Γραικύλος schrieb am 08.02.2021 um 15:06 Uhr (Zitieren)
Ariost (Ludovico Ariosto, 1474-1533) hat sich innnerhalb seines Epos' "Orlando furioso" (Der rasende Roland) eine längere Version des Amazonen-Mythos ausgedacht: XX 10-64.
Sie beginnt mit dem Untergang Trojas und dem daraus resultierenden Problem, daß sich die Frauen der Griechen daheim derweil anderweitig vergnügt haben. Die auf diese Weise entstandenen Kinder, darauf einigt man sich nach der Rückkehr der Helden, werden ausgesetzt oder vertrieben. Diese Vertriebenen, angeführt von Klytämnestras außerehelichem Sprößling, schlagen sich nach Kreta durch und verdingen sich dort als Söldner - als Söldner, die man um ihren Sold betrügt, weshalb sie beschließen, mitsamt ihren in Kreta geehelichten Frauen die Insel zu verlassen, um sich andernorts niederzulassen.
Ihrer kretischen Frauen werden sie freilich bald überdrüssig, und sie verschwinden bei Nacht und Nebel.
Mit diesen verlassenen und betrogenen Frauen kommt nun die Amazonen-Geschichte in Gang: Frauen, die unter sich zu bleiben und allen Männern feindlich gesinnt zu sein beschließen.
Ich gebe einen Ausschnitt wieder, in dem es um die Organisation der neuen Lebensart geht:
Kann das gutgehen?
Ich habe die folgende Ausgabe benutzt:
Ariost: Der rasende Roland. 2 Bde. München 1980; Bd. 1, S. 513-527
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 16:39 Uhr (Zitieren)
Eine viel verständnisvollere Version der alten, im Prinzip frauenfeindlichen Geschichte von der Frauenrepublik auf Lemnos und vom Lemnischen Frevel.
Weil Aphrodite ihre Heiligtümer auf Lemnos vernachlässigt sah, strafte sie alle Frauen der Insel mit übelriechendem Atem. Als Folge blieben ihnen ihre Gatten fern und vergnügten sich stattdessen mit thrakischen Sklavinnen. Die eifersüchtigen Gattinnen brachten daraufhin in einer Nacht alle männlichen Bewohner der Insel um. Allein Thoas wurde von seiner Tochter Hypsipyle versteckt und überlebte.- - -
Wie es weitergeht? ZumTeil ähnlich wie bei Ariost. Hypsipyle zieht aber nach ihrem mehrfachen Verrat an den Frauen auch die A-Karte - wie die Fraen von Lemnos auch. In den "Heroides" von Ovid liest man Näheres.
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 18:40 Uhr (Zitieren)
Zum Vergleich die ersten drei Strophen dieser Trouvaille von Γραικύλος im Original. Vilen Dank für den Fund!
22
Le donne, che si videro tradite
dai loro amanti in che più fede aveano,
restar per alcun dì sì sbigottite,
che statue immote in lito al mar pareano.
Visto poi che da gridi e da infinite
lacrime alcun profitto non traeano,
a pensar cominciaro e ad aver cura
come aiutarsi in tanta lor sciagura.
23
E proponendo in mezzo i lor pareri,
altre diceano: in Creta è da tornarsi;
e più tosto all'arbitrio de' severi
padri e d'offesi lor mariti darsi,
che nei deserti liti e boschi fieri,
di disagio e di fame consumarsi.
Altre dicean che lor saria più onesto
affogarsi nel mar, che mai far questo;
24
e che manco mal era meretrici
andar pel mondo, andar mendiche o schiave,
che se stesse offerire agli supplici
di ch'eran degne l'opere lor prave.
Questi e simil partiti le infelici
si proponean, ciascun più duro e grave.
Tra loro al fine una Orontea levosse,
ch'origine traea dal re Minosse;
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 18:48 Uhr (Zitieren)
Auch in den Einleitungssätzen des Canto XX bricht Ariost eine tüchtige Lanze für die Frauen, für deren Ruhm in den bonae artes (und sogar als Kämpferinnen):
1
Le donne antique hanno mirabil cose
fatto ne l'arme e ne le sacre muse;
e di lor opre belle e gloriose
Gran lume in tutto il mondo si diffuse.
