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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Brecht: Berichtigungen alter Mythen #2 (387 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 18.02.2022 um 13:37 Uhr (Zitieren)
Kandaules

Von König Kandaules sagt die Legende, er habe seinem Freund Gyges nach einem hitzigen Gespräch über Schönheit seine Frau in völliger Nacktheit gezeigt.

Die Geschichte scheint mir keinen rechten Sinn zu haben. Sie setzt voraus, daß dieser Gyges mir nichts, dir nichts an der Schönheit der Königin Zweifel geäußert hätte. Aber warum sollte er das getan haben? Ist das ein königliches Gespräch, in dem der eine sagt: meine Frau ist schön, und der andere: glaube ich einfach nicht, und ist das etwas Besonderes, wenn der erstere dann sagt: schau sie dir gefälligst an, bevor du urteilst?

Ganz anders interessieren würde mich da doch ein Gespräch über Schönheit in Zusammenhang mit Liebeskunst. Was soll man wirklich mit der Schönheit seiner Frau anderes anfangen, als sie den Freunden zu zeigen? Unterliegen doch die meisten der landläufigen Illusion, Schönheit bedeute Liebeskunst. Wir haben nämlich einen Schönheitstypus gezüchtet, der Erwartungen und Begierden weckt, die er nicht befriedigt.

Ich kann mir vorstellen, daß Gyges die Schönheit der Königin kennt, aber an ihrer Liebeskunst Zweifel äußert. Er wäre dann ein Kenner. „Schön?“ ruft er aus, „was soll das heißen? In bezug auf was schön? Wodurch schön? Darauf kommt es an. Gerade Schönheit muß sich beweisen, muß für ihren Wert grade stehen.“
In einem solchen Fall, wo so viel auf dem Spiel stünde, gälte es doch, ganz allgemein die Schönheit zu verteidigen, bliebe dem König nichts anderes übrig, als in dem, was er seinem Freund erlaubt – sehr weit zu gehen. Und die Königin hätte dann wirklich einen Grund, sich umzubringen, wie sie es in der Legende tut und zwar aus Stolz darüber, daß man den Wert der Schönheit in Zweifel gezogen hat – und sich da-bei vielleicht nicht täuschte.

(Bertolt Brecht, Prosa. 4 Bde. Frankfurt/Main 1980; Bd. 1, S. 208)
Re: Brecht: Berichtigungen alter Mythen #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 19.02.2022 um 10:03 Uhr (Zitieren)
Sie setzt voraus, daß dieser Gyges mir nichts, dir nichts an der Schönheit der Königin Zweifel geäußert hätte.

An dieser, allein Brechtschen Prämisse hängt alles andere, sie aber ist Fiktion for the sake of the argument - nicht reiz- oder geistlos, aber eben den springenden Punkt der Erzählung, bzw. das dahinterliegende griechisch-antike Ideal "Schönheit ist die Epiphanie des Göttlichen" komplett verfehlend.
 
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