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Eine antike Verschwörungstheorie #1 (576 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 19.03.2021 um 18:34 Uhr (
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Der spätheidnische Autor Libanios (314 - ca. 393 u.Z.) weiß durch geschickte Andeutungen die wahre Schuld am Tode Kaiser Julians (Apostata) am 23.6.363 in seiner Schlacht gegen die Perser wem zuzuweisen?
Zunächst in der Rede 18, 267-275:
267 Bis zu diesem Punkt war sein Marsch immer siegreich[,] und so ist es für mich immer angenehm gewesen, darüber zu berichten, doch von jetzt an, o Götter und Dämonen und du wankelmütiges Schicksal, was für ein Bericht wird das werden! Soll ich den Rest verschweigen und meine Rede mit dem Erfreulichen beenden? Ich wünsche euch, o Anwesende, daß euch die Wehklagen mit viel Gutem vergolten werden. Was ist euch lieber? Sollen wir weinen oder sollen wir sprechen? Ihr scheint mir den Bericht zu verlangen, obgleich ihr euch von seinem Inhalt betroffen fühlt. Ich muß also sprechen, und den falschen Gerüchten über seinen Tod ein Ende setzen.
268 Die Perser waren in eine verzweifelte Lage geraten; vom Gegner offensichtlich geschlagen, fürchteten sie, daß er jetzt den besten Teil ihres Landes besetze und dort den Winter verbringe. Sie hatten gerade Gesandte nominiert und ihnen viele Geschenke, darunter auch einen Kranz, anver-traut, und waren dabei, die Gesandtschaft am nächsten Tag an den Kaiser zu schicken und ihm die Bestimmung der Friedensbedingungen zu überlassen, als sich von der Marschkolonne der Römer, während der Hauptteil zum Kampf gegen die persischen Angreifer vorrückte, eine Abteilung löste und zugleich ein heftiger Sturm sich erhob und ganze Wolken von Staub aufwirbelte, und diejenigen unterstützte, die Böses im Schilde führen. Der Kaiser eilte nun mit einem Begleiter, um die Verbindung der Abteilung mit der übrigen Marschkolonne wiederherzustellen, als der Speer eines Reiters auf ihn geworfen wurde, den Arm durchschlug und sich in seine ungeschützte Seite bohrte; denn aus Siegeszuversicht, so glaube ich, ritt er ohne Panzer.
269 Der tapfer Mann fiel auf den Boden, da er aber das Blut fließen sah und, was vorgefallen war, verbergen wollte, stieg er wieder auf sein Pferd. Dann verriet aber das Blut die Verwundung, und deshalb rief er den Soldaten der Abteilungen, bei denen er vorbeiritt, zu, sie sollten keine Angst wegen des Blutes haben, da die Wunde nicht tödlich sei. So sprach er, er erlag jedoch der Wunde. Man brachte ihn zum Zelt und zu seinem weichen Lager, dem Löwenfell mit der Strohfüllung, das war nämlich seine Matratze.
270 Und als die Ärzte sagten, es gebe keine Rettung, durchlief das Gerücht von seinem Tode das Heer: Alle jammerten laut, alle schlugen sich selbst, die Erde wurde von allen mit Tränen benetzt, die Waffen glitten aus der Hand und fielen zu Boden, man war überzeugt, nicht einmal ein Bote werde von dort nach Hause zurückkehren.
[...]
272 Den Edelmut jenes Mannes kann man auch seinen letzten Worten entnehmen: Während nämlich alle Umstehenden sich in Wehklagen ergingen und nicht einmal die Philosophen unter ihnen sich selbst in der Gewalt hatten, tadelte er alle, und besonders die letzteren, weil diese Menschen ihn beweinten, als ob er ein Leben, das des Tartarus wert sei, hinter sich hätte, während die Leistungen seines Lebens ihn zu den In-seln der Seligen führten. Sein Zelt war mit der Gefängniszelle des Sokrates zu vergleichen, die hier Anwesenden mit jenen dort, die Wunde mit dem Schierling, seine Worte mit dessen Worten, schließlich Sokrates mit Julian, weil nur diese beiden nicht in Tränen ausbrachen.
273 Als seine Freunde ihn baten[,] einen Nachfolger zu benennen, der seine Herrschaft erben sollte, überließ er dem Heer die Entscheidung, da er niemanden in seiner Nähe entdecken konnte, der ihm ebenbürtig war. Er forderte die Männer auf, alles zu tun, um sich selbst zu retten, wie auch er selbst um ihrer Rettung willen jede Mühe auf sich genommen habe.
274 Wer hat ihn denn getötet, wollt ihr wissen. Den Namen des Mannes kenne ich nicht, aber daß keiner der Feinde [sc. Perser] sein Mörder war, geht daraus hervor, daß kein feindlicher Soldat für seinen Tod geehrt wurde. Und dabei hat der Perser durch Herolde den Mörder Julians eingeladen zur Ehrung, und wenn dieser sich gemeldet hätte, hätte er eine große Belohnung erhalten. Doch keiner hat sich gebrüstet, die Tat begangen zu haben, nicht einmal aus Habgier, um der Belohnung willen.
275 Wir müssen in der Tat unseren Feinden sehr dankbar dafür sein, daß sie sich keinen falschen Ruhm für eine Tat, die sie nicht begangen hatten, zu erwerben trachteten, sondern es uns überlassen haben, unter uns selbst den Mörder zu suchen. Diejenigen nämlich, die keinen Vorteil davon hatten, wenn er am Leben blieb (und das waren gewiß die Gesetzlosen), stellten ihm schon in der Vergangenheit nach und nutzten damals die Gelegenheit, ihn zu töten; ihr Hang zur Ungerechtigkeit, die sie während seiner Herrschaft nicht ausüben konnten, und vor allem die Ehren, die er den Göttern erwies und denen sie sich scharf widersetzten, veranlaßten sie da-zu.
(Libanios: Kaiserreden. Hrsg. v. Georgios Fatouros, Tilman Krischer und Werner Portmann. Stuttgart 2002, S. 254-258)
Re: Eine antike Verschwörungstheorie #1
Marcella schrieb am 19.03.2021 um 20:04 Uhr (
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"...Diejenigen nämlich, die keinen Vorteil davon hatten, wenn er am Leben blieb (und das waren gewiß die Gesetzlosen)"
Die Gesetzlosen? Meint er vielleicht damit die sonst übliche Verdächtigen? Die Christen?
Gustav Adolf scheint in der Schlacht von Lützen auch von hinten getroffen worden zu sein. Friendly fire.
Re: Eine antike Verschwörungstheorie #1
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 19.03.2021 um 20:13 Uhr (
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vor allem die Ehren, die er den [scil. antiken] Göttern erwies und denen sie sich scharf widersetzten
Das dürfte ein recht eindeutiger Hinweis darauf sein, wen Libanios mit den "Gesetzlosen" gemeint hat.Re: Eine antike Verschwörungstheorie #1
Γραικύλος schrieb am 20.03.2021 um 00:31 Uhr (
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Der letztzitierte Satz gibt den deutlichsten Hinweis. In einer späteren Rede wird Libanios noch etwas offenherziger - obwohl er über irgendeinen Beweis nicht verfügt.
Re: Eine antike Verschwörungstheorie #1
Aurora schrieb am 20.03.2021 um 07:08 Uhr (
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Re: Eine antike Verschwörungstheorie #1
Γραικύλος schrieb am 20.03.2021 um 13:47 Uhr (
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Für Hinweise auf interessante Bücher bin ich immer dankbar. So auch bei diesem.