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Eine schwierige Geburt (445 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.05.2021 um 17:23 Uhr (
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Der Alexanderroman stammt von einem unbekannten Verfasser aus dem 3. Jhdt. u.Z. (I 12-13).
12 Als die Zeit gekommen war, daß Olympias gebären sollte, setzte sie sich auf den Gebärstuhl [ἐπὶ τὸν κυοφόρον δίφρον] und hatte ihre Wehen. Nektanebo (1) stand neben ihr, und nachdem er die himmlischen Bahnen [τοὺς οὐρανίους δρόμους] gemessen hatte, redete er ihr zu, nicht zu rasch zu gebären.
Indem er die Himmelskörper durcheinander bewegte, erforschte er mit Hilfe seiner magischen Kraft [τῇ μαγικῇ δυνάμει] die Zukunft und sagte zu ihr: „Frau, halte an dich und überwinde den Drang der Natur! Denn wenn du jetzt gebierst, wirst du einem versklavten Gefangenen oder einem großen Ungeheuer [ὑπόδουλον αἰχμάλωτον ἢ μέγα τέρας] das Le-ben schenken.“
Und wieder wurde die Frau von Wehen gedrängt und konnte nicht mehr an sich halten vor übergroßen Schmerzen. Da sagte Nektanebo: „Halte noch etwas aus, Frau, denn wenn du jetzt gebierst, wird das Geborene ein unglücklicher Eunuch [γάλλος ἀπρόκοπος] sein.“ Und Nektanebo redete ihr mit tröstenden Worten zu und lehrte sie, mit den Händen die Wege der Natur zu versperren; er selbst aber verzögerte durch seine Zauberkunst die Niederkunft der Frau.
Als er nun wieder die Himmelsbahnen der Gestirne beobachtete, erkannte er, daß die ganze Welt kulminierte [τὸν σύμπαντα κόσμον μεσουρανοῦντα], und er sah am Himmel ein Licht wie das der Sonne auf ihrem Scheitelpunkt, und er sagte zu Olympias: „Jetzt tue den Geburtsschrei [δίδου νῦν τὴν πρὸς γέννησιν φωνήν]!“ Und er selbst beförderte ihre Niederkunft und sagte: „Du wirst gleich den Weltenherrscher gebären [βασιλέα ἄρτι τέξῃ κοσμοκράτορα]!“
Und Olympias schrie lauter als eine Kuh und gebar unter gutem Stern einen männlichen Knaben. Als das Kind zu Boden fiel, erscholl anhaltender Donner und Blitze zuckten, so daß die ganze Welt erschüttert wurde.
13 Als Philipp am Morgen das von Olympias geborene Kind sah, sagte er: „Ich wollte es eigentlich nicht aufziehen, weil es nicht mein Kind ist. Da ich aber sehe, daß es von Gott gezeugt ist [ἀλλ‘ ἐπειδὴ ὁρῶ τὴν μὲν σπορὰν θεοῦ οὖσαν] und seine Geburt durch Himmelserscheinungen ausgezeichnet ist, möge es genährt werden zum Andenken meines gestorbenen Sohnes, der mir von meiner früheren Frau geboren wurde. Es soll Alexander heißen.“
So sprach Philipp, und das Kind erhielt alle Pflege, und in ganz Makedonien und Pella und Thrakien trugen die Leute zur Feier Kränze.
(Leben und Taten Alexanders von Makedonien. Der griechische Alexanderroman nach der Handschrift L. Herausgegeben von Helmut van Thiel. Darmstadt 1983, S. 16-19)
(1) Schon im Vorfeld hatte Philipp Magier und Astrologen zu Rate gezogen.