Γραικύλος schrieb am 07.03.2022 um 17:35 Uhr (Zitieren)
Homer, Ilias XII 322-328:
Sarpedon, der Sohn des Zeus, der auf der Seite der Trojaner kämpft, trifft in der Schlacht auf den Griechen Glaukos und sagt:
(Homer: Ilias. Griechischer Urtext und Übertragung von Hans Rupé. München ²1961, S. 410 f.)
Re: Sarpedon und die Sterblichkeit
Marcella schrieb am 07.03.2022 um 22:14 Uhr (Zitieren)
So eine Begründung der Notwendigkeit, Krieg zu führen, habe ich noch nie gehört. Die "männerehrende Feldschlacht" allerdings kann uns ein Putin frei Haus liefern.
Wieso ist ein Sohn des Zeus ebenfalls gegen die "Keren" chancenlos? Zur Unsterblichkeit haben es
andere geschafft.
Re: Sarpedon und die Sterblichkeit
Γραικύλος schrieb am 07.03.2022 um 23:28 Uhr (Zitieren)
1. Wie er den Feind anspricht! "ὦ πέπον", laut Passow bei Homer "eine schmeichelnde und liebkosende Anrede oder Begrüßung"! Er stellt eine Verbindung, eine Gemeinsamkeit her, er drückt eine Zuneigung aus! (Diese Haltung hat Putin nicht im Repertoire.)
2. Wenn er unsterblich wäre, würde er nicht Krieg führen. Da er aber nun einmal sterblich ist, gibt es für ihn nur eine einzige spezielle Art von Unsterblichkeit: den Ruhm des Sieges. Es ist seine Sehnsucht nach Unsterblichkeit, anders kann ich das nicht verstehen.
3. Wer von ihnen beiden diesen Ruhm erlangen wird, weiß er nicht. Er weiß nur, daß er - auch als Sohn des Zeus - sterblich ist; und im Buch XVI der Ilias wird Patroklos ihn in der Tat töten.
4. Auch Zeus weiß es offenbar nicht, wer siegen wird. Sonst hätte er nicht dem Achill einen Sieg für Patroklos versprochen, nicht wissend, daß er damit seinen eigenen Sohn dem Tode auslieferte.
Diese Figur des Sarpedon in der Ilias hat eine ganz eigene Qualität, eine besondere Tragik. Und ja, auf seine Weise ist er dadurch unsterblich geworden. Aber nicht als Sieger! Auch der Ruhm im Krieg ist ein Glücksspiel.
Re: Sarpedon und die Sterblichkeit
Marcella schrieb am 08.03.2022 um 12:02 Uhr (Zitieren)
ad 1: Das ist nett. Man hat also mitten im Kampfgetümmel Gelegenheit, sich gegenseitig kollegial anzusprechen, viele Hexameter lang, und Grundsatzfragen zu erörtern - bzw. wie bei Diomedes und Glaukos dazu noch umfängliche Vorstellungsrunden zu absolvieren und anschließend sogar noch Rüstungen zu tauschen. Und das im Kampfgewühl! Das ist echt ein positives Vorbild für Putin und andere. (Nicht-Aristokraten werden indes dutzendweise ohne Formalitäten weggemetzelt).
ad 2/3. So verstehe ich das auch, andererseits teile ich nicht die Vorstellung, dass forcierte Männlichkeitsbeweise Unsterblichkeit bewirken können. - Gilt der Ruhm auch für den Looser Sarpedon? - Die Erfahrung der Sterblichkeit musste Gilgamesch auch machen mit immerhin 2/3 göttlichen Genen. Kampf hatte er freilich genug und in Hinsicht auf das Ziel sinnlos absolviert. Er suchte anschließend die Unsterblichkeit als Städtebauer.
ad 4. Das ist interessant und aufschlussreich. Danke für die interessante Stelle. - Oder handelt Zeus nur vermeintlich selber und ist richtig betrachtet eine Marionette des Fatums?
Das mit Sarpedon muss ich selber mal nachlesen.
Re: Sarpedon und die Sterblichkeit
Γραικύλος schrieb am 08.03.2022 um 13:48 Uhr (Zitieren)
ad 1.: Man sollte von der "Ilias" keine realistische Kriegsschilderung erwarten; es handelt sich ja um Literatur, die u.a. die Funktion hat, bestimmte Haltungen hervorzuheben. Nicht zufällig drückt auch der Höhepunkt des Epos, das XXIV. Buch, einen Respekt vor dem Feind aus.
ad 4.: Ich bin der Meinung, daß auch das Buch XVI, die Geschichte um Patroklos, eine zentrale Stellung im Epos einnimmt: die Kritik menschlicher Hybris, welche den Patroklos dazu verleitet, etwas zu tun, was ihm nicht zusteht.
Und gerade in diesem XVI. Buch tötet er - als ersten Trojaner - den Sarpedon. Zeus' Reaktion darauf und seine Diskussion mit Hera sind für das Thema "Götter und Fatum" sehr signifikant.
Offenbar steht es in Zeus' Macht, einem Menschen beizustehen und den Sieg zu verleihen (so verspricht er es Achill für Patroklos); aber es ist ihm nicht gegeben, die Folgen dieser Entscheidung zu erahnen. Auch für Götter gilt wohl: "Im ersten seid ihr frei, im zweiten Knechte."