Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der öffentliche Dienst im demokratischen Athen #2 (408 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 08.01.2022 um 12:55 Uhr (
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Der Aufwand, den die Athener mit ihren Kräften trieben, ist kaum nachzuvollziehen. Dabei geschah es immer wieder, daß sie manche Entscheidung schuldig blieben. Pseudoxenophon berichtet jedenfalls, daß manch einer ein volles Jahr lang nicht dazu kam, von Rat und Volk Antwort auf eine Anfrage zu erhalten. Wegen der Menge der Geschäfte. „Denn wie sollten sie es auch imstande sein, da sie erstens Feste zu feiern haben so viele, wie keine der Griechenstädte (während deren Dauer aber ist es weniger tunlich, von den Polisgeschäften etwas zu erledigen), dann über Privatklagen, öffentliche Anklagen und Rechenschaftsberichte zu urteilen so viel, wie nicht einmal alle andern Menschen zusammen im Gericht urteilen; der Rat aber hat viel zu besprechen über den Krieg, über den Eingang von Geldern, über Gesetzgebung, über das jeweils in der Stadt Anfallende, viel auch über die Angelegenheiten der Bundesgenossen, und den Tribut in Empfang zu nehmen und für Schiffswerften Sorge zu tragen und für Heiligtümer ...“
Da alle Beamten, Ratsmänner, Geschworenen Diäten erhielten, waren mit dieser Art von „Regierung“ und „Verwaltung“ nicht nur große Anstrengungen, sondern auch ein hoher finanzieller Aufwand verknüpft, auch wenn die Summen, die den Einzelnen zukamen, vergleichsweise gering waren; geringer jedenfalls als das, was die beim Bau des Erechtheions beschäftigten Handwerker pro Tag bekamen (4). Deren Lohn betrug eine Drachme, der Richtersold zunächst zwei, seit der Mitte der zwanziger Jahre drei Obolen (also eine halbe Drachme). Die Diäten für Ratsmänner und Beamte mögen etwas höher gewesen sein. Pseudoxenophons Meinung, daß es den attischen Kleinbürgern vornehmlich um die Einkünfte aus der Politik gegangen wäre, die sie in den Ämtern hätten erzielen können, ist also zumindest einseitig. Vielleicht, daß die politische Tätigkeit angenehmer war als andere; wesentlich aber muß die Ehre, der Rang angestrebt worden sein, die aus ihr erwuchsen. Und auch die Pflicht, sie zu übernehmen, wird mitgesprochen haben; die Diäten selbst boten vor allem nur einen Ausgleich für Verdienstausfall.
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In dieser Ordnung war die radikale demokratische Konsequenz aus der allgemein griechischen Überzeugung gezogen, daß die Bürgerschaft die Polis sein. Wie zur Aristokratie die Beteiligung der Adligen am politischen Leben und an den Ämtern gehörte, verständlicherweise, so praktizierte die Demokratie das gleiche mit großen Teilen des Volkes. Was erstaunlich war und so nur in Athen möglich, dank seiner Herr-schaft (5).
Aber es hatte seine Logik. Diese Bürger wollten den Adligen gleich sein, also mußten sie sich beteiligen, gerade auch an den Ämtern. Weil viele das können sollten, mußten sie die Ämter stark vermehren. Sie wollten deren Besetzung nicht zur Sache des Einflusses Mächtiger machen, also mußten sie losen. Keiner sollte wegen mangelnder finanzieller Ausstattung ausgeschlossen sein, daher brauchten sie Diäten. Sie wollten bestimmen, was geschah, also mußte alles auf Rat und Volksversammlung ausgerichtet sein.
(Christian Meier, Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte. Berlin 1993, S. 490-493)
(4) Für den Bau dieses Tempels auf der Akropolis sind Handwerkerabrechnungen erhalten; so entfielen auf jede einzelne Säule 350 Tageslöhne. (Vgl. Meier,
a.a.O., S. 452)
(5) über die tributpflichtigen Seebundsmitglieder