α β γ δ ε ζ η θ ι κ λ μ ν ξ ο π ρ ς σ τ υ φ χ ψ ω Α Β Γ Δ Ε Ζ Η Θ Ι Κ Λ Μ Ν Ξ Ο Π Ρ C Σ Τ Υ Φ Χ Ψ Ω Ἷ Schließen Bewegen ?
Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Schadewaldts Tübinger Vorlesungen (521 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 04.10.2021 um 17:03 Uhr (Zitieren)
Wolfgang Schadewaldt (1900-1974) war ein bedeutender deutscher Altphilologe, Professor in Königsberg, Freiburg, Leipzig, Berlin und ab 1850 bis zu seiner Emeritierung in Tübingen.

Neben seiner großen, zweibändigen Aufsatzsammlung "Hellas uns Hesperien" erscheinen mir seine in vier Bänden erschienenen Tübinger Vorlesungen über die griechische Kultur noch heute von Interesse:
- Tübinger Vorlesungen Band 1: Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen. Die Vorsokratiker und ihre Voraussetzungen. Frankfurt/Main 1978 (stw 218)

- Tübinger Vorlesungen Band 2: Die Anfänge der Geschichtsschreibung bei den Griechen. Herodot - Thukydides. Frankfurt/Main 1982 (stw 389)

- Tübinger Vorlesungen Band 3: Die frühgriechische Lyrik. Frankfurt/Main 1989 (stw 783)

- Tübinger Vorlesungen Band 4: Die griechische Tragödie. Frankfurt/Main 1991 (stw 948)

Die ursprünglich vorgesehene Gliederung war eine in sechs Bänden, und letztlich sind der Band über die Komödie sowie der über die Nachwirkungen des Griechentums in der europäischen Literatur entfallen - da ist man dann auf "Hellas und Hesperien" angewiesen (2 Bde. Zürich/Stuttgart 1970).
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
Γραικύλος schrieb am 04.10.2021 um 17:05 Uhr (Zitieren)
ab 1850 --> ab 1950
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 04.10.2021 um 18:25 Uhr (Zitieren)
Und einer der, wie ich finde, bedeutendsten Übersetzer: Ilias (1975 posth, in freien Rhythmen) und Odyssee (1957, in Prosa) erscheinen, z. B. durch die Befreiung von Füllwörtern, konzentrierter und bringen so die sprachliche Wucht der Originale prägnant zum Vorschein.
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
Γραικύλος schrieb am 04.10.2021 um 23:10 Uhr (Zitieren)
Könntest Du einmal ein paar Verse zum Besten geben? Ich habe diese Übersetzungen nicht.
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
Aurora schrieb am 05.10.2021 um 08:04 Uhr (Zitieren)
durch die Befreiung von Füllwörtern,

Er übersetzt z.T. extrem wörtlich.
Ich erinnere mich noch an das "o mir ich" (o moi ego)
aus meiner TB-Ausgabe (Rowohlt).

Pressezitat:
"Seit wir Schadewaldt haben, sind wir fürs erste alle Sorgen
eines deutschen Homers wegen ganz los."
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
Γραικύλος schrieb am 05.10.2021 um 13:51 Uhr (Zitieren)
Ein paar Verse als Beispiel wären schön.
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 05.10.2021 um 16:37 Uhr (Zitieren)
Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ
πλάγχθη, ἐπεὶ Τροίης ἱερὸν πτολίεθρον ἔπερσε·
πολλῶν δ’ ἀνθρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω,
πολλὰ δ’ ὅ γ’ ἐν πόντῳ πάθεν ἄλγεα ὃν κατὰ θυμόν,
[5] ἀρνύμενος ἥν τε ψυχὴν καὶ νόστον ἑταίρων.
ἀλλ’ οὐδ’ ὧς ἑτάρους ἐρρύσατο, ἱέμενός περ·
αὐτῶν γὰρ σφετέρῃσιν ἀτασθαλίῃσιν ὄλοντο,
νήπιοι, οἳ κατὰ βοῦς Ὑπερίονος Ἠελίοιο
ἤσθιον· αὐτὰρ ὁ τοῖσιν ἀφείλετο νόστιμον ἦμαρ.
[10] τῶν ἁμόθεν γε, θεά, θύγατερ Διός, εἰπὲ καὶ ἡμῖν.


Sage mir, Muse, die Taten des viel sich wendenden Mannes,
Welcher so viel geirrt, nach der heiligen Troia Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft. [5]
Aber die Freunde rettet' er nicht, wie eifrig er strebte,
Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben:
Toren! welche die Rinder des hohen Sonnenbeherrschers
Schlachteten; siehe, der Gott nahm ihnen den Tag der Zurückkunft,
Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions. [10]
Voß

Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel auch erlitt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Mute, sein Leben zu gewinnen wie auch die Heimkehr der Gefährten. Jedoch rettete er auch so nicht die Gefährten, so sehr er es begehrte. Selber nämlich verdarben sie, die Toren, die die Rinder des Sohns der Höhe, Helios, verzehrten. Der aber nahm ihnen den Tag der Heimkehr. Davon - du magst beginnen, wo es sein mag - Göttin, Tochter des Zeus, sage auch uns!
Schadewaldt

Eine ganze Menge Vorzüge kann ich allein in diesen wenigen Versen erkennen:
[1] πολύτροπον - viel sich wendend (??) - vielgewandt (welches auch auf die vielen Schliche und Listen anspielt).
[2] πλάγχθη ist Passiv, Voß macht ein unschuldiges geirrt daraus; nein: umgetrieben (hin und her) wurde Odysseus, der Dulder, nach dem Willen des Poseidon!
[3/4] Die anapherähnliche Figur des πολλῶν δ’ ... / πολλὰ δ’ geht bei Voß völlig unter.
[5] Bei ἀρνύμενος bleibt Schadewaldt nicht nur in der Wortwahl soviel näher am Original, sondern vor allem in der Aussage: Odysseus geht es nicht um seine Rettung, sondern darum, sein (Über)Leben zu erkämpfen und der Gefährten Heimkehr zu erlangen.
Das unnennbar [4] ist Voßsche Zutat, ebenso wie das siehe [9].
[10] Dessen ursprünglicher Duktus ebenso wie das ἁμόθεν γε, das Voß unterschlägt, kommt kraftvoll zum Vorschein, allein die endstehende Aufforderung an die Muse hat schon eine lobende Erwähnung ;-) verdient.
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 05.10.2021 um 16:55 Uhr (Zitieren)
Und noch ein paar:
[2] Was ist die einem Buchhalter angemessene Substantivierung des ἔπερσε gegen das Schadewaldtsche Verb?
[7] Wie ein Hammer fällt das αὐτῶν / selber zu Beginn des Verses, was ist dagegen das saftlose 'denn (sie bereiteten) selbst' (an vierter Stelle klappt es nach)?! Sogar das nachgestellte γὰρ wird nachgebildet.

Nicht verschwiegen soll allerdings werden, daß Schadewaldt den Passus σφετέρῃσιν ἀτασθαλίῃσιν ὄλοντο unübersetzt läßt - einen Grund dafür kann ich nicht erkennen; es könnte ohne weiteres einzugliedern sein: "Selber nämlich, durch eigene Vermessenheit, verdarben sie..."
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 05.10.2021 um 16:57 Uhr (Zitieren)
den Passus σφετέρῃσιν ἀτασθαλίῃσιν ὄλοντο
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 05.10.2021 um 17:02 Uhr (Zitieren)
Et encore ...
Die Ilias-Übersetzung habe ich momentan leider nicht zur Hand. Bei Bedarf liefere ich gern nach, bitte aber um ein wenig Geduld.
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
Γραικύλος schrieb am 05.10.2021 um 22:27 Uhr (Zitieren)
Das gibt mir schon ein gutes Bild, auch durch Deine ergänzenden Bemerkungen. Herzlichen Dank!
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 06.10.2021 um 11:04 Uhr (Zitieren)
Sehr gern geschehen, βέλτιστε!
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
Bukolos schrieb am 06.10.2021 um 11:29 Uhr (Zitieren)
Voß hat die Homer-Übersetzung im Verlauf seines Lebens mehrfach umgearbeitet. Bei der Beurteilung sollte man fairerweise auch die Ausgabe letzter Hand von 1821 berücksichtigen. Von den für das Odyssee-Proömium genannten Kritikpunkten fallen da schon einige weg:

Melde den mann mir, Muse, den vielgewandten, der vielfach
Umgeirrt, als Troja, die heilige stadt, er zerstöret;
Vieler menschen städte gesehn, und sitte gelernt hat,
Auch im meere so viel herzkränkende leiden erduldet,
Strebend für seine seele zugleich und der freunde zurükkunft.
Nicht die freunde jedoch errettet’ er, eifrig bemüht zwar;
Denn sie bereiteten selbst durch missethat ihr verderben:
Thörichte, welche die rinder dem leuchtenden sohn Hyperions
Schlachteten; jener darauf nahm ihnen den tag der zurükkunft.
Hievon sag’ auch uns ein weniges, tochter Kronions.

[Homers Odyssee von Johann Heinrich Voß, 5. stark verbesserte Aufl., Stuttgart/Tübingen 1821.]
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
Γραικύλος schrieb am 06.10.2021 um 12:57 Uhr (Zitieren)
Gut zu wissen. Dann ist also die verbreitete Ausgabe im Winkler-Verlag nicht die letzter Hand.
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 06.10.2021 um 16:00 Uhr (Zitieren)
Melde den Mann mir, Muse
Echt jetzt?? Hoffentlich hat die Muse vorher auch Haltung angenommen ... SCNR

Und die Übersetzung von ἤσθιον als schlachteten (so noch 1821) halte ich für einen - sicher dem Metrumzwang zu "verdankenden", aber unübersehbaren - Lapsus.

Nicht daß ein falscher Eindruck entsteht: die Voßsche Übersetzung (in welcher Fassung auch immer) ist auch in meinen Augen eine große Leistung sui generis, die nicht zuletzt das hochklingende Pathos der mythischen Vorzeit in ein anrührendes Gewand kleidet und so empfänglichen Seelen einen bleibenden Eindruck vom Wert des Epos und seiner bildhaften Sprache vermittelt.
Nimmt man jedoch die philologischen Gesichtspunkten stärker in den Blick, so kann man m. E. nicht umhin, die Schadewaldtsche Übersetzung zu bevorzugen, und zwar weil ihre Genauigkeit nicht Selbstzweck ist, sondern die drängende Kraft des Originals offenbart.

Ich habe das schon das ein paar Mal hier geschrieben, wie frappant ich es finde, daß man bis in Kleinigkeiten hinein einem griechischen Text folgen und ein stimmiges Deutsch hervorbringen kann. Schadewaldt liefert die besten Beweise für diese Ansicht.
Re: Schadewaldts Tübinger Vorlesungen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 06.10.2021 um 16:01 Uhr (Zitieren)
Gesichtspunkten
 
Antwort
Titel:
Name:
E-Mail:
Eintrag:
Spamschutz - klicken Sie auf folgendes Bild: Wasserfall

Aktivieren Sie JavaScript, falls Sie kein Bild auswählen können.