Γραικύλος schrieb am 12.03.2021 um 15:04 Uhr (Zitieren)
Wer in den 60er Jahren des verflossenen Jahrhunderts als Laie ohne großes Einkommen, etwa als Student, sich mit der antiken Literatur befassen wollte, dem standen im damals aufblühenden Bereich der Taschenbücher einige Angebote offen:
• Der Reclam-Verlag hatte ein reichhaltiges Programm - hatte er immer schon, hat er heute noch, stand und steht freilich im Geruch der oft wenig geliebten Schullektüre.
• Rowohlt, der Pionier des Taschenbuchs in Deutschland (rororo: Rowohlts Rotations-Romane), erweiterte sein Angebot um die Reihe Klassik. Dort gab es griechische Lyrik, eine wohlfeile Platon-Ausgabe, ein bißchen Aristoteles und Seneca; das ist es, woran ich mich noch erinnere.
• Heute fast völlig verschwunden aus dem Blickfeld der Gebildeten und solcher, die es werden wollen, ist der Wilhelm-Goldmann-Verlag in München, damals noch geleitet vom leibhaftigen Wilhelm Goldmann. Er drängte mit Macht auf den expandierenden Markt und brachte massenkompatible Reihen heraus: die rote Krimi-Reihe mit gepflegten angelsächsischen Klassi-kern des Genres bildeten eine solide Einnahmen-Grundlage; die weiß mit farbigem Streifen gestalteten Weltraum-Taschenbücher (der Begriff Science fiction war in Deutschland noch nicht etabliert) betraten Neuland und brachten uns Autoren nahe, die später zu den SF-Klassikern gehören sollten, wofür nur ich Philip K. Dick und Herbert W. Franke nenne, zwei künftige Suhrkamp-Autoren; und schließlich gab es die Gelben Taschenbücher, bei denen auch die antiken Autoren ihren Platz fanden.
Offensichtlich war Goldmann bemüht, dem mächtigen Rowohlt-Verlag nicht in die Quere zu kommen, weshalb nur diejenigen Autoren zum Zuge kamen, die dieser noch nicht ‚unter Vertrag‘ hatte: Aischylos, Epikur, Plutarch (mit einer schönen, um Anmerkungen bereicherten Ausgabe seiner Parallelviten), Lukian, Plautus, Ovid, Vergil – um nur die zu erwähnen, an die ich mich noch mit Gewißheit erinnere. Homer, Sophokles, Caesar und Cicero werden wohl auch dabei gewesen sein.
Es handelte sich durchweg um reine Übersetzungen (wie auch meist bei rororo), gezielt also auf die erwähnten interessierten Laien. Da konnte man für ein paar Mark in die Antike eintauchen.
Als Wilhelm Goldmann gestorben und sein Verlag an Bertelsmann, heute Random House, verkauft wurde, war es mit derlei Ambitionen vorbei.
Geblieben ist im unteren Preissegment nur noch Reclam, und auch das sagt sicher etwas aus über das gesunkene Interesse an der Antike. Denn eines muß man der Marktwirtschaft ja zugutehalten: wo immer eine Nachfrage besteht, schafft sie ein Angebot.
(Wolfgang Weimer, 2021)
Re: Goldmann-Zeiten
Γραικύλος schrieb am 12.03.2021 um 17:03 Uhr (Zitieren)
Als Wilhelm Goldmann gestorben --> Als Wilhelm Goldmann gestorben war
Re: Goldmann-Zeiten
Minoides schrieb am 13.03.2021 um 14:53 Uhr (Zitieren)
Ein etwas weniger nostalgisch umflorter Blick hätte bemerken können, dass es immer noch Verlage gibt, die für geringes Geld antike Texte zwischen Buchdeckel pressen (die haben heutzutage Namen wie Marix oder Anaconda), hätte festgestellt, dass der Rowohlt-Platon noch immer gedruckt wird, hätte zur Kenntnis genommen, dass die "interessierten Laien" seit einigen Jahren (auch) E-Book-Reader benutzen, für die ein breites Angebot an Übersetzungen antiker Texte von Aischylos bis Xenophon in Form kostenloser E-Books bereitsteht.
Re: Goldmann-Zeiten
Γραικύλος schrieb am 13.03.2021 um 15:41 Uhr (Zitieren)
Ja, mein Blick ist (war) durchaus auf die Taschenbücher fixiert.
Der Marix-Verlag bringt sehr preiswerte gebundene Bücher heraus; von dem, was man als Klassiker bezeichnen kann, kenne ich allerdings nur den Isidor von Sevilla. Es mag sein, daß ich den Verlag unterschätze.
Und bei E-Books wie auch Online-Angeboten habe ich Zweifel, ob sich ein Liebhaber (Dilettant) die vornimmt, wenn er sich zum Schmökern in den Sessel setzt. Es mag sein, aber wie ich gelesen habe, hatte man sich von den E-Books mehr versprochen. Immerhin: kostenlose E-Books!
