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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Achill im Angesicht der Todes (522 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 23.02.2022 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Mit 25 promoviert, mit 27 habilitiert, mit 29 eine Professur für griechische Literaturwissenschaft in Heidelberg.
Zwischen den beiden letzten Abschnitten: Diagnose eine Krebserkrankung.
Jonas Grethlein.

Jetzt hat er ein Buch veröffentlicht, das eine Interpretation des Achill in Homers "Ilias" mit seiner persönlichen Lebenssituation verbindet:
Jonas Grethlein

Mein Jahr mit Achill
Die Ilias, der Tod und das Leben

München 2022
C. H. Beck Verlag
24,00 Euro

Eine Rezension ist im Feuilleton der FAZ vom 23. Februar 2022 zu lesen.
Re: Achill im Angesicht der Todes
Γραικύλος schrieb am 02.03.2022 um 17:54 Uhr (Zitieren)
Ich lese das Buch gerade. Blasenkrebs (mit 27!) lautete die Diagnose; Wahrscheinlichkeit, die nächsten zehn Jahre zu überleben: 17 Prozent.

Ein existentieller Einschnitt, den Grethlein, soweit ich bisher sehe, klug mit der an sich nicht, aber für einen angehenden Star-Gräzisten wohl doch naheliegenden Situation des Achill verbindet, zumal ihn Achill bereits als Junge fasziniert hatte.
Re: Achill im Angesicht der Todes
filix schrieb am 02.03.2022 um 18:29 Uhr (Zitieren)
Wann ist diese literarische Genre, einen solchen persönlichen existenziellen Einschnitt mit einem Werk der Weltliteratur zu verbinden, eigentlich aufgekommen? Aus meinen Lektüren fällt mir spontan nur Joseph Luzzis In einem dunklen Walde, worin er den Unfalltod seiner hochschwangeren Frau mit Dante verarbeitet, ein.
Re: Achill im Angesicht der Todes
Γραικύλος schrieb am 03.03.2022 um 00:19 Uhr (Zitieren)
Nichts vorher?

Im Mittelalter boten sich für diese Funktion ja wohl nur (?) Jesus und Maria an, deren Geschichte wir nicht unter die Werke der Weltliteratur einordnen wollen.

Ich habe mich gefragt, welche literarische Gestalt aus der Antike sich denn für derartiges anböte, und bin als erstes auf Philoktet gekommen. Dann noch der Prometheus.
Beider Stoffe sind verschiedentlich be- und verarbeitet worden; aber ich habe nichts gefunden, was mit einer existentiellen Krise des Autors zu verbinden wäre.
Re: Achill im Angesicht der Todes
filix schrieb am 03.03.2022 um 01:25 Uhr (Zitieren)
Ist das Spezifische dieser Texte nicht die Beziehung nicht bloß zu den Figuren dieser Großtexte, ihren Schicksalen und Lehren, sondern jenseits der Identifikation mit den Helden ein tröstliches Verhältnis zu den literarischen Werken als solchen, sozusagen zu Büchern als Freunden in höchster Not, welcher Topos mir eine Erfindung der bürgerlichen Lesekultur des 18. Jahrhunderts zu sein scheint?

Re: Achill im Angesicht der Todes
Γραικύλος schrieb am 03.03.2022 um 12:56 Uhr (Zitieren)
Du meinst, die Vorstellung des Buches als Freund bzw. als tröstende Vermittlung zu jemandem, den man ohne Buch nie kennengelernt hätte, sei eine Erfindung des 18. Jhdts.
Das habe ich so noch nicht gesehen.

Du kennst natürlich z.B. den Boethius (etwa Consolatio philosophiae I 3), und ich ahne, weshalb Du das nicht als Gegenbeispiel wirst gelten lassen.

Aber was hältst Du von folgendem?
Dank an Mëng-dsï

Zerfallner Leib, entschwebter Geist -
Kein Ruf kann ihn erreichen.
Liest du das Buch, das er uns ließ,
Siehst du sein wehend Zeichen!

Mag ihn bekritteln auch die Welt,
Umständlich schreibe er und breit -
Daß es ihn gegeben hat,
Tröstet meine Einsamkeit.

Der chinesische Autor heißt Wang An-schi und stammt aus der Zeit des nördlichen Sung-Reiches (960-1127 u.Z.)
Gefunden habe ich dieses Gedicht vor vielen Jahren in:

Lyrik des Ostens: China
München 1962
dtv

Dabei handelt es sich um eine (Taschenbuch-)Auswahl aus:

Lyrik des Ostens
Gedichte der Völker Asiens vom Nahen bis zum Fernen Osten. Lyrische Zeugnisse aus vier Jahrtausenden. Herausgegeben von Wilhelm Gundert, Annemarie Schimmel und Walther Schubring.
München 1958
Carl Hanser Verlag

(Der Übersetzer wird, soweit ich sehe, nicht angegeben.)

In Stimmung und Aussage Schopenhauers Gedicht "An Kant" ähnlich, aber deutlich älter.
Re: Achill im Angesicht der Todes
Γραικύλος schrieb am 03.03.2022 um 13:32 Uhr (Zitieren)
Die Idee, daß jemand ein Buch liest und dabei denkt: Da hat ja schon vor mir jemand solche Probleme gehabt!, erscheint mir sehr naheliegend, fast zwingend. Man erkennt sich im Werk eines anderen wieder.
Re: Achill im Angesicht der Todes
filix schrieb am 03.03.2022 um 14:44 Uhr (Zitieren)
Man könnte für diese tröstliche Beziehung zu Büchern als verlässlichen Freunden und intimen Gesprächspartnern auch Stellen aus Plinius, Petrarca, Montaigne usf. anführen, aber dass über solche summarischen Bekenntnisse hinaus zunächst Szenen und endlich ganze Bücher, die diese Beziehung zu (großen) Büchern in existenziell einschneidenden Lebensphasen auf hunderten Seiten explorieren, entstehen, scheint mir nach wie vor eine spätere Entwicklung.
Re: Achill im Angesicht der Todes
Γραικύλος schrieb am 04.03.2022 um 14:57 Uhr (Zitieren)
In einem so verstandenen Sinne wirst Du wohl recht haben.
Re: Achill im Angesicht der Todes
Γραικύλος schrieb am 04.03.2022 um 18:20 Uhr (Zitieren)
Grethlein arbeitet gut heraus, daß der an sich viel sympathischere Hektor derjenige ist, der seinen Tod verdrängt, während Achill darum weiß und das auch reflektiert: Er wird kurz nach Hektor sterben, und dennoch tötet er Hektor.

Hektors oberster Wert ist die Gemeinschaft, in der er lebt: die Stadt, die Familie, insbesondere Frau und Kinder; Achill hingegen hat all das nicht, und an dessen Stelle tritt für ihn die Unsterblichkeit in der Weise des Ruhms.
 
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