Aristonikos alias Eumenes III. hat im 2. Jhdt.
v.u.Z. seinen Kampf gegen die Römer ideologisch mit einem sozialrevolutionären Programm ausgestattet, dessen Anhänger sich Heliopoliten nannten.
Um der Herkunft dieser Idee nachzugehen, gebe ich zunächst den Bericht des Diodorus Siculus (II 55-60) über die Utopie von Heliopolis wieder.
55 Nun aber wollen wir versuchen, kurz über die im südlichen Ozean entdeckte Insel und die über sie bekannten Wundergeschichten zu berichten. Zuerst aber müssen wir die Vorgeschichte ihrer Entdeckung etwas genauer darlegen.
Iambulos hatte sich von Kindesalter an mit den Wissenschaften abgegeben, war jedoch nach dem Tode seines Vaters Kaufmann geworden und trieb Handel. Als er bei einer Reise in das Gewürzland durch Arabien zog, wurde er zusammen mit seinen Mitreisenden von Räubern gefangen, zuerst mit einem seiner Gefährten zum Weidesklaven gemacht, später aber mit diesem zusammen wieder von Äthiopiern geraubt und in das äthiopische Küstengebiet verschleppt.
Nun hatte man diese beiden Fremdstämmigen aber nur geraubt, um ein Sühneopfer für das Land zu veranstalten. Denn so wollte es eine bei den Einwohnern Äthiopiens aus urvordenklichen Zeiten überkommene und durch Götterorakel bestätigte Sitte: Alle 20 Generationen, das heißt alle 600 Jahre (man rechnet auf eine Generation 30 Jahre) müßten zwei Menschen geopfert werden. Man hatte daher ein Schiff gebaut, das von entsprechender Größe und stark genug war, Stürme auf dem Meer zu ertragen, und sich von zwei Leuten leicht handhaben ließ. Auf ihm verstaute man Nahrungsmittel, die für die beiden Männer 6 Monate reichen konnten, brachte sie selbst auf das Fahrzeug und ließ sie gemäß dem Spruche in See gehen. Man befahl ihnen, nach Süden zu segeln:
So würden sie zu einer reichen Insel mit freundlichen Menschen gelangen, bei denen es sich herrlich und in Freuden leben lassen werde. Denn wenn diese beiden Abgesandten wohl-behalten bis zu der Insel gelangten, so sagten sie, werde ihrem eigenen Volk 600 weitere Jahre Friede und in jeder Hinsicht Segen beschieden sein. Würden sie aber aus Furcht vor der Länge der Reise umkehren, so stünde ihnen schlimmste Strafe eben wegen der Schädigung des ganzen Volkes bevor.
Und so hätten die Äthiopier eine große Versammlung am Ufer abgehalten, prächtige Opfer dargebracht, die beiden, die auf Entdeckungsreise gingen und zugleich das Volk entsühnen sollten, bekränzt und sie dann in See gehen lassen.
Sie seien auf einem großen, stürmischen Meere dahingesegelt und nach vier Monaten zu der angekündigten Insel gelangt. Diese war von runder Gestalt und hatte einem Umfang von 5000 Stadien.
56 Als sie sich der Insel näherten, kamen ihnen einige Eingeborene entgegen und zogen das Schiff an Land. Die Insulaner aber liefen am Ufer zusammen und wunderten sich über die Ankunft dieser Fremdlinge, verhielten sich jedoch freundlich und gaben ihnen von dem, was dort als Lebensmittel üblich war.
An körperlichen Eigenheiten und Lebensgewohnheiten freilich unterschieden sich die Inselbewohner sehr von den Menschen unseres Lebenskreises. Sie seien alle von gleicher Gestalt und würden etwas über 4 Ellen groß. Die Knochen ihrer Körper ließen sich bis zu einem gewissen Grade biegen und schnellten dann, ähnlich wie die von Sehnen gehaltenen Teile, wieder in ihre alte Form zurück.
Von Körperbau seien sie äußerst zart, doch sei dieser zäher und zugleich elastischer als bei uns: Das, was sie einmal in die Hände genommen hätten und hielten, ließe sich ihren Fingern nicht mehr entwinden. Haare fehlten ihnen völlig, sähe man von Kopf, Brauen, Wimpern und Bart ab, vielmehr sei der übrige Körper völlig glatt und nicht ein Härchen auf ihm zu sehen.
Von besonderer Schönheit seine ihre Gesichtszüge, und auch die anderen Körperteile wiesen eine wohlproportionierte Regelmäßigkeit auf. Viel größer als bei uns sei ihr Gehörgang, und an dessen Ende hätten sie einen Auswuchs, der dem Kehldeckel gleiche.
Eine ganz besondere Bewandtnis aber, teils natürlich und bereits angeboren, teils bewußt und künstlich weiter ausgebildet, habe es mit ihrer Zunge. Diese nämlich sei eine Strecke lang gespalten, lasse sich aber nach hinten zu noch weiter teilen, so daß sie demnach bis zur Wurzel doppelt vorhanden sei.
Deshalb vermöchten diese Menschen die verschiedenartigsten Laute von sich zu geben, und zwar nicht nur alle artikulierten, menschlichen, sondern könnten etwa auch eine Vielzahl von Vogelstimmen und jede andere Art von Lauten nachahmen. Und was das Verwunderlichste ist, sie seien in der Lage, ohne weiteres sich mit zwei Menschen zugleich zu unterhalten, dabei jeweils den augenblicklichen Umständen angepaßt, denn mit der einen Hälfte sprächen sie dabei zum einen, mit der anderen Hälfte zum anderen.
Das Klima sei äußerst günstig, da sie ja unter dem Äquator lebten und weder durch die Hitze noch durch die Kälte belästigt würden. Obst wachse bei ihnen das ganze Jahr; wie schon der Dichter sagt:
„Birne auf Birne wird reif, und ständig reifen die Äpfel,
Traube folgt auf Traube, es reiht sich Feige an Feige.“
(Homer: Odyssee VII 120-122, über das Land der Phäaken)
Stets sei bei ihnen der Tag gleich lang der Nacht, und weil die Sonne senkrecht über ihnen stehe, so kenne man dort auch keinen Schatten.