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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Mögliche Ursachen für den Untergang des Römischen Reiches (411 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 05.01.2022 um 15:17 Uhr (Zitieren)
[...] Das Spektrum dessen, was [...] in der Geschichtsschreibung als „Erklärung“ oder mindestens ein „Faktor“ gilt, ist so ungeheuer breit, verschiedenartig und vage, daß man zweifeln darf, ob die einzelnen Schulen einander auch bloß im Widerspruch begegnen können.

Bryan Ward-Perkins hat in seinem Buch The Fall of Rome and the End of Civilization (1) im Faksimile die systematische Übersicht aller „Faktoren” abgebildet, alphabetisch geordnet, die jemals für den Niedergang des Römischen Reiches verantwortlich gemacht worden sind. Zweihundertzehn Stück sind es; und er läßt die Liste in ihrem originalen Deutsch stehen, auf die Gefahr hin, daß viele seiner englischen Fachkollegen und Leser es nicht mehr verstehen werden. (Der deutsche Leser hingegen wird wieder einmal daran erinnert, welche sinister erheiternde Wirkung von seiner Sprache für einen Angelsachsen ausgeht.)

Es hebt an mit „Aberglaube“, „Absolutismus“ und „Ackersklaverei“ und endet mit „Zentralismus“, „Zölibat“ und „Zweifrontenkrieg“. Ein Großteil der Einträge verrät sich sofort als Produkt eines denkfaulen, übellaunigen und rechthaberischen Kulturkonservatismus: „Apathie“, „Badewesen“, „Charakterlosigkeit“, „Duckmäusertum“, „Entnervung“, „Freiheit im Übermaß“, „Gleichberechtigung“, „Homosexualität“, „Intellektualismus“ und viele andere; der Übergang zur nationalsozialistischen Wissenschaft ist fließend, ihr dürften Stichwörter wie „Entartung“, „Entvolkung“, „Rassenselbstmord“, „Blutzersetzung“ zugehören. Auf eine geschmäcklerisch geistesgeschichtliche Betrachtungsweise deuten hin „Kulturneurose“, „Seelenbarbarei“ und, in seiner Schlichtheit rührend, „Traurigkeit“. Die sozialgeschichtliche Schule trägt bei „Schollenbindung“, „Arbeitsteilung“, „Bevölkerungsdruck“, „Ruin des Mittelstandes“, die marxistische „Ausbeutung“, „Kapitalismus“, „Pauperismus“, die militärgeschichtliche „unkluge Vorfeldpolitik“, die wirtschaftsgeschichtliche „Goldabfluß“, „Inflation“, „Verlagerung der Handelswege“, die christliche „Ketzerei“, „Gladiatorenwesen“, „Poly-theismus“ (wobei aber auch „Christentum“ als Grund genannt wird), die medizingeschichtliche „Bleivergiftung“, „Impotenz“ und „Seuchen“, die erdgeschichtliche „Erdbeben“, die klimageschichtliche „Klimaverschlechterung“. Auch „Niedergang der Städte“, „Hunnensturm“, „Stagnation“ tauchen auf, ohne Rücksicht, daß sie der Befund sind, der zu erklären wäre, und keineswegs als Gründe für sich selbst durchschleichen sollten.

Nicht fehlen darf heute der „Terrorismus“, während der ähnlich anachronistische „Kommunismus“ vermutlich schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Und: „Unglückskette“, das ist ein schöner Ausdruck, hat aber den methodischen Wert eines Händeringens.

Auffällig ist die Häufung von Substantiven, die mit Ent-, Ver- und Über- beginnen; sie weisen auf den Hang der Historiker, die Analyse des Fehlgeschlagenen mit seiner Kritik zu verbinden. Und das sind, wie gesagt, nur die Makrofaktoren; auf welche Weise die feinen Zahnräder der Mikrogründe wie das Mausloch in der Steppe (2) und Napoleons Hämorrhoiden (3) in sie eingreifen könnten, um das Uhrwerk der Ereignisse und Tendenzen in Gang zu setzen, muß ganz unklar bleiben.

Ward-Perkins enthält sich nach dieser Demonstration auch aller weiteren Ursachensuche und beharrt nur auf dem einen: Die allgemeine Lebensqualität sei zum selben Zeitpunkt sprunghaft zurückgegangen, als die germanischen Völkerschaften einbrachen, und hier müsse jedenfalls ein Zusammenhang bestehen. Gleichwohl heißt das Kapitel, in dem er seinen unterkühlten Spott über die Kausalforscher ausgießt, „The Road to Defeat“: Dem Reflex, jedes abgelaufene Stück Zeit sogleich als einen Weg zu deuten, entgeht auch er nicht.
[...]

(Burkhard Müller: Die Tränen des Xerxes. Von der Geschichte der Lebendigen und der Toten. Springe 2006, S. 166-168)

(1) Oxford 2005
(2) durch das ein berühmter Mongolenherrscher sich einen tödlichen Sturz vom Pferd zuzog
(3) „verantwortlich“ für die Niederlage bei Waterloo
Re: Mögliche Ursachen für den Untergang des Römischen Reiches
Bukolos schrieb am 05.01.2022 um 18:28 Uhr (Zitieren)
Etwas befremdlich erscheint, dass Müller diesen Katalog über den Umweg Ward-Perkins präsentiert und es dem Leser überlässt, dort in den Fußnoten nach dem Urheber zu forschen. Dieser mag in der englischsprachigen Welt nur a German scholar sein (so Ward-Perkins im Basistext auf S. 33), aber beim deutschsprachigen Publikum besitzt der Name Alexander Demandt doch eine gewisse Popularität.
Re: Mögliche Ursachen für den Untergang des Römischen Reiches
Γραικύλος schrieb am 05.01.2022 um 22:42 Uhr (Zitieren)
Da ich das Buch von Ward-Perkins nicht kenne, wußte ich nicht, daß die Liste auf Alexander Demandt zurückgeht, habe mich aber gewundert, daß Ward-Perkins sie auf Deutsch zitiert.
Aber mir gefällt die Art, wie Müller diese Hypothesen kommentiert.
Re: Mögliche Ursachen für den Untergang des Römischen Reiches
Γραικύλος schrieb am 05.01.2022 um 22:44 Uhr (Zitieren)
Welches Buch von Demandt ist denn die Quelle? "Die Spätantike"?
Re: Mögliche Ursachen für den Untergang des Römischen Reiches
Bukolos schrieb am 05.01.2022 um 23:44 Uhr (Zitieren)
Der Fall Roms: Die Auflösung des römischen Reiches im Urteil der Nachwelt, München 1984
 
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