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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ariost und die Amazonen (659 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 08.02.2021 um 15:06 Uhr (Zitieren)
Ariost (Ludovico Ariosto, 1474-1533) hat sich innnerhalb seines Epos' "Orlando furioso" (Der rasende Roland) eine längere Version des Amazonen-Mythos ausgedacht: XX 10-64.

Sie beginnt mit dem Untergang Trojas und dem daraus resultierenden Problem, daß sich die Frauen der Griechen daheim derweil anderweitig vergnügt haben. Die auf diese Weise entstandenen Kinder, darauf einigt man sich nach der Rückkehr der Helden, werden ausgesetzt oder vertrieben. Diese Vertriebenen, angeführt von Klytämnestras außerehelichem Sprößling, schlagen sich nach Kreta durch und verdingen sich dort als Söldner - als Söldner, die man um ihren Sold betrügt, weshalb sie beschließen, mitsamt ihren in Kreta geehelichten Frauen die Insel zu verlassen, um sich andernorts niederzulassen.
Ihrer kretischen Frauen werden sie freilich bald überdrüssig, und sie verschwinden bei Nacht und Nebel.

Mit diesen verlassenen und betrogenen Frauen kommt nun die Amazonen-Geschichte in Gang: Frauen, die unter sich zu bleiben und allen Männern feindlich gesinnt zu sein beschließen.

Ich gebe einen Ausschnitt wieder, in dem es um die Organisation der neuen Lebensart geht:
Die Schar der Fraun, von denen hintergangen,
Die sie geliebt, auf die sie fest vertraut,
Ward tagelang, betäubt von Schmerz befangen,
Steinbildern gleich am Meeresstrand geschaut.
Doch da man sah, kein Vorteil zu erlangen
Sei von dem Tränenguß und Jammerlaut,
So fing man an zu sinnen, zu erwägen,
Wie man sich helf aus solchen Unglücksschlägen.

Und da sie nun verschiedne Meinung hatten,
So sprachen die: Nach Kreta sei zu gehen;
Denn besser sei’s, sich in verratner Gatten,
In strenger Väter Willkür sich zu sehn,
Als hier am Strand, in grauser Wälder Schatten,
Vor Not und Hunger endlich zu vergehn.
Doch andre sprachen drauf: Ins Meer zu springen
Sei schicklicher, als dieses zu vollbringen;

Und minder schlimm, sie ziehn als Buhlerinnen,
Ziehn bettelnd, dienend durch die Welt nach Brot,
Als daß sie selbst, mit rasendem Beginnen,
Entgegengehn dem wohlverdienten Tod.
So harte Mittel sind’s, die sie ersinnen,
Von denen jedes schwerer sie bedroht.
Zuletzt sprach Orontea, kühn, entschlossen,
Von Minos‘ königlichem Stamm entsprossen.

Sie war die jüngste, reizendste der Frauen,
Die klügste auch, die mindre Schuld belud.
Phalant zuliebe ging sie voll Vertrauen
Mit ihm als Mädchen aus des Vaters Hut.
Im Antlitz, in der Rede ließ sie schauen
Das heldenmüt’ge Herz, des Zornes Glut;
Und ohne Hehl den Rat der andern scheltend,
Sprach sie den ihren aus und macht‘ ihn geltend.

Man solle, riet sie, nicht dies Ufer meiden,
Das sie als fruchtbar und gesund erkannt,
Das klare Flüsse hie und da durchschneiden,
Von Wäldern schattig und meist ebnes Land,
Mit Häfen, Buchten, wo vor Meeresleiden
Das fremde Volk gar oftmals Zuflucht fand
Und manches, was zum Leben sich gebührte,
Aus Libyen her und aus Ägypten führte.

Man solle bleiben hier, zu ewig neuer
Rach an dem Männervolk, das sie gekränkt.
Man solle jedes Fahrzeug, das sein Steuer
In Sturmesnot nach diesem Ufer lenkt,
Mit Raub und Mord heimsuchen und mit Feuer,
Und keinem Mann sei Leben je geschenkt.
So sagte sie; der Vorschlag, wohl erwogen,
Ward zum Gesetz gemacht und streng vollzogen.

Wenn in der Luft sie Stürme brausen hörten,
So liefen sie bewehrt hinab zum Strand,
Geführt von Orontee, der wutbetörten,
Die man nunmehr als Königin erkannt;
Und schonungslos beraubten sie, zerstörten
Ein jedes Schiff, vom Sturm hierher gesandt.
Kein Mensch blieb lebend, um von diesen Dingen
Nach irgendeinem Ort Bericht zu bringen.

