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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Halle schließt (9158 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.06.2021 um 14:07 Uhr (Zitieren)
Das Rektorat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg plant die Schließung der Klassischen Philologie und des Instituts für Altertumskunde.

So berichtet es die FAZ in ihrer heutigen Ausgabe: "Angriff mit der Abrissbirne" (im Feuilleton).
Und der Verfasser des Artikels, Michael Sommer (Professor für Alter Geschichte in Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages), ist natürlich dagegen.

Leider sind, so scheint mir, die Argumente auf beiden Seiten recht dürftig.

Das Rektorat: "Drittmittelstarkes Forschungspotential ist gegenwärtig nicht zu erkennen"; man kann das ja auch in Leipzig studieren.

Michael Sommer: Das Institut ist von dem Homer-Forscher Friedrich August Wolf 1787 gegründet worden und damit "eine der traditionsreichsten Lehrstätten für Altertumskunde im deutschsprachigen Raum und einer der wenigen Orte, an denen Altertumswissenschaftler interdisziplinär forschen können, ohne sich auf die beliebigen Nonsens-Themen sogenannter Verbundforschung einlassen zu müssen".

Wenn der Altertumskunde nicht bald mehr einfällt, um ihre Bedeutung zu erklären, dann sieht's düster aus.
Da waren selbst hier schon bessere Argumente zu lesen.
Re: Halle schließt
Βοηθὸς Ἑλληνικός schrieb am 02.06.2021 um 14:58 Uhr (Zitieren)
Die Lateinische Philologie hat sich schon lange eingeigelt und hauptsächlich hat sie durch das Lehramt überlebt. Da jetzt immer mehr Latein in den Gymnasien nicht mehr akzeptieren, stirbt auch Latein in den Hochschulen. Mehr Offenheit und interdisziplinärer Ansatz wären die Lösung gewesen, was oft verschlafen wurde. Man hat zu stark aufs Lehramt gesetzt und dass man dadurch unumstößlich wird.
Re: Halle schließt
commentator schrieb am 02.06.2021 um 15:25 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 2.6.21, 14:07Wenn der Altertumskunde nicht bald mehr einfällt, um ihre Bedeutung zu erklären, dann sieht's düster aus.

Sagt einer, der fieri auf dem e betont.
Re: Halle schließt
Peter schrieb am 02.06.2021 um 16:08 Uhr (Zitieren)
Wenn man die Tradition als Argument für den Erhalt eines Instituts nicht gelten lässt, wird es tatsächlich schwierig. (Warum nicht alles zusammenlegen?) Im angelsächsichen Raum, in Frankreich oder Italien wären solche Diskussionen undenkbar (da gibt es allerdings auch ein anderes Engagement von Seiten des privaten Kapitals).
Re: Halle schließt
Γραικύλος schrieb am 02.06.2021 um 17:43 Uhr (Zitieren)
Ökonomisch sind die Altertumswissenschaften wenig ergiebig - da ist nichts zu machen.

Es fragt sich, welchen Wert man auf Geistesbildung legt und welche Rolle dabei (a) der Tradition und (b) der eigenen Identitätsbildung durch das Andere, das uns das Eigene erst bewußt macht, zukommt.

Die Antike vereint beides: Sie erschließt uns durch ihre Andersartigkeit die Eigentümlichkeit, in der wir heute leben, und sie ist nicht völlig anders, sondern das, aus dem wir selbst entstanden sind.

Das beste Beispiel für beide Aspekte ist wohl die Demokratie (in ihren damaligen und heutigen Details).
Re: Halle schließt
Peter schrieb am 02.06.2021 um 19:20 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 2.6.21, 17:43Ökonomisch sind die Altertumswissenschaften wenig ergiebig - da ist nichts zu machen.

So ist es, aber das haben sie mit sehr vielen Disziplinen gemein. Am Ende steht die Frage, ob man sich als Staat, als Gesellschaft die Universität überhaupt noch leisten will.

Die Leute, die mit dem Beschaffen von Drittmitteln (übrigens auch aus dem Steuertopf) und dem Schreiben von Sachbüchern ökonomisch erfolgreich sind, sind dann Leute vom Schlage eines Parzinger. Für den Bildungsbürger genügen deren Erzeugnisse, der wissenschaftliche Wert ist eher fragwürdig.
Re: Halle schließt
Βοηθὸς Ἑλληνικός schrieb am 02.06.2021 um 19:28 Uhr (Zitieren)
Zitat von Peter am 2.6.21, 19:20So ist es, aber das haben sie mit sehr vielen Disziplinen gemein. Am Ende steht die Frage, ob man sich als Staat, als Gesellschaft die Universität überhaupt noch leisten will.

