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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Theodor Mommsen über Tiberius #2 (477 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 23.09.2021 um 08:21 Uhr (Zitieren)
Vorlesung Römische Kaisergeschichte WS 1872/73 in der Nachschrift von Ludwig Schemann:
Die Änderung der Comitien war ungemein wichtig, ein Ausbau der Augustischen Verfassung. Tiberius entzog die Wahlen den Comitien und gab sie dem Senat. Der Augustische Staat schon war aus einem demokratischen zu einem aristokratischen geworden, die Wahlen der Comitien waren der letzte Anklang an die alte Demokratie. Dieser populus Romanus war nur mehr ein staatlicher Name, nicht eine staatliche Wesenheit. Die Senatswahlen sind ein Fortschritt von den Urwahlen zu direkten Wahlen. Die Beschlüsse des Senats sind zugleich die des populus Romanus.

Bei so großen Leistungen für den Staat wurden durch Tiberius‘ wüste, freud- und lieblose Stimmung die Folgen seines segensreichen Regimentes völlig verkümmert. Das Verhältnis von Volk und Herrscher ein getrübtes, auch hierin ist Tiberius eine tragische Erscheinung.
... dabei war Germanicus (1) entschieden republikanisch gesinnt, das Haupt der Liberalen. Die Stellung desselben zu Tiberius war natürlich eine durchaus unangenehme, weil entgegengesetzte: Germanicus, als Kronprinz der populärste, Tiberius, der Kaiser, der unpopulärste Mann des Staates. Vergegenwärtigen wir uns diese Peinlichkeit der Situation, so müssen wir einerseits die Loyalität des Germanicus, anderseits auch das Verfahren des Tiberius anerkennen, der ihn trotz der verfänglichen Vorgänge am Rhein (2) noch Jahre lang in seinem Kommando beließ.

Tiberius zog überall die letzten Konsequenzen der Monarchie; wo Augustus vielfach noch mild und nachsichtig aufgetreten war, ließ Tiberius die notwendige Unerbittlichkeit eintreten.

Er gehörte zu den unglücklichen Naturen, die weder Servilität noch Freimut vertragen können.
Tiberius fehlte das Talent, kleine unbedeutende Dinge zu begreifen. Er nahm alles streng, ernst im größten Maßstab.

Tiberius veranlaßte alle Vornehmen, ihr Vermögen mindestens zu 2/3 in italischem Grundbesitz anzulegen. Die Kapitalien mußten zurückgezogen werden; um einer Krise vorzubeugen, half Tiberius dabei aus Staatsmitteln. Dieser Gedanke war einer der genialsten des Tiberius. Die Aristokratie sollte nicht aus Bankiers bestehen, weil hierdurch der soziale Verfall besiegelt worden wäre. Unter den folgenden schlaffen Regierungen wurde diese Idee nicht weiter durchgeführt.

Fragen wir endlich nach Kunst und Wissenschaft, so sehen wir allerdings eine freud- und farblose Epoche vor uns. Velleius [Paterculus] und Valerius Maximus, sonst durchaus verschieden, kommen nur zusammen in hündischer Adulation. Sonst ist nur noch der ältere Seneca zu nennen. Der geistige Druck dieser Zeit macht sich auf dem literarischen Gebiet überall geltend. Die literarische Censur hat freilich Tiberius nicht begonnen, aber unter seinem Regiment hat sie zuerst größere Ausdehnung gewonnen. Das gute, schlichte Latein ist übrigens abgekommen, man stellt nicht mehr, man verdreht die Worte (man vergleiche nur die Reden des Livius mit den Controversen des Seneca). Der schwerfällige Stil des Kaisers mag auf die ganze Epoche eingewirkt haben.

Man geht jetzt in der Überschätzung des Tiberius ebenso zu weit als früher in der Verurteilung desselben. Bei allem Lichte dürfen wir uns die Schattenseiten nicht verhehlen. Im ganzen gilt von der römischen Monarchie dasselbe, was man von Preußen sagt: seine drei ersten Herrscher (Gaius Julius Caesar, Augustus, Tiberius) hatten sie fest gegründet, freilich auf nichts weniger als gerade natürlichen Grundsätzen.

Parallele des Tiberius mit Friedrich dem Großen in vielen Beziehungen zutreffend. Trefflicher Feldherr, noch besserer Verwalter. Häusliches und ähnliches Unglück, nur überboten durch das immer fortdauernde Pflichtgefühl. Dabei das dilettantische Spielen mit der Kunst und Wissenschaft. Greisenhaftigkeit der letzten Jahre, aber bis zuletzt Ausdauer bei den Staatsgeschäften.

(Theodor Mommsen: Römische Kaisergeschichte. Nach den Vorlesungs-Mitschriften von Sebastian und Paul Hensel 1882/86. Hrsg. v. Barbara und Alexander Demandt. München 1992, S. 148-150)

(1) Neffe und Adoptivsohn des Tiberius
(2) Germanicus hatte dort als von Tiberius entsandter Feldherr eine eigenmächtige und nicht dauerhaft erfolgreiche Eroberungspolitik betrieben.
 
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