So lebten sie manch Jahr, in blut’gem Trachten,
Dem männlichen Geschlechte feind, allein;
Doch sahn sie bald, wenn sie’s nicht anders machten,
So konnt ihr Vorteil nicht dabei gedeihn:
Denn wenn sie nicht mit Kindern sich bedachten,
Mußt ihr Gesetz bald leer und nichtig sein
Und mit dem unfruchtbaren Reich verschwinden,
Wo sie gedacht, es ewig fest zu binden.

Drum fand man ratsam, Mildrung zu gebieten,
Und kor (vier Jahre liefen drob hinaus)
Von allen Rittern, die hierher gerieten,
Sich zehn der rüstigsten und schönsten aus,
Kraftvoll genug, es hundert Fraun zu bieten
Und auszudauern im verliebten Strauß.
Es waren hundert Fraun, und sie verfügten,
Daß zehn sich stets mit einem Mann begnügten.

Erst gaben viele, die zu schwach sich fanden
In diesem harten Kampf, den Kopf daran.
Dann nahmen sie die zehn, die gut bestanden,
Zu ihres Betts und Reichs Genossen an;
Sie schwören lassend, daß, wenn diesen Landen
Der Männer mehr sich künftig sollten nahn,
Sie diesen wollten kein Erbarmen spenden
Und gegen die des Schwertes Schärfe wenden.

Die Weiber werden schwanger und gebären;
Worauf sogleich die Furcht sie übermannt,
Es möchten sich die Männer so vermehren,
Daß man nicht fähig sei zum Widerstand
Und daß die Herrschaft, die die Fraun begehren
Für sich allein, fall in der Männer Hand.
Drum will man gleich, in ihren Kinderjahren,
Vor möglicher Empörung sich verwahren.

Um nie als Herrn die Männer zu erblicken,
Will das Gesetz: Ein jedes Weib behält
Nur einen Sohn; den Rest soll man ersticken,
Und wenn nicht dies, aussenden in die Welt.
Daher sie viel‘ in fremde Länder schicken,
Wobei der Führer den Befehl erhält,
Im Tausch, wo möglich, Mädchen aufzutreiben,
Zum mindsten nicht mit leerer Hand zu bleiben.

Kann das gutgehen?

Ich habe die folgende Ausgabe benutzt:
Ariost: Der rasende Roland. 2 Bde. München 1980; Bd. 1, S. 513-527
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 16:39 Uhr (Zitieren)
Eine viel verständnisvollere Version der alten, im Prinzip frauenfeindlichen Geschichte von der Frauenrepublik auf Lemnos und vom Lemnischen Frevel.

Λήμνια μοχθηρά
Lēmnia mochthēra
„Lemnischer Frevel“

Weil Aphrodite ihre Heiligtümer auf Lemnos vernachlässigt sah, strafte sie alle Frauen der Insel mit übelriechendem Atem. Als Folge blieben ihnen ihre Gatten fern und vergnügten sich stattdessen mit thrakischen Sklavinnen. Die eifersüchtigen Gattinnen brachten daraufhin in einer Nacht alle männlichen Bewohner der Insel um. Allein Thoas wurde von seiner Tochter Hypsipyle versteckt und überlebte.- - -
Wie es weitergeht? ZumTeil ähnlich wie bei Ariost. Hypsipyle zieht aber nach ihrem mehrfachen Verrat an den Frauen auch die A-Karte - wie die Fraen von Lemnos auch. In den "Heroides" von Ovid liest man Näheres.
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 18:40 Uhr (Zitieren)
Zum Vergleich die ersten drei Strophen dieser Trouvaille von Γραικύλος im Original. Vilen Dank für den Fund!
22
Le donne, che si videro tradite
dai loro amanti in che più fede aveano,
restar per alcun dì sì sbigottite,
che statue immote in lito al mar pareano.
Visto poi che da gridi e da infinite
lacrime alcun profitto non traeano,
a pensar cominciaro e ad aver cura
come aiutarsi in tanta lor sciagura.

23
E proponendo in mezzo i lor pareri,
altre diceano: in Creta è da tornarsi;
e più tosto all'arbitrio de' severi
padri e d'offesi lor mariti darsi,
che nei deserti liti e boschi fieri,
di disagio e di fame consumarsi.
Altre dicean che lor saria più onesto
affogarsi nel mar, che mai far questo;

24
e che manco mal era meretrici
andar pel mondo, andar mendiche o schiave,
che se stesse offerire agli supplici
di ch'eran degne l'opere lor prave.
Questi e simil partiti le infelici
si proponean, ciascun più duro e grave.
Tra loro al fine una Orontea levosse,
ch'origine traea dal re Minosse;
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 18:48 Uhr (Zitieren)
Auch in den Einleitungssätzen des Canto XX bricht Ariost eine tüchtige Lanze für die Frauen, für deren Ruhm in den bonae artes (und sogar als Kämpferinnen):
1
Le donne antique hanno mirabil cose
fatto ne l'arme e ne le sacre muse;
e di lor opre belle e gloriose
Gran lume in tutto il mondo si diffuse.
Arpalice e Camilla son famose,
perché in battaglia erano esperte ed use;
Safo e Corinna, perché furon dotte,
splendono illustri, e mai non veggon notte.