Denke ich auch. Der Staat muß schon auch wissen, was er fördern will. Aber: auch die Institute sollten sich Fragen stellen und nicht nur auf ihren Status quo beharren. Innovation endet nicht an den Türen des Instituts für Klassische Philologie.

Die Universität Salzburg hat die Klassische Philologie am Fachbereich Altertumswissenschaften angesiedelt. Dort gibt es auch ein BA-Studiengang für Altertumswissenschaften der breiter angesiedelt ist.
Re: Halle schließt
Peter schrieb am 02.06.2021 um 20:39 Uhr (Zitieren)
Die Frage ist, was sich verändert hat seit Wolfs Zeiten. Ist die Altertumswissenschaft um 1800 soviel marktorientierter gewesen, als sie heute ist? Oder hat die Ökonomisierung der Gesellschaft (und der Universität) sich inzwischen so weit ausgebreitet, dass nur noch die merkantile Verwertbarkeit eine Tätigkeit rechtfertigen kann?
Re: Halle schließt
Γραικύλος schrieb am 04.06.2021 um 00:08 Uhr (Zitieren)
Letzteres, meine ich.
Re: Halle schließt
Γραικύλος schrieb am 04.06.2021 um 12:42 Uhr (Zitieren)
Im Senat gibt es Widerstand. Die Entscheidung ist noch offen.
Re: Halle schließt
filix schrieb am 04.06.2021 um 20:50 Uhr (Zitieren)
Im angelsächsichen Raum ... solche Diskussionen undenkbar (da gibt es allerdings auch ein anderes Engagement von Seiten des privaten Kapitals).


Da ist Dir aber z.B. die jüngste Diskussion um die Schließung des Classics Department an der Howard University, Washington D.C., der einzigen genuin afroamerikanischen Privatuniversität der USA due to educational prioritization entgangen: https://www.npr.org/2021/05/10/995389117/howard-universitys-decision-to-cut-classics-department-prompts-an-outcry?t=1622829900685

Die Debatte befindet sich dort überhaupt auf der nächsten Stufe, wo die Frage nach dem institutionellen Rassismus solcher universitärer Einrichtungen verwertungsökonomischer Argumentation den Rang abgelaufen hat. Die Angriffe kommen entsprechend aus der academic community selbst. Beispielhaft für die Hitzigkeit, mit der die Auseinandersetzung geführt wird, ist folgender Kommentar von Michael Poliakoff (ACTA): https://thefederalist.com/2021/02/16/the-classics-survived-university-witch-hunts-before-and-will-do-it-again/

Princeton hat übrigens Ende Mai schon angekündigt, zwingende Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen an seinem Classics Department für majors (undergraduate studies) abzuschaffen:
"Classics majors at Princeton University will no longer be required to learn Greek or Latin in a push to create a more inclusive and equitable program, an effort that was given “new urgency” by the “events around race that occurred last summer,” according to faculty." https://www.nationalreview.com/news/princeton-removes-greek-latin-requirement-for-classics-majors-to-combat-systemic-racism/

Warum das eine Chance, keine Demontage des Fach darstellt, versucht folgender Beitrag einer ehemaligen Studentin zu begründen: https://www.dailyprincetonian.com/article/2021/06/princeton-university-latin-greek-classics-language-requirement-accessibility-op-ed



Re: Halle schließt
Peter schrieb am 05.06.2021 um 13:15 Uhr (Zitieren)
Zitat von filix am 4.6.21, 20:50Schließung des Classics Department an der Howard University, Washington D.C.

Diese angesichts der Bemühungen um eine decolonization of the classics bedenkliche Entscheidung, ist mir in der Tat entgangen. Den Poliakoff-Artikel habe ich wegen des extrem umständlichen Cookie-Handlings der Website nicht angeschaut.
Re: Halle schließt
Peter schrieb am 05.06.2021 um 13:53 Uhr (Zitieren)
Zitat von filix am 4.6.21, 20:50Princeton hat übrigens Ende Mai schon angekündigt, zwingende Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen ...

Die Frage, ob das Studium der Klassischen Philologie ohne Latein- und Griechischkenntnisse auskommt, macht ein anderes Fass auf. Angesichts der Tatsache, dass man während des ganzen BA-Studiums mehr oder weniger mit dem Spracherwerb befasst bleibt, so dass für aktuelle Literaturtheorien, auf die die Studierenden der neueren Philologien bereits in den Einführungsveranstaltungen gestoßen werden, kaum Zeit bleibt, ist das Senken der Sprachbarriere für einen Teil der Studierenden sicher eine gute Option. Große Bereiche der philologischen Arbeit (von Textkritik bis -interpretation) lassen sich ohne Sprachkenntnis allerdings kaum sinnvoll bewältigen.
 
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