Was ist aus der Antike heute noch in der Allgemeinbildung präsent? Dabei meine ich mit Allgemeinbildung kein Ideal, sondern das, was ein Abiturient, der als zweite Fremdsprache Französisch gewählt hat und dann BWL studiert oder was mit Werbung macht, durchs Leben trägt. In einer der beliebten Quiz-Shows möchte ich ihn auf der mittleren Ebene, etwa in Höhe der 10000-Euro-Frage, ansiedeln. In seinem Ge-schichtsunterricht ist die Antike nicht vorgekommen – so in NRW, wie es in Bayern steht, weiß ich nicht.
Manche Namen wird er kennen und vage zuordnen können.
Ein bedeutender antiker König und Feldherr hieß Alexander
- der Kleine?
- der Mittlere?
- der Große?
Kein Problem! Vielleicht, vielleicht ist ihm sogar bekannt, daß es sich um einen Makedonen handelte. Oder doch um einen Griechen? Gibt es da einen Unterschied?
Selbst Caesar ist durchaus kein völlig unbeschriebenes Blatt. Er ist nämlich berühmt für seinen Ausspruch, daß
- der Apfel
- der Würfel
- der Regen
gefallen sei.
Und auch Nero bereitet zumindest bei einem Quiz in einem Punkt keine Schwierigkeiten: Nero hat bekanntlich
- Athen überschwemmt
- Rom in Brand gesetzt
- London dem Erdboden gleich gemacht.
Kritischer wird es, wenn es um einen berühmten Krieg in der griechischen Mythologie geht: den Kampf um
- Troja
- Rom
- Paris
Doch, da war ja mal was mit einem Film, „Troja und die 300“ oder so. Aber auf welcher Seite dieser Paris gekämpft hat, das wissen die Götter.
In dieser Weise wird man vermutlich ein „ja, ja“ bei der Nennung von Namen wie Hannibal, Herkules, Phönix und Zeus zu hören bekommen; Dionysos ist schon sehr problematisch. Die Amazonen sind ein sicherer Treffer: ein kriegerisches Frauenvolk, das vielleicht etwas – man weiß nicht, was – mit einem großen Handelskonzern zu tun hat. Aber „
R.I.P.“, da ist man sich sicher, das heißt „Rest in Peace“.
All das bleibt ganz an der Oberfläche, und an eine in die Tiefe gehende Deutung von Gestalten wie Antigone, Orpheus oder Ödipus wird man nicht denken dürfen.
Autoren der Antike? Fehlanzeige. Allenfalls Homer. Der mit Troja, den 300 und dem hölzernen Pferd. In diesem Zusammenhang ist es durchaus möglich, daß unser Abiturient einmal den Namen Odysseus gehört hat. Ein Schriftsteller? Eine literarische Figur? Wer soll das wissen? Und woher?
Wer muß das wissen? Wofür in aller Welt ist das wichtig? Welche Antwort sollte man ihm darauf geben? Natürlich sind Kenntnisse der Antike bei der Lektüre klassischer europäischer Literatur hilfreich, wenn nicht gar zum Verständnis notwendig: Shakespeare, Goethe, Schiller, Joyce ... Aber wer liest die schon? Keinen Literaturstudenten hatten wir uns gedacht, sondern einen Betriebswirtschaftler oder jemanden, der was mit Werbung macht. Damit kann man sein Geld verdienen. Sollte, wie’s der Teufel will, irgendwann einmal die Frage auftauchen, ob man ein Produkt unbedenklich „Nero“ nennen kann, dann wird halt gegoogelt. Mehr muß man zur Antike nicht wissen.
Und umgekehrt: Was verstehe ich schon von BWL oder Werbung?