Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Cicero, der Spion (374 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 06.03.2021 um 15:10 Uhr (
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Ein alter Juraprofessor aus den USA, der als Deutscher während des Zweiten Weltkrieges in der Türkei gelebt hat, und eine Rektoratsangestellte der Istanbuler Universität (die Ich-Erzählerin) unterhalten sich bei einem Aufenthalt des Professors in Istanbul über das Thema Spionage.
[...]
[Der Professor:] „Haben Sie schon von Cicero gehört?“
„Natürlich. Er war ja sogar einmal Statthalter hier in Kilikien. Aber was hat das damit zu tun?“
„Nicht der Cicero. Ich meine den Cicero in Ankara, den größten Spion des Zweiten Weltkriegs.“
Machte er sich über mich lustig? Nein, sein Gesicht war völlig ernst.
„Cicero war der Codename eines albanischstämmigen Türken, der eigentlich Elyesa hieß. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er in Ankara als Kammerdiener des briti-schen Botschafters Knatchbull-Hugessen. Er war in sämtliche Geheimnisse eingeweiht. Die beiden standen sich so nahe, dass Cicero den Botschafter beim Baden sogar den Rücken einseifte. Und dabei soll er, während der Botschafter die Augen voller Seife hatte, einen Wachsabdruck von dem Safe-Schlüssel gemacht haben, den der Botschafter um den Hals trug. Somit hatte Cicero Zugang zu allen Geheimdokumenten und begann schließlich für die Deutschen zu spionieren. Der Botschafter von Nazi-Deutschland war damals kein anderer als Franz von Papen. Cicero übermittelte von Papen die Kopien aller möglichen Dokumente, und der schickte sie nach Berlin weiter.“
So etwas kannte ich bisher nur aus Filmen und Romanen.
„Sind Sie sicher, dass das alles stimmt, Herr Professor?“, fragte ich.
Er lächelte, so als sei es ganz normal, dass mir das erst einmal unglaubwürdig vorkommen würde.
„Und ob das stimmt.“
„Es hört sich an wie ein Märchen.“
Trotz seiner faltigen Haut und der müden Augen hatte sein Gesicht nun etwas sehr Lebhaftes. Bedeutungsvoll hob er die Hand.
„Das ist noch längst nicht alles. Cicero hat auch die Nachricht übermittelt, dass die Alliierten in der Normandie eine Invasion planten. Zu der ist es ja auch tatsächlich gekommen, aber Hitler glaubte nicht an die Sache, und das hat den Lauf der Geschichte geändert. Hätte er Cicero Glauben geschenkt, wäre alles noch viel schlimmer gekommen. So wurde Deutschland zum Glück besiegt.“
„Das ist ja wie im Film.“
„Ganz richtig, und so einen Film gibt es auch, einem Hollywood-Film mit James Mason, Der Fall Cicero heißt er.“
[...]
„Was ist aus diesem Cicero geworden?“
„Er hat von den Deutschen für seine Informationen dreihunderttausend englische Pfund bekommen.“
„Das war wohl ein Vermögen für damalige Zeiten?“
Der Professor lachte.
„Nein, nein. Die Deutschen haben ihm Falschgeld gegeben, das sie gedruckt hatten, um die englische Wirtschaft zu destabilisieren. Also hatte Cicero nichts als einen Haufen wertloses Papier in der Hand. Er hat sich dann als Opernsänger versucht, aber erfolglos. Gestorben ist er schließlich in Armut.“
„Eine phantastische Geschichte.“
(Zülfü Livaneli: Serenade für Nadja. Stuttgart 2013, S. 46 f.)