Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein Gottesbeweis bei Platon (457 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 05.02.2021 um 18:33 Uhr (
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Zuerst nun haben wir meiner Meinung nach folgendes zu unterscheiden: Was ist das stets Seiende und kein Entstehen Habende [τὸ ὂν ἀεί, γένεσιν δὲ οὐκ ἔχον] und was das stets Werdende, aber nimmerdar Seiende [τὸ γίγνόμενον μὲν ἀεί, ὂν δὲ οὐδέποτε]; das eine ist durch verstandesmäßiges Denken [νοήσει μετὰ λόγου] zu erfassen, ist stets mit sich selbst gleich, das andere dagegen ist durch bloßes mit vernunftloser Sinneswahrnehmung verbundenes Meinen [δόξῃ μετ‘ αἰσθήσεως ἀλόγου] zu vermuten, ist werdend und vergehend, nie aber wirklich seiend [ὄντως δὲ οὐδέποτε ὄν].
Alles Entstehende muß ferner zwangsläufig aus einer Ursache entstehen. Denn für alles ist es unmöglich, ohne Ursache zu entstehen [Πᾶν δὲ αὖ τὸ γιγνόμενον ὑπ‘ αἰτίου τινὸς ἐξ ἀνάγκης γίγνεσθαι. παντὶ γὰρ ἀδύνατον χωρὶς αἰτίου γένεσιν σχεῖν]. Wessen Form und Wirkkraft der Erzeuger [ὁ δημιουργός] nun gestaltet, indem er auf das sich stets gleich Verhaltende hinblickt und etwas Derartiges als Vorbild [παράδειγμα] benutzt, das muß so zwangsläufig insgesamt schön gestaltet werden, wessen Form und Kraft er jedoch gestaltet, indem er auf das Gewordene hinschaut und indem er ein Gewordenes als Vorbild benutzt, das nicht schön.
Der ganze Himmel [οὐρανός] aber – oder die Welt [κόσμος] oder welcher Name sonst ihm dafür am meisten belieben mag – damit sei er von uns genannt –, von ihm müssen wir zuerst erwägen, was es am Anfang bei jedem zu erwägen gilt, ob er stets war und keinen Anfang seines Entstehens hat oder ob er, von einem Anfang ausgehend, geworden ist.
Er ist geworden; denn er ist sichtbar und betastbar und im Besitz eines Körpers. Alles Derartige aber ist durch die Sinne wahrnehmbar [αἰσθητά]; das durch die Sinne Wahrnehmbare aber, das durch Meinen in Verbindung mit Sinneswahrnehmung zu erfassen ist, erwies sich als Werdendes und Erzeugtes; von dem Gewordenen aber behaupten wir ferner, daß es notwendig aus einer Ursache hervorging. Also den Urheber und Vater dieses Weltalls aufzufinden [Τὸν μὲν οὖν ποιητὴν καὶ πατέρα τοῦδε τοῦ παντὸς εὑρεῖν] ist schwer und, nachdem man ihn auffand, ihn allen zu verkünden, unmöglich.
Folgendes aber müssen wir ferner hinsichtlich desselben erwägen, nach welchem der Vorbilder sein Werkmeister [ὁ τεκταινόμενος] es auferbaute, ob nach dem stets ebenso und in gleicher Weise Beschaffenen oder nach dem Gewordenen. Ist aber diese Welt schön und ihr Werkmeister gut, dann war offenbar sein Blick auf das Unvergängliche gerichtet; ist sie aber – was auch nur auszusprechen frevelhaft wäre, dann war sein Blick auf das Gewordene gerichtet. Jedem aber ist doch deutlich, daß er auf das Unvergängliche gerichtet war, denn sie (die Welt) ist das Schönste unter dem Gewordenen, er der Beste unter den Ursachen [ὁ μὲν γὰρ κάλλιστος τῶν γεγονότων, ὁ δ‘ ἄριστος τῶν αἰτίων].
So also entstanden, ist sie nach dem durch Nachdenken und Vernunft zu Erfassenden und sich Gleichbleibendem auferbaut.
(Timaios 27d - 29a)
Nach meinem Eindruck handelt es sich hier um eine Kombination des kosmologischen mit dem teleologischen Gottesbeweis. Außerdem umgeht Platon das Problem, daß der kosmologische Gottesbeweis für gewöhnlich zu viel beweist, indem er, wenn denn alles Existierende eine Ursache haben muß, sogleich nach der Ursache Gottes fragen läßt; für Platon gilt das Kausalgesetz nur innerhalb des Werdenden, nicht hingegen in der Sphäre Gottes.