Γραικύλος schrieb am 07.02.2021 um 13:43 Uhr (Zitieren)
Im Griechischen: der Männerfreund.
Dieses Wort hat im Englischen als Verb "philander" und als Nomen "philanderer" eine seltsame Karriere gemacht:
- verb: (of a man) readily or frequently enter into casual sexual relationships with women
- noun: a man who readliy or frequently enters into casual sexual relationships with women; a womanizer
(Oxford Dictionary of English)
Der Übergang soll durch das ältere Nomen "philander - man, husband" erfolgt sein.
Vermutlich liegt dieser sprachgeschichtlichen Entwicklung eine ganze Theorie über Männer und Ehemänner zugrunde.
Re: Philander
Γραικύλος schrieb am 11.02.2021 um 22:26 Uhr (Zitieren)
Wie es scheint, hat der Übergang des Philander vom Männerliebenden zum Frauenliebling in Ariosts "Orlando furioso" stattgefunden, und zwar im Canto XXI, ab Stanze 13 - eine längere Geschichte, beginnend mit:
Der erwähnte Bruder heißt Philander. Er gerät in die Fänge eines "schlechten Weibes", "Ausbund aller schlechten Sitten".
Re: Philander
filix schrieb am 12.02.2021 um 00:28 Uhr (Zitieren)
Dennoch dauert es bis ins späte 18., frühe 19. Jhdt., ehe im Englischen die Ausdrücke vereinzelt so gebraucht werden wie oben geschildert. Noch um 1875 liest man in einer Rezension:
Das ist doch eine beträchtliche zeitliche Lücke, zudem über Sprachgrenzen hinweg. Außerdem scheint mir die Entwicklung von Don Juan als Typus des seriellen Eroberers im 17./18.Jhdt. der bessere Einstiegspunkt in die Frage nach den Voraussetzungen dieses Bedeutungswandels. Interessanterweise tauchen in der engl. Literatur der Epoche nicht nur (männliche) womanizer auf. Über die Protagonistin von Alexander Oldys The Female Gallant (1692) heißt es in einer Literaturgeschichte z.B.
Hier irritiert der sprechende Name aus etymologischer nicht, weil die von der Wortbildung nahegelegte Bedeutung als Name einer Frau, deren Liebesobjekte Männer sind, auftaucht. Er besitzt aber bereits die Konnotation des Promiskuitiven.
Ich vermute daher eher, dass es im 18. Jhdt. zu dieser Verschiebung gekommen sein muss, die sich auch über die Wortbildung hinwegsetzt.
Re: Philander
Γραικύλος schrieb am 12.02.2021 um 13:47 Uhr (Zitieren)
Don Juan und Casanova sind typische Repräsentanten im 18. Jhdt.
Was mich irritiert, ist die zunächst sinnwidrige Namenswahl "Philandros" für den männlichen Typ - natürlich nicht für das weibliche Pendant.
Erstmals finde ich sie bei Ariost. Zum späteren englischen Sprachgebrauch klafft, zugegeben, eine große Lücke.
Re: Philander
filix schrieb am 12.02.2021 um 14:02 Uhr (Zitieren)
Der Filandro Ariosts ist doch weder ein serieller noch überhaupt ein aktiver Verführer, er gerät an Gabrina, die ihn mehr oder minder zur Affäre erpresst.
Re: Philander
Γραικύλος schrieb am 12.02.2021 um 14:33 Uhr (Zitieren)
Das stimmt. Er ist kein Don Juan; er erfüllt nicht das, was später im Englischen unter dem Typus verstanden wird. Aber er ist - wenn denn die Namenswahl durch Ariost überhaupt eine Bedeutung haben soll - 'definiert' durch sein Verhältnis zu einer Frau, nicht zu einem Mann.
Re: Philander
filix schrieb am 12.02.2021 um 16:39 Uhr (Zitieren)
Ob der vom 16. bis zum frühen 18.Jhdt. recht populäre Name bei Ariost wirklich sprechend ist, lässt sich nicht so leicht sagen wie bei Oldys beispielsweise, wo Philandra, Bellamant und Worthygrace einem förmlich ins Auge springen.
Unter den Kandidaten für die Popularisierung einer donjuanesken Figur gleichen Namens, jenseits von dessen etymologischer Deutung, findet sich z.B. das in den 1740ern von Nicola Antonio Porpora, u.a. Händels Konkurrent in London, vertonte Libretto Pietro Pariatis Filandro-Philander. Das Dramatis personae der dt. Übertragung aus 1752 verrät gleich, mit welchem Charakter der Zuschauer es beim Protagonisten zu tun bekommen: Philander, ein unbeständiger Liebhaber. Schauplatz: Die Insel Cythera.
Es gibt in der Literatur der in Frage kommenden Zeit überhaupt einige Figuren dieses Namens in um mehr oder minder freizügige oder verbotene Liebe und Verführung kreisenden Werken von Maynards Philandre (poëme pastoral, 1619), Love-Letters between a Nobleman and his Sister (1708), worin Philander und Silvia auftauchen, The Lover's Week: Or, the Six Days Adventures of Philander and Amaryllis. Written by a Young Lady (1718) bis hin zur Verführungsgeschichte von Fatima und Philander, in einem Memoir aus 1797, das Deborah Sampson, die unerkannt als Soldat im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gedient hat, verfasste. Der Name wurde also im 17/18.Jhdt. offenbar mit solchen amourösen Bedeutungen so stark aufgeladen, dass seine etymologische Bedeutung zurücktritt, aus dem Männerliebenden wird langsam ein Mann der Liebe. Die Derivationsbildung auf -er, die ja das Habituelle noch verstärkt, ist dann der letzte Schritt.
Re: Philander
filix schrieb am 12.02.2021 um 16:40 Uhr (Zitieren)
die Zuschauer
Re: Philander
filix schrieb am 12.02.2021 um 20:13 Uhr (Zitieren)
Anders gesagt: philanderer ist offenbar ein spätes deonymisches Derivativum eines darin gebundenen neuzeitlichen eponomastischen Konkurrenten zu Don Juan, to philander ein zugehöriges Konversionsprodukt. Die in Opern, Versen und Romanen des 17. und 18. Jhdt. unter dem Namen Philander auftretenden „unbeständigen Liebhaber“ und Verführer (von Frauen) setzen sich dabei gewissermaßen nicht nur über die Moral sondern auch die Etymologie hinweg.
Fallen jemandem vergleichbare Beispiele deonymischer Derivativa auf -er ein, die nicht Herkunftsbezeichnungen sind (Berlin-er), sondern Nomina agentis?
Re: Philander
Γραικύλος schrieb am 13.02.2021 um 14:31 Uhr (Zitieren)
Inzwischen habe ich nicht mehr den Eindruck, daß die Namenswahl Ariosts eine nennenswerte Rolle bei der Bedeutungsverschiebung von "Philander" gespielt hat. Das, was filix genannt hat, ist sicher gewichtiger.