Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Neues über das Dunkle Zeitalter #1 (353 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 23.01.2022 um 15:08 Uhr (
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Anders als im Falle Indiens gibt es für Europa weder mündliche, schon gar nicht schriftliche Aufzeichnungen über die Epoche der großen Steppeneinwanderung. Mehr noch, es fehlt auch an archäologischen Funden und damit auch an alter DNA der frühen Steppeneinwanderer – nicht zuletzt deswegen, weil Europa vor 4900 Jahren offenbar weitgehend Niemandsland war. Für eine 150 Jahre währende Epoche jedenfalls finden sich aus dieser Zeit kaum Skelettreste, ebenso wenig Überreste von Siedlungen: Die Einwanderer aus dem Osten ritten in Zentraleuropa in ein auffallend dünn besiedeltes Gebiet ein. Was mit den wenigen Menschen passierte, auf die sie trafen, wissen wir nicht, es finden sich allerdings keine Anzeichen für große Schlachten.
Sehr wohl nachweisen lässt sich etwas anderes. Etwas, das weit tödlicher gewirkt haben könnte als das schärfste Bronzeschwert und das schnellste Pferd: die sogenannte Steinzeitpest. Das bislang älteste bekannte Pestbakterium wurde 2017 sequenziert, aus Knochen, die vor 4900 Jahren in der pontischen Steppe unter die Erde kamen – also in jener Region, in der auch die Steppeneinwanderung wahrscheinlich ihren Ausgang nahm.
Tatsächlich erhärten seitdem immer neue genetische Analysen steinzeitlicher Bakterienstämme aus ganz Mittel- und Osteuropa wieder und wieder den Verdacht, dass sich die Steinzeitpest auf dem gleichen Wege ausbreitete wie kurz zuvor auch die Einwanderer aus dem Osten – und dann schließlich vor 3600 Jahren mit der Rückwärtsbewegung der Menschen auch bis ins Altaigebirge kam.
Das alles spricht dafür, dass den Einwanderern von der Pest der Weg geebnet wurde. Das schlagartige Verschwinden europäischer Siedlungen in der 150-jährigen Dunkelperiode könnte durch die genetisch nachweisbaren sporadischen Kontakte verursacht worden sein, die zuvor bestanden, etwa zwischen Menschen der pontischen Steppe und im Gebiet des heutigen Bulgariens.
Der Steinzeitpest allerdings fehlte, auch das zeigten die genetischen Analysen, ein wesentlicher Bestandteil im Bakterien-Genom, der später für die tödliche Wucht der Justinianischen Pest im 6. Jahrhundert und des Schwarzen Todes im 14. sorgte. Der Steinzeiterreger nämlich löste wahrscheinlich eine Lungenpest aus, die von Mensch zu Mensch über die Atemwege übertragen wird, wenn Infizierte winzige Partikel ihrer Lunge aushusten. Die spätere Beulenpest hingegen hatte einen wesentlich effizienteren Übertragungsweg, über die damals allgegenwärtigen Flöhe, die zwischen Nagetieren und Menschen hin- und herwechselten. Mutationen in einer Reihe von Virulenz-Genen des Beulenpestbakteriums sorgten nämlich dafür, dass sich bei Flöhen, die infiziertes Blut aufnehmen, der Magen mit einem Bakterienklumpen verschließt und blockiert. Jeder Tropfen Blut, den der Floh fortan bei einem neuen Wirt aufnimmt, wird mit Pestbakterien verseucht und sofort in den Wirt erbrochen. Dieser Prozess wiederholt sich so lange, wie der Floh, vor Hunger wahnsinnig geworden, immer neue Opfer infiziert – bis er schließlich stirbt.
Ein Beulenpest-Ausbruch bei Menschen hatte damit dort gute Chancen, wo viele Menschen und Nagetiere zusammenlebten – für die Flöhe brauchte man bei den damaligen hygienischen Bedingungen nicht zu sorgen. Das älteste bekannte Beulenpest-Genom ist 2018 publiziert worden, war 3800 Jahre alt und stammte aus der Region um die südrussische Stadt Samara. Mithin also aus jener Zeit und Gegend, in der die Menschen der Srubna-Kultur sich im Getreideanbau probierten. Zum Anbau von Getreide gehört auch dessen Lagerung, was in jener Zeit fast zwangsläufig mit der Heimsuchung von Nagetieren einhergehen musste. Denkbar, dass hier der Grundstein gelegt wurde für die Mutation des Lungen- zum Beulenpestbakterium: Die Beulenpest ist an sich zwar etwas weniger tödlich als die Lungenpest, verbreitet sich dafür aber sehr viel stärker. Bis heute hat das Beulenpestbakterium eines seiner beständigsten Reservoirs in den Nagetierpopulationen Zentrala-siens.
[i](Johannes Krause / Thomas Trappe: Hybris. Die Reise der Menschheit zwischen Aufbruch und Scheitern. Berlin 4 2021, S. 260-263]Re: Neues über das Dunkle Zeitalter #1
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 23.01.2022 um 16:58 Uhr (
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Hochinteressant!
Faszinierend auch, wie eine naturwissenschaftliche Errungenschaft (Genomanalyse) als Mittel zur Erörterung historischer Fragen herangezogen werden und völlig neuen Aufschluß zu im Dunkel gebliebenen Phänomene geben kann.
Ich fühle mich an die Untersuchung zur Herkunft "Ötzis" erinnert, die durch vergleichende Mitochondrienanalyse und -verkartung recht genau auf zwei Alpentäler eingegrenzt werden kann (erinnere mich genau, wich ich im Bozener Museum staunend vor der entsprechenden Karte stand).
Re: Neues über das Dunkle Zeitalter #1
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 23.01.2022 um 17:35 Uhr (
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wich ich, lies: wie ich
Re: Neues über das Dunkle Zeitalter #1
Γραικύλος schrieb am 23.01.2022 um 18:24 Uhr (
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Danke.
Was man den Mitochondrien und überhaupt der DNA an Informationen entnehmen kann, ist erstaunlich. Das hat unsere Erkenntnisse in der Paläoanthropologie enorm erweitert.
Im vorliegenden Falle kommt das Entscheidende noch: eine neue Hypothese zum Charakter des Dunklen Zeitalters um 1300
v.u.Z.