Γραικύλος schrieb am 09.12.2021 um 11:43 Uhr (Zitieren)
Bekanntlich ist das Christentum in der östlichen Hälfte des Römischen Reiches entstanden, in der überwiegend Griechisch gesprochen wurde, und für Jahrhunderte befand sich dort auch der Schwerpunkt der christlichen Gemeinden.
Die griechische Bezeichnung für die Gläubigen, Χριστιανοί, hat nun auffallenderweise ein lateinisches End-Suffix, als ob das Wort vom Lateinischen ins Griechische übernommen worden wäre.
Die Erklärung dafür ist unbekannt. Möglicherweise hat ein römischer, Latein sprechender Statthalter im Osten diese Bezeichnung als erster verwendet, etwa in einem Lagebericht.
Re: Χριστιανοί
Γραικύλος schrieb am 09.12.2021 um 18:45 Uhr (Zitieren)
Ein End-Suffix ist zuviel des Guten - Suffix reicht.
Re: Χριστιανοί
Bukolos schrieb am 10.12.2021 um 22:47 Uhr (Zitieren)
Zu den frühen christlichen Gemeinden gehören ja die (stadt)römischen, die nach der Ausweisung durch Claudius in das ebenfalls mehrheitlich von lateinisch sprechenden Bürgern bewohnte Korinth übersiedelten. Die Vorstellung von einem griechischsprachigen Osten und einem lateinischen Westen, die durch Sprachbarriere weitgehend abgeschottet nebeneinanderherlebten, lässt sich für die Zeit des aufkommenden Christentums kaum behaupten.
Das Griechische kannte in seiner klassischen Ausprägung keine Derivatbildung, um die Anhängerschaft oder Partei einer Person zu bezeichnen. Das wurde meist über eine substantivierte Präpositionalgruppe (οἱ μετὰ Κύρου) geleistet. Das Lateinische stellte hier also mit Ableitungen vom Typ Pompeianus oder Caesarianus eine Bildung bereit, die im Griechischen hätte umschrieben werden müssen. Die vom Lateinischen abweichende Oxytonese der Bildungen Ἡρῳδιανός und Χριστιανός kommt dabei laut Wackernagel durch Anlehnung an kleinasiatische Ethnika wie Σαρδιανός zustande, deren Derivationssuffix damals bereits zum Inventar des Griechischen gehörte.
Übrigens gibt es im Griechischen des NT eine ganze Reihe weiterer Latinismen, nicht nur solche, die dem administrativen oder militärischen Bereich entstammen (z. B. σουδάριον).
Re: Χριστιανοί
Γραικύλος schrieb am 11.12.2021 um 14:02 Uhr (Zitieren)
War nicht so selten. Gut, dann lege ich meinen ausgedachten Statthalter beiseite.
Re: Χριστιανοί
filix schrieb am 12.12.2021 um 00:29 Uhr (Zitieren)
Die These, dass es sich um einen von der römischen Administration der Provinz Syria geprägten Ausdruck handelt und zwar mit dem Beigeschmack negativer politischer Kennzeichnung, ist allerdings nicht ganz neu. Sie stützt sich dabei nicht nur auf die Derivationsbildung nach lat. Vorbild, sondern auch auf den Sprachgebrauch in Apg. 11,26, worin es heißt, Χριστιανοί sei erstmals in Antiochia aufgekommen. Das dabei gebrauchte Verb χρηματίζω sei als Akt der Fremdbezeichnung aufzufassen und gehöre wahrscheinlich ins Register der Verwaltungssprache.
Justin Taylor behandelt unter Einbeziehung weiterer Quellen und Beleuchtung des Kontexts der typischen Verwendung des Ausdrucks in der Epoche die Frage Why were the disciples called 'Christians' in Antiochia? ausführlich in Vol. 101(1994) der Revue Biblique - https://www.jstor.org/stable/44089176.
Er kommt zu folgender Conclusion:
Re: Χριστιανοί
Γραικύλος schrieb am 12.12.2021 um 14:13 Uhr (Zitieren)
Nicht den Bezug auf Antiochia (den er nicht erwähnt), aber das politische Delikt sieht Friedrich Vittinghoff ähnlich, wobei sein Artikel etwas älter ist als der von Justin Taylor: