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Der Sieg des Christentums (339 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 17.11.2021 um 13:38 Uhr (
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Edward Gibbon, Verfall und Untergang des Römischen Reiches:
[...] Unsere Wißbegierde findet sich ganz natürlich aufgefordert zu erforschen, durch welche Mittel der christliche Glaube einen so merkwürdigen Sieg über die übrigen herrschenden Religionen der Erde erlangt habe. Dieser Frage kann mit einer leichten aber befriedigenden Antwort begegnet werden: daß dies nämlich der überzeugenden Wahrheit ihrer Lehre und der leitenden Vorsehung ihres großen Urhebers zuzuschreiben sei.
Da aber Wahrheit und Vernunft selten eine so günstige Aufnahme in der Welt finden, und da die Weisheit der Vorsehung sich häufig herabläßt, die Leidenschaften des menschlichen Herzens und die allgemeinen Zustände des Menschengeschlechtes als Werkzeuge zur Erreichung ihrer Zwecke zu gebrauchen: bleibt uns doch, wenn gleich mit geziemender Unterwürfigkeit[,] die Frage gestattet, nicht was die ersten, sondern was die sekondären Ursachen des schnellen Wachsthumes der christlichen Kirche gewesen sind.
Es wird sich vielleicht kundgeben, daß sie durch folgende fünf Ursachen am wirksamsten begünstigt und unterstützt worden ist: I. Der unbeugsame und, wenn wir den Ausdruck ge-brauchen dürfen, unduldsame Eifer der Christen, allerdings aus der jüdischen Religion stammend, aber von den engherzigen und ungeselligen Geiste gereinigt, welcher, statt die Heiden zur Annahme des mosaischen Gesetzes einzuladen, sie vielmehr davon abschreckte. II. Die Lehre von einem künftigen Leben, durch jeden Nebenumstand verbessert, welcher dieser wesentlichen Wahrheit Gewicht und Wirksamkeit geben konnte. III. Die der Urkirche zugeschriebene Gewalt Wunder zu wirken. IV. Die reine und strenge Moral der Christen. V. Die Einheit und Disciplin der christlichen Republik, welche allmälig einen unabhängigen und zunehmenden Staat im Herzen des römischen Reiches bildete.
[...]
Im folgenden erläutert Gibbon diese fünf Faktoren.
(Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Reiches. Herausgegeben von Dero A. Saunders. Nördlingen 1987, S. 237 f.)
Re: Der Sieg des Christentums
Andreas schrieb am 17.11.2021 um 14:51 Uhr (
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überzeugenden Wahrheit ihrer Lehre und der leitenden Vorsehung ihres großen Urheber
Was ist damit konkret gemeint?
Welche Wahrheit? Was soll v.a. Vorsehung bedeuten? Wie wirkt sie konkret?
An welchen Kriterien kann man erkennen, dass sie
am Werk ist und nicht der Zufall oder andere
logisch erklärbare Vorgänge? Re: Der Sieg des Christentums
Γραικύλος schrieb am 17.11.2021 um 15:41 Uhr (
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1. Gibbon schrieb im 18. Jahrhundert. Etwas anderes als dies vom Christentum zu sagen, wäre damals nicht ganz ungefährlich gewesen.
2. Gibbon hat mehrfach die Konfession gewechselt, und was immer an persönlichen Glauben dabei herausgekommen ist, es scheint nicht ausgesprochen dogmatisch gewesen zu sein.
3. In vielen Passagen seines Werkes habe ich den Eindruck, daß er auch die Themen des christlichen Glaubens mit leiser Ironie behandelt.
Als Beispiel gebe ich einmal die folgende Passage aus dem Abschnitt III über Wunder wieder, mit entsprechenden Hervorhebungen an den Stellen, an denen ich Ironie vermute:
Die übernatürlichen Gaben, welche den Christen von dem übrigen Theile des Menschengeschlechtes selbst in diesem Leben zugeschrieben wurden, müssen zu ihrem eigenen Wohle und sehr häufig zur Bekehrung der Ungläubigen beigetragen haben. Außer den Wundern, welche zuweilen durch die unmittelbare Dazwischenkunft der Gottheit gewirkt wurden, indem sie die Gesetze der Natur zum Besten der Religion hemmte, nahm die christliche Kirche von der Zeit der Apostel und ihrer ersten Jünger an die ununterbrochene Aufeinanderfolge wunderwirkender Gewalten in Anspruch, die Gabe fremder Zungen, des Gesichtes, der Prophezeiung, die Macht Teufel auszutreiben, Kranke zu heilen und Todte zu erwecken.
Die Kunde fremder Sprachen wurde den Zeitgenossen des Irenäus (1) häufig mitgetheilt, obschon Irenäus selbst mit den Schwierigkeiten eines barbarischen Dialektes kämpfen mußte, als er den Eingebornen von Gallien das Evangelium predigte.
Die göttliche Inspiration, sie wurde in Form eines Gesichtes im wachenden oder im Traumzustande mitgetheilt, wird als eine sehr häufige Gabe der Christen alles Ranges geschildert, der Frauen wie der Ältesten, der Knaben wie der Bischöfe. Wenn ihre frommen Gemüther sich durch eine Reihe von Gebeten, Fasten und Nachtwachen hinreichend vorbereitet hatten, um den außerordentlichen Impuls zu empfangen, geriethen sie außer ihren Sinnen und sagten in der Verzückung, was ihnen der heilige Geist eingab, dessen bloße Werkzeuge sie dann waren, wie die Flöte es Demjenigen ist, der in sie bläst. Wir mögen hinzufügen, daß diese Gesichte größtentheils bezweckten, die künftige Geschichte der Kirche zu enthüllen oder ihre gegenwärtige Regierung zu lenken.
Die Austreibung der Dämonen aus den Leibern jener unglücklichen Personen, die zu quälen ihnen gestattet war, wurde als ein entscheidender doch gewöhnlicher Triumph der Religion betrachtet und von den alten Apologisten wiederholt als der überzeugendste Beweis von der Wahrheit des Christenthumes angeführt. Die furchtbare Ceremonie ging gewöhnlich öffentlich und in der Anwesenheit einer großen Anzahl von Zuschauern vor sich; der Kranke wurde durch die Macht oder Geschicklichkeit des Exorzisten erlöst, und den besiegten Dämon hörte man bekennen, daß er einer der fabelhaften Götter des Alterthumes wäre, welche sich ruchloser Weise die Anbetung des Menschengeschlechtes angemaßt hätten.
Aber die wunderbare Heilung der eingewurzeltsten ja selbst übernatürlichen Krankheiten kann kein längeres Staunen verursachen, wenn man bedenkt, daß in den Tagen des Irenäus gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts die Auferweckung von den Todten weit entfernt war, für ein ungewöhnliches Ereigniß zu gelten; daß dieses Wunder häufig bei nothwendigen Veranlassungen nach großem Fasten und auf die vereinigte Bitte der Kirche des Ortes gewirkt wurde, und daß die durch ihr Gebet wieder genesenen Personen nachher noch viele Jahre unter ihnen lebten.
In einer Zeit, wo sich der Glaube so vieler wunderbarer Siege über den Tod rühmen konnte, scheint es in der That schwer, den Skepticismus jener Philosophen zu begreifen, welche die Lehre von der Wiederauferstehung noch immer verlachten und verhöhnten. Ein edler Grieche führte auf diesen wichtigen Grund die ganze Streitfrage zurück und versprach dem Bischof von Antiochien, Theophilus, daß er sogleich die christliche Religion ergreifen würde, wenn man ihm eine einzige Person zeigen könne, die wirklich von den Todten auferweckt worden wäre. Es ist einigermaßen merkwürdig, daß der Prälat der ersten Kirche des Orientes, wie ängstlich bekümmert auch um die Bekehrung seines Freundes, es doch für gerathen hielt, die offene und vernünftige Herausforderung abzulehnen.
[...]
(a.a.O., s. 253 f.)
(1) frühchristlicher Theologe und Kirchenvater (ca. 115-202 u.Z.)
Re: Der Sieg des Christentums
Γραικύλος schrieb am 17.11.2021 um 16:54 Uhr (
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an persönlichen Glauben --> an persönlichem Glauben