uhr (
Zitieren )
Nikolaos von Damaskus, Universalgeschichte:
F 56 (Exc. de virtut. 1 p. 341,6)
[...] Denn er [sc. Lykurg] war ja offenbar verantwortlich dafür, dass den Spartanern ihre allgemeine Tugend und ihre Vormachtstellung zukam, weil ihre ursprünglichen Bestimmungen nicht besser waren als die der anderen, und weil er nicht nur die besten Gesetze für sie festlegte, sondern auch diejenigen, die widerwillig waren, auf folgende Weise dazu brachte, sich an sie zu halten.
Nachdem er zwei Welpen von ihrer Mutter an sich genommen hatte, zog er sie auf, aber getrennt voneinander mit ungleichen Gewohnheiten: den einen im Haus, indem er ihm Braten und andere Leckereien gab, den anderen aber in einer Meute auf der Jagd, indem er ihn zwang, im Gebirge Spuren zu suchen.
Nachdem jeder der gleichen Welpen seine Erziehung bekommen hatte, ließ Lykurg, als die Spartaner eine Volksversammlung über einen Krieg gegen die Periöken (1) abhielten und sich nicht zu helfen wussten, beide in die Mitte führen, und mit ihnen lebende Rehe sowie zubereitete Braten. Er sagte: „Dass Glück und Unglück, Spartaner, keine andere Ursache hat als die Ausübung schlechter oder maßvoller Gewohnheiten, könnt ihr sehen. Diese haben doch dieselbe Mutter (er zeigte dabei auf die jungen Hunde). Da sie aber unterschiedlich aufgezogen worden sind, haben sie sich eben deswegen zu ungleichen Hunden entwickelt. Weil nämlich das eine Tier zu jagen lernte, das andere aber zu schlemmen, werden sie nichts Anderes machen als das, wenn es ihnen freisteht.“
Und sogleich befahl er dem Hundeführer, beide auf das loszulassen, was vorbereitet worden ist. Der im Haus lebende Hund eilte zum Braten, der Jagdhund aber warf das Reh nieder und erlegte es.
Lykurg sprach wieder: „Seid überzeugt, Spartaner, dass dies auch euch und alle anderen Menschen betrifft. Denn je nachdem welche Gewohnheiten und Gesetze ihr habt, so führt ein Zwang zu Anstrengung und Bequemlichkeit. Die Götter gaben dem Menschen nämlich die Möglichkeit, alles zu erlernen. Daraus ergibt sich für denjenigen, der sich anstrengt, dass er frei sein will, dass es ihm gut geht und er allen überlegen ist; für denjenigen aber, der sich dem Vergnügen hingibt, dass er sklavisch ist, Schlechtes tut und ein Nichtsnutz ist.“
[...]
(Fragmente der Historiker, Nikolaos von Damaskus. Hrsg. v. Tino Shahin. Stuttgart 2018, S. 56 f.)
(1) Nikolaos meint hier nicht die Periöken, die später unter der Herrschaft Spartas standen, sondern die unabhängigen Nachbarvölker auf der Peloponnes.
***
Vgl. Plutarch: De liberis educandis 4 (mor. 3a-B) und Apophthegmata Laconica (mor. 225F-226B).