Gemeint war eine Hommage an den alten Goldmann-Verlag; am Ende liege ich wohl zumindest mit der Vermutung, daß die Nachfrage gering ist, nicht ganz falsch.
Re: Goldmann-Zeiten
Minoides schrieb am 13.03.2021 um 22:32 Uhr (Zitieren)
Infrage gestellt habe ich deine sich auf stichprobenartige Buchmarktanalyse stützende Behauptung, dass (beim deutschsprachigen Lesepublikum) das Interesse an der Antike gesunken sei (Vergleichszeitraum vermutlich: von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart). Das Verschwinden des Goldmann-Verlags als einziges Indiz dafür erscheint mir da etwas dünn.
Neben den oben genannten gegenläufigen Entwicklungen am Buchmarkt, sollte man erwähnen, dass der Reclam-Verlag sein Angebot an zweisprachigen Ausgaben antiker Literatur im Laufe der letzten Jahrzehnte beständig erweitert hat. Auch den Umstand, dass die deutschsprachige Gesamtausgabe von Plutarchs Moralia im Marix-Verlag derzeit vergriffen und eine Neuauflage angekündigt ist, sollte man einmal auf sich wirken lassen.
Re: Goldmann-Zeiten
Γραικύλος schrieb am 13.03.2021 um 23:08 Uhr (Zitieren)
Reclam: ohne Zweifel verdienstvoll. Ich sehe ein Image-Problem bei jungen Leuten, die den Verlag mit Schullektüre assoziieren, was schade ist.
Rowohlt: Gibt es da außer der Platon-Ausgabe noch etwas?
Marix: Das ist ein interessanter Hinweis von Dir, dem ich einmal nachgegangen bin. Aktuell so etwa 20 Bücher mit antiken Texten, schätze ich, davon nur wenige zentrale Werke. Immerhin ist Kai Brodersen beteiligt, der mir in seinem Schaffensdrang beinahe unheimlich vorkommt.
Aber wie bekannt ist dieses Angebot? Ich werde mich einmal im Freundes- und Verwandtenkreis umhören, wer diesen Verlag kennt. Bei jüngeren Leuten, auch literaturaffinen, sehe ich da schwarz.
Damals, in den 60er Jahren, konnte man in jeder etwas größeren Buchhandlung die monatlichen Neuerscheinungen der Taschenbuchverlage ausgestellt sehen, darunter die des Goldmann-Verlages.
Plutarchs Moralia auf Deutsch bei Marix, davon wußte nicht einmal ich etwas.
Daß die Antike auf dem Buchmarkt besser vertreten ist, als ich es angenommen hatte, akzeptiere ich; daß sie noch so stark präsent ist wie vor 50 oder 60 Jahren, davon bin ich noch immer nicht überzeugt.
Immer bezogen auf die populären, preiswerten Ausgaben, also nicht die WBG, de Gruyter (inkl. Tusculum), die LCL und erst recht nicht Teubner, wo es um ganz andere Adressant geht.
Mir fällt gerade noch ein der Akademie-Verlag in der DDR, der seinerzeit recht viele antike Autoren herausgebracht hat, die man entweder bei der WBG oder - viel günstiger - bei Besuchen in der DDR bzw. Ost-Berlin erwerben konnte.
Re: Goldmann-Zeiten
Γραικύλος schrieb am 13.03.2021 um 23:13 Uhr (Zitieren)
Noch eine Frage zu Marix: Wie seriös ist das? Ich lese da: Lukian, Sämtliche Werke in einem Band.
Sehr schön ... aber das können wohl kaum sämtliche Werke sein, und wenn man genauer hinschaut, liest man: die Hauptschriften.
Immerhin, aber doch den Mund etwas voll genommen, oder?
Re: Goldmann-Zeiten
Γραικύλος schrieb am 13.03.2021 um 23:20 Uhr (Zitieren)
Das macht mich skeptisch im Hinblick auf die vollständigen "Moralia".
Re: Goldmann-Zeiten
Minoides schrieb am 14.03.2021 um 22:41 Uhr (Zitieren)
Dich oder sonst jemanden zu überzeugen lag auch nicht in meiner Absicht. Ich wollte nur auf eine gewisse Schieflage in deiner Argumentation hinweisen. Über die Lukian-Ausgabe kann ich nichts sagen, aber auf 1072 S. lässt sich der ganze Lukian schon unterbringen. Den Plutarch besitze ich, und ja, er umfasst die Moralia tatsächlich komplett.
Re: Goldmann-Zeiten
Γραικύλος schrieb am 14.03.2021 um 23:05 Uhr (Zitieren)
Danke für die Auskunft. Allmählich bin ich doch überzeugt.
Du verstehst meine ursprüngliche Skepsis: Der komplette Lukian umfaßt 'bei mir' vier Bände (griechisch) und fünf Bände (deutsch). Die "Moralia" bestehen bei LCL aus sechzehn Bänden (zweisprachig). Auch dies (einsprachig) bei marix in einem Band?