Vielleicht kann die Übersetzung nachgetragen werden. Sonst versuche ich´s.

Damit reiht sich Ariost ein bei anderen Vorgängern, so Heinrich von Meißen, Christine de Pizan (Ariosts Sätze könten auch von der sein.)
Re: Ariost und die Amazonen
Γραικύλος schrieb am 08.02.2021 um 22:50 Uhr (Zitieren)
Das kann ich machen, die Übersetzung nachtragen. Aber morgen.
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 09.02.2021 um 10:35 Uhr (Zitieren)
Apollonius Rhodius, Argonautica I, 609 ff.
schildert die "Emanzipation" der lemnischen Frauen so. Sie erschlugen alle Männer.
Here the whole of the men of the people together had been ruthlessly slain through the transgressions of the women in the year gone by. For the men had rejected their lawful wives, loathing them, and had conceived a fierce passion for captive maids whom they themselves brought across the sea from their forays in Thrace; for the terrible wrath of Cypris came upon them, because for a long time they had grudged her the honours due. O hapless women, and insatiate in jealousy to their own ruin! Not their husbands alone with the captives did they slay on account of the marriage-bed, but all the males at the same time, that they might thereafter pay no retribution for the grim murder.
Argonautica,I, 6o9 ff, Translated by Seaton, London 1912

Solches Englisch habe ich nicht in der Schule gelernt.
Re: Ariost und die Amazonen
Γραικύλος schrieb am 09.02.2021 um 13:16 Uhr (Zitieren)
Nach den lemnischen Frauen wollte ich noch fragen. Ovid schreibt in den "Heroides" (Hypsipyle Iasoni) nicht viel über dieses Lemniadum facinus.
Aber Apollonios Rhodios ist eine gute Angabe.

Hier nun die versprochene 1 Stanze in der Übersetzung:
Der Vorzeit Fraun bewiesen Wunderproben
Im Waffendienst, im heil'gen Musenamt;
Und manches Werk, als groß und schön erhoben,
Hat alle Welt mit ihrem Ruhm durchflammt.
Harpalyke, Camilla hört man loben
Um Taten, die dem kühnsten Mut entstammt;
Sapphos, Korinnas Dichterruhm erfunkelt
Im hellsten Glanz, den keine Nacht verdunkelt.
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 09.02.2021 um 16:24 Uhr (Zitieren)
....und noch diese Version, weil´s so schön ist:

Canto XX, 1-3
[161] 1.
Einst taten Frauen in der Schlachten Reigen
Erstaunliches und in der Musen Pflicht,
Und solcher Ruhm ward ihnen oftmals eigen,
Als strahle durch die Welt ein helles Licht.
Camilla und Harpalyce, sie zeigen,
Daß Mut und Kraft den Frauen nicht gebricht.
Sappho, Corinna leuchten mit Gefunkel,
Gelehrte Fraun – ihr Name kennt kein Dunkel.

2.
Die Fraun entfalten oft die höchsten Werte
In jeder Kunst, der sie sich zugewandt:
Wen die Geschichte gutes Urteil lehrte,
Dem ist ihr reicher Ruhmeskranz zur Hand;
Und wenn die Welt ihn eine Zeit entbehrte,
Nach einer Weile doch der Unstern schwand.
Vielleicht auch ging durch Neid und der Autoren
Unkenntnis ihnen schuld'ger Ruhm verloren.

3.
Und unsre Zeit! Mich deucht, der schönen Frauen
Preis und Vortrefflichkeit ist voll erwacht:
Die gilt es Tinte und Papier vertrauen,
Daß ihrer künft'ge Zeiten haben acht;
Und Strafe sollt ihr, böse Zungen, schauen,
Sinkt ihr mit eurer Schmach in ew'ge Nacht!
Das Lob von unsern Frauen wird erwiesen,
Wie lang vor ihrer Zeit das von Marfisen.

Wer ist Marfise?
Jedenfalls endlich mal einer, der nicht sich an frauenfeindlichen Sterotypen labt.
Re: Ariost und die Amazonen
Ariost schrieb am 09.02.2021 um 17:25 Uhr (Zitieren)
Lies einfach mal die 4. Stanze oder
https://en.wikipedia.org/wiki/Marfisa
 
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