Arpalice e Camilla son famose,
perché in battaglia erano esperte ed use;
Safo e Corinna, perché furon dotte,
splendono illustri, e mai non veggon notte.
Vielleicht kann die Übersetzung nachgetragen werden. Sonst versuche ich´s.
Damit reiht sich Ariost ein bei anderen Vorgängern, so Heinrich von Meißen, Christine de Pizan (Ariosts Sätze könten auch von der sein.)
Re: Ariost und die Amazonen
Γραικύλος schrieb am 08.02.2021 um 22:50 Uhr (Zitieren)
Das kann ich machen, die Übersetzung nachtragen. Aber morgen.
Re: Ariost und die Amazonen
Ariost schrieb am 09.02.2021 um 10:31 Uhr (Zitieren)
Marcella schrieb am 09.02.2021 um 10:35 Uhr (Zitieren)
Apollonius Rhodius, Argonautica I, 609 ff.
schildert die "Emanzipation" der lemnischen Frauen so. Sie erschlugen alle Männer.
Here the whole of the men of the people together had been ruthlessly slain through the transgressions of the women in the year gone by. For the men had rejected their lawful wives, loathing them, and had conceived a fierce passion for captive maids whom they themselves brought across the sea from their forays in Thrace; for the terrible wrath of Cypris came upon them, because for a long time they had grudged her the honours due. O hapless women, and insatiate in jealousy to their own ruin! Not their husbands alone with the captives did they slay on account of the marriage-bed, but all the males at the same time, that they might thereafter pay no retribution for the grim murder.
Argonautica,I, 6o9 ff, Translated by Seaton, London 1912
Solches Englisch habe ich nicht in der Schule gelernt.
Re: Ariost und die Amazonen
Γραικύλος schrieb am 09.02.2021 um 13:16 Uhr (Zitieren)
Nach den lemnischen Frauen wollte ich noch fragen. Ovid schreibt in den "Heroides" (Hypsipyle Iasoni) nicht viel über dieses Lemniadum facinus.
Aber Apollonios Rhodios ist eine gute Angabe.
Hier nun die versprochene 1 Stanze in der Übersetzung:
Re: Ariost und die Amazonen
Marcella schrieb am 09.02.2021 um 16:24 Uhr (Zitieren)
....und noch diese Version, weil´s so schön ist:
Canto XX, 1-3
[161] 1.
Einst taten Frauen in der Schlachten Reigen
Erstaunliches und in der Musen Pflicht,
Und solcher Ruhm ward ihnen oftmals eigen,
Als strahle durch die Welt ein helles Licht.
Camilla und Harpalyce, sie zeigen,
Daß Mut und Kraft den Frauen nicht gebricht.
Sappho, Corinna leuchten mit Gefunkel,
Gelehrte Fraun – ihr Name kennt kein Dunkel.
2.
Die Fraun entfalten oft die höchsten Werte
In jeder Kunst, der sie sich zugewandt:
Wen die Geschichte gutes Urteil lehrte,
Dem ist ihr reicher Ruhmeskranz zur Hand;
Und wenn die Welt ihn eine Zeit entbehrte,
Nach einer Weile doch der Unstern schwand.
Vielleicht auch ging durch Neid und der Autoren
Unkenntnis ihnen schuld'ger Ruhm verloren.
3.
Und unsre Zeit! Mich deucht, der schönen Frauen
Preis und Vortrefflichkeit ist voll erwacht:
Die gilt es Tinte und Papier vertrauen,
Daß ihrer künft'ge Zeiten haben acht;
Und Strafe sollt ihr, böse Zungen, schauen,
Sinkt ihr mit eurer Schmach in ew'ge Nacht!
Das Lob von unsern Frauen wird erwiesen,
Wie lang vor ihrer Zeit das von Marfisen.
Wer ist Marfise?
Jedenfalls endlich mal einer, der nicht sich an frauenfeindlichen Sterotypen labt.
Re: Ariost und die Amazonen
Ariost schrieb am 09.02.2021 um 17:25 Uhr (Zitieren)