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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Hiob und die Götter Homers #1 (349 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 07.03.2022 um 17:00 Uhr (Zitieren)
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Die Ähnlichkeiten zum Götterbild Homers und anderer griechischer Dichter liegen auf der Hand. Gott schert sich im Hiobbuch ebenso wenig um Moral wie die Olympier. Sein Auftritt scheint sogar die Willkür der griechischen Gottheiten zu übertreffen; aus ihren Kaprizen und Ehrstreben ist die kaltblütige Entscheidung geworden, um einer Wette mit Satan willen einen frommen Menschen in den Ruin zu stürzen.

Man hat Hiobs Lied auf die verborgene Weisheit (Hi 28) mit Chorliedern in der griechischen Tragödie verglichen (1) und in Hiobs Verfluchung seines Geburtstags (Hi 3, 1) eine bemerkenswerte Parallele zu dem in der griechischen Dichtung belegten Wunsch erkannt, nicht geboren zu sein (2). Gott im Buch Hiob trägt Züge, die wir eher aus der griechischen Literatur als aus dem Alten Testament kennen.

Die Besonderheit von Hiob in der Bibel wird sinnfällig im codex Sinaiticus. Diese griechische Bibelhandschrift aus dem vierten Jahrhundert n. Chr. wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Katharinenkloster am Sinai entdeckt und ist seitdem eine unserer wichtigsten Textzeugen für die Bibel. Im codex Sinaiticus steht das Buch Hiob am Ende des Alten Testaments, unmittelbar bevor die Evangelien beginnen. Dem Buch kommt darin der Platz und die Funktion einer Coda des Alten Testaments zu, die eine neue Perspektive auf Mensch und Gott eröffnet. Hiob kann als alttestamentlicher Typus für den Antitypus Jesus Christus dienen. Der leidende Gerechte im Alten Testament weist voraus auf Gottes Sohn, der den Tod am Kreuz auf sich nimmt. Allerdings ist Hiobs lange Anklage zum kurzen Aufschrei „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ verkürzt, seine Verzweiflung durch die jesuanische Zuversicht ersetzt.

Trotz der Ähnlichkeiten gibt es gewichtige Unterschiede zwischen dem Gottesbild in Hiob und den olympischen Göttern. Hiob und seine Freunde konzentrieren sich auf die Gerechtigkeit Gottes: Wie kann Gott es zulassen, dass, wer ein einwandfreies Leben führt, ins Unglück gerät? Hat Hiob doch gesündigt und wird dafür bestraft, oder kümmert sich Gott nicht um die Menschen, die seine Gebote halten? Die Darstellung Gottes im Buch Hiob ist nicht zuletzt geprägt durch die kritische Auseinandersetzung mit dem gerechten Gott der Propheten. Auch wenn das Buch Hiob das für diesen Gott konstitutive Junktim zwischen Heil und Gerechtigkeit aufhebt, bleibt die Frage nach Gottes Gerechtigkeit bestimmend.

Bei Homer hingegen spielt die Gerechtigkeit der Götter keine große Rolle. Die Olympier können Menschen für ihre Vergehen bestrafen, sie können aber auch ihren Launen nachgehen – entscheidend sind die Folgen ihres Handelns für die Menschen.

(1) G. Kaiser / H.-P. Mathys: Das Buch Hiob. Dichtung als Theologie. Neunkirchen-Vluyn 2006, S. 74 f.; M. Witte: Das Hiobbuch (Ijob); in: J. Ch. Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. Stuttgart/Göttingen 62019, S. 436
(2) G. Kaiser, a.a.O., S. 36 f.
Re: Hiob und die Götter Homers #1
Marcella schrieb am 08.03.2022 um 13:44 Uhr (Zitieren)
Hiob muss erleben, dass ihm gnadenlos und übelst mitgespielt wird. Die Gerechtigkeitsdebatte entsteht aus der Frage: Warum? Diese theologische Frage setzt einen (einzigen) gerechten Gott voraus, der sinnvoll handelt.
Was Hiob nicht weiß: Das Ganze geschah aufgrund einer kindischen Wette, wobei Gott obendrein sein Renomme einbüßte, indem er die Wette verliert. Zwar erscheint Gott nun ipsissimus auf der Szene, aber nur, um niederzudonnern (im Fragenkatalog im Kapitel 38 und 39 mit z.T unfreiwillig komischen oder auch absurden rhetorischen Fragen). Da kann es nur heißen: "Wer aber will den Donner seiner Macht verstehen?" 26,14. M.E. drakonische Strafen setzt es für die eigentlich gutmeinenden Freunden. Die haben kein Sakrileg begangen haben, nur versucht, Sinn ins Geschehen zu bringen.
Als Hiobs nun festgestelltes Verbrechen erscheint nun, "dass er sich für gerecht hielt"(Luther lässt grüßen!). Er hat nämlich angefangen , die richtigen Fragen zu stellen. Gott seinerseits macht einfach nur die Machtposition klar, er denkt nicht daran, sich für sein Tun zu rechtfertigen, und bringt Hiob brutal zum Schweigen. Schnauze, Hiob! So geht es eben zu im Despotismus.
Wir sehen eine heftige Religionskritik gleich zu Anfang erster ernsthafter theologischer Bemühungen um die Frage nach Gottes Gerechtigkeit und Güte und erster Theodizeen.

Homer muss sich indes nicht um Theodizeen den Kopf zerbrechen. Die Olympier brauchen sich einfach nicht an für Menschen gedachte Regeln zu halten. Deshalb gefiel homer auch Platon nicht.
Re: Hiob und die Götter Homers #1
Marcella schrieb am 08.03.2022 um 13:45 Uhr (Zitieren)
homer > Homer
Re: Hiob und die Götter Homers #1
Γραικύλος schrieb am 08.03.2022 um 14:12 Uhr (Zitieren)
Darin stimme ich Dir zu.

***

Übrigens habe ich hier die Quellenangabe vergessen:
Jonas Grethlein: Mein Jahr mit Achill. Die Ilias, der Tod und das Leben. München 2022, S. 110-112

Das Buch hat zumindest mein Verständnis der Ilias erheblich vertieft.
 
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