Thukydides III 53-59:
Während des Peloponnesischen Krieges hatte sich das mit Theben, den Verbündeten der Spartaner, verfeindete Plataiai auf die Seite der Athener geschlagen. Unterstützt von attischen Truppen hielt die Stadt einer längeren spartanischen und thebanischen Belagerung stand, mußte sich 427
v.u.Z. jedoch ergeben. Daraufhin fanden in Plataiai Verhandlungen mit den Spartanern statt. Die Vertreter der Plataier sagten:
53. Zu der Übergabe unserer Stadt entschlossen wir uns, Spartaner, im Vertrauen auf euch, da wir ein gesetzlicheres Verfahren erwarteten als dies, das hier gegen uns angestrengt wird, und weil wir keine andern Richter, als vor denen wir stehen, anerkannt hätten – die einzigen, von denen wir Gerechtigkeit hoffen durften. Nun aber fürchten wir, wir haben uns in allem beiden getäuscht: wir haben Grund zum Argwohn, daß es in diesem Gericht um das Alleräußerste geht und daß euer Spruch nicht unparteiisch herauskommt.
Denn es hätte doch erst einmal eine Anklage vorausgehen müssen, auf die wir zu erwidern gehabt hätten – wir haben aber selbst erst um das Wort gebeten –[,] und bedenklich macht uns auch die Kürze der gestellten Frage (1), auf die mit der Wahrheit zu antworten uns ungünstig wäre, und Lügen wären leicht widerlegt.
Diese ringsum ausweglose Lage zwingt uns, und es ist wohl sicherer so, es auf eine Rede ankommen zu lassen; denn das nicht gesprochene Wort möchte sonst den also Bedrängten noch den Vorwurf eintragen, daß es, gesagt, Rettung hätte bringen können. Es wird uns freilich schwerfallen, zu allem andern, euch auch zu überzeugen. Wären wir einander unbe-kannt, so könnten wir vielleicht zu unserm Nutzen Zeugnisse beibringen, die euch neu wären; nun aber wißt ihr schon alles, was wir sagen können, und unsre Angst ist nicht die, ihr möchtet etwa mit vorgefaßtem Urteil uns das zum Vorwurf machen, daß unsere Leistungen den euren nachstünden, als vielmehr, wir könnten hier andern zuliebe vor einen schon gefällten Spruch gestellt sein.
54. Trotzdem wollen wir vorbringen, was wir an Rechtsgründen der Feindschaft Thebens und euch und den andern Hellenen entgegenzusetzen haben, und wollen durch die Erinnerung an unsere Verdienste versuchen, euch zu überreden.
So erwidern wir denn auf eure kurze Frage, ob wir den Spartanern und ihren Verbündeten in diesem Kriege einen Dienst erwiesen haben, daß, wenn ihr uns als eure Feinde fragt, es kein Unrecht von uns war, euch keine Freundschaft zu bezeugen; wenn ihr uns aber als Freunde betrachtet, daß ihr dann selber im Fehler seid mit eurem Kriegszug gegen uns. Und im Frieden und gegen den Perser haben wir uns bewährt: jenen haben wir jetzt nicht zuerst gebrochen und diesen damals mit angegriffen, zur Befreiung von Hellas allein von allen Boiotern.
(1) Die Spartaner hatten eingangs lediglich gefragt, ob sie, die Plataier, ihnen und ihren Bundesgenossen während des jetzigen Krieges irgendeinen Dienst erwiesen hätten.