Γραικύλος schrieb am 28.01.2022 um 17:12 Uhr (Zitieren)
Der Peloponnesische Krieg Athen vs. Sparta (431-404 v.u.Z.) zieht sich hin. Der attische Versuch, Großmachtpolitik zu betreiben und nach Sizilien auszugreifen, ist in einer Katastrophe geendet. Manche Bürger Athens träumen dennoch vom Siegfrieden, andere sehnen sich einfach nach Frieden und pfeifen auf den Sieg. In dieser Lage, im Jahre 411, bringt der attische Komödiendichter Aristophanes (ca. 445-388) eine neue Komödie auf die Bühne: Lyistrata.
Es sind die Frauen, die den entscheidenden Schritt tun: Sie zwingen ihre Männer, den Krieg zu beenden und Frieden zu schließen.
Wieso die Frauen?
Ja, der Krieg ist wahrlich auch Frauensache! Sie zwingen ihre Göttergatten mit einem sehr weiblichen Mittel: der Verweigerung von Sex bis ... Da bleibt den Männern, wie man so sagt, keine Wahl.
Das gibt reichlich Gelegenheit zu urkomischen Szenen, gewürzt mit reichlich sexuellen Anspielungen. Gesteigert wird die Komik noch dadurch, daß (muß man es eigens erwähnen?) in Athen keine Frauen im Theater zugelassen sind; sie haben gefälligst das Haus zu beaufsichtigen. Der Autor: ein Mann. Die Schauspieler*innen: allesamt Männer. Die Zuschauer: ausschließlich Männer. Die Herren der Schöpfung lachen über sich selber. Eine Sternstunde Athens und der Komödie.
Ein lustiges Völkchen, diese Athener. Mitten im Krieg.
Was lernen wir daraus? Eine Menge, wenn’s recht ist: über den Krieg, über die Frauen, über Komik. Und nicht zuletzt: Man stelle sich vor, heute würde in dieser Form großes Theater gemacht: nur von, für und durch Männer. Da sind wir doch historisch schon ein paar Schritte weiter. Auch dank Aristophanes?
Re: Aristophanes und Lysistrata
Bukolos schrieb am 29.01.2022 um 12:08 Uhr (Zitieren)
Γραικύλος schrieb am 29.01.2022 um 12:42 Uhr (Zitieren)
Ich weiß, daran erinnere ich mich noch.
Der Text ist eigentlich für ein Literaturforum geschrieben, und dort habe ich die folgende Anmerkung hinzugefügt:
Bukolos schrieb am 29.01.2022 um 16:31 Uhr (Zitieren)
Wenn das die ganze Evidenz wäre, auf die Henderson sich stützt, wäre das ein bisschen dünn. Aber es ist, wie gesagt, nur ein Indiz unter weiteren. Ich setze einmal nur die von Henderson herangezogenen Platonstellen hierher:
Wohlgemerkt: πεπαιδευμέναι!
Re: Aristophanes und Lysistrata
Γραικύλος schrieb am 30.01.2022 um 15:12 Uhr (Zitieren)
Ich bin unschlüssig über die Aussagekraft dieser Zitate. Kinder? Sklaven? Spricht er da von den Dionysien und Lenäen?
Re: Aristophanes und Lysistrata
Bukolos schrieb am 30.01.2022 um 16:38 Uhr (Zitieren)
In Bezug worauf wäre das relevant?
Re: Aristophanes und Lysistrata
Γραικύλος schrieb am 30.01.2022 um 17:11 Uhr (Zitieren)
Nun, die "Lysistrata" ist bei den Lenäen 411 aufgeführt worden.
Ich meine das 'große Theater', nicht die Volksbelustigungen auf dem Markt.
Re: Aristophanes und Lysistrata
Bukolos schrieb am 31.01.2022 um 00:48 Uhr (Zitieren)
Es ging ja zunächst um deine Bemerkung, dass es nur "einen einzigen Bericht aus der Antike [gebe], der uns [...] schließen ließe, daß Frauen doch im attischen Theater zugelassen waren."
Dem habe ich entgegengehalten, dass es da schon noch einiges mehr gibt: Im Gorgias heißt es, dass die Dichter in den Theatern (οἱ ποιηταὶ ἐν τοῖς θεάτροις) sich mit ihrer Rhetorik an Frauen und Männer gleichermaßen wendeten (ὁμοῦ καὶ γυναικῶν καὶ ἀνδρῶν), in den Nomoi, dass die gebildeten unter den Frauen (αἱ πεπαιδευμέναι τῶν γυναικῶν) eine Tragödie am ehesten für preiswürdig hielten.
Das hätte genügen können, um zu zeigen, dass es nicht nur "einen einzigen Bericht aus der Antike" gibt. Hinzufügen könnte man, dass Alkibiades, als er als Chorege in Purpurrobe ins Theater kam, Bewunderung bei Männern und Frauen hervorgerufen haben soll (ὅτε δὲ χορηγοίη, πομπεύων ἐν πορφυρίδι εἰς τὸ θέατρον ἐθαυμάζετο οὐ μόνον ὑπὸ τῶν ἀνδρῶν ἀλλὰ καὶ ὑπὸ τῶν γυναικῶν, Athen. 12, 534c Olson). Oder dass sich in der Γυναικοκρατία des Alexis Frauen darüber beklagen, dass sie wie die auswärtigen Frauen von den hintersten Rängen aus zuschauen müssten (ἐνταῦθα περὶ τὴν ἐσχάτην δεῖ κερκίδα / ὑμᾶς καθιζούσας θεωρεῖν ὡς ξένας, fr. 42, PCG 2 ed. Kassel-Austin). Oder eine Anekdote, die Plutarch überliefert:
Oder auch die Stelle in der Lysistrate, wo der Chor sich direkt ans Publikum wendet:
Re: Aristophanes und Lysistrata
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 31.01.2022 um 12:11 Uhr (Zitieren)
Whow, Bukolos!
Ich habe schon oft über Deine Literaturkenntnis gestaunt, aber dies hier ist wirklich unglaublich!
Hast Du die gesamte antike Literatur verschlagwortet?
Re: Aristophanes und Lysistrata
Γραικύλος schrieb am 31.01.2022 um 15:07 Uhr (Zitieren)
Das ist beeindruckend, in der Tat - und ein höchst wünschenswertes Korrektiv für meinen Dilettantismus.
Zum Thema: Im DNP finde ich s.v. Theater:
Re: Aristophanes und Lysistrata
Bukolos schrieb am 31.01.2022 um 18:00 Uhr (Zitieren)
Bewahre! Ich habe nicht deutlich genug darauf hingewiesen: Die Belegstellen hat Jeffrey Henderson in seinem Artikel Women and the Athenian Dramatic Festivals in den Transactions of the American Philological Association 121 (1991) aufgeführt.
Re: Aristophanes und Lysistrata
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 01.02.2022 um 00:45 Uhr (Zitieren)
Aber auch den Artikel muß man erst einmal kennen und dann noch zur Hand haben ...
Meiner restlosen Bewunderung kannst Du gewiß sein!