Bezug: Artikel "Das historische Komplott" im Feuilleton der FAZ vom 5. März 2021.
Lange Zeit außerhalb der VR China unbeachtet und kürzlich durch eine englischsprachige Website aus Taiwan bekannt geworden:
taiwanenglishnews.com
In China gibt es eine Reihe von Professoren und Amateurhistorikern, welche die europäischen Berichte über antike Hochkulturen im Westen als Fälschungen bezeichnen, die dem Ziel dienten, die alte chinesische Kultur in ihrer wahren Bedeutung herabzusetzen und dem Westen eine kulturelle Eigenständigkeit zu verschaffen, die dieser gar nicht besitze.
- Sowohl die Pyramiden als auch der Parthenon seien Fabrikationen aus Beton, errichtet von europäischen Geostrategen des 19. Jahrhunderts.
- Die sogenannte griechische Philosophie sei eine Fiktion der Renaissance; Aristoteles, Homer und Konsorten seien in ihrer heute geläufigen Gestalt von freimaurerischen italienischen Bankiers und Gelehrten erfunden worden.
- Das Römische Reich habe es in Wirklichkeit nicht gegeben, nur römische Stadtstaaten.
- Die moderne und postmoderne Wissenschaft und Kultur hätten ihren Ursprung gar nicht in Europa, sondern in China, etwa bei Menzius.
- Es seien ausgewanderte Chinesen gewesen, die das alte Griechenland und Rom auf ihre Höhe gebracht hätten.
Abseits der Internet-Blogs in China werden in dem Artikel als Buchveröffentlichungen genannt:
- He Xin: Die Pseudogeschichte Griechenlands
- Zhu Xuanshi: Die fiktive Geschichte der westlichen Kultur
- Du Gangjian: Der Ursprung der Zivilisation und die Welt der großen Harmonie
- Dong Binsheng: Fiktive antike griechische Geschichte
- Dong Binsheng: Fiktive Geschichte der westlichen Zivilisation
Auch wenn es sich bei den Autoren zum Teil um Professoren an angesehenen chinesischen Universitäten handelt, hat es nicht den Anschein, daß diese Verschwörungstheorie in China populärer sei als die hiesigen Versionen. Deshalb gerieren sich die chinesischen Geschichtsrevisionisten als mutige Außenseiter gegen den akademischen Mainstream.
Re: Chinesische Verschwörungsmythen über die Antike
Marcella schrieb am 07.03.2021 um 10:03 Uhr (
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Mutige Außenseiter... Sie stehen aber nicht alleine.
Atatürk ließ im Zuge der bracchialen Reformen ganz gerne verkünden, dass das Türkische die eigentliche Ursprache der Menschheit sei, die Sonnensprache.
Und in meinem Besitz befand sich ein historischer Schulatlas aus der Nazi-Zeit, der schlankerhand sämtliche frühen Kulturleistungen - Ägypten, Mesopotamien, Mayas - mit schönen Diagrammen versehen aus arischen Wanderungen erklärte.
Das Volk hört es gerne.
Re: Chinesische Verschwörungsmythen über die Antike
Γραικύλος schrieb am 07.03.2021 um 15:38 Uhr (
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Verdacht: Verschwörungstheorien gibt es in allen Kulturen, die in Konkurrenz/Rivalität zu anderen stehen.
Der Fall Atatürk ist interessant, insofern er doch ansonsten das Prinzip "Vom Westen lernen" vertreten und die lateinischen Buchstabe eingeführt hat; da tat ein bißchen Stolz auf das Eigene dem Selbstbewußtsein sicher gut.
Von den chinesischen Verschwörungstheorien hatte ich allerdings noch nie gehört. Dem Bericht zufolge sind sie, bisher intern gepflegt, ja auch erst jetzt publik geworden.