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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Das Zeitempfinden in Mesopotamien #1 (622 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 04.02.2021 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Das Zeitempfinden in Mesopotamien
Meditation über einen Roman von Zülfü Livaneli
Der türkische Musiker und Autor Zülfü Livaneli hat in seinem Roman „Unruhe“ (2017, dt. 2018) die Suche eines Journalisten (Ibrahim) nach der Frau (Meleknaz) geschildert, die sein ermordeter Jugendfreund (Hüseyin) geliebt und für die er zum Skandal des Dorfes seine Verlobte verlassen hat. Der Ort dieser Spurensuche ist das nördliche Mesopotamien.

Die verschwundene Meleknaz erweist sich als Jesidin (eine Teufelsanbeterin für rechtgläubige Sunniten), die in die Hände des IS geraten und dort schrecklich mißhandelt worden war. Wir Leser werden in die Religion der Jesiden, in die Praktiken des IS, aber auch in die uralte Tradition Mesopotamiens hineingezogen.

Ibrahim begegnet bei seiner Suche zunächst dem Priester eines aramäischen Klosters, das vor 1600 Jahren auf den Ruinen eines uralten Sonnentempels errichtet worden ist. Der Priester erklärt dies so:

Und berechtigt ist auch Ihre Frage, wie es denn komme, dass die Aramäer, immerhin die älteste Glaubensgemeinschaft der Christenheit, ausgerechnet auf einem heidnischen Tempel ein Kloster errichtet haben. Nur müssten Sie das nicht mich, sondern die Erbauer fragen. Vermutlich hatte der Sonnentempel damals schon längst keine Bedeutung mehr, nach all der Zeit. Im Vergleich dazu ist unser Kloster mit seinen tausendsechshundert Jahren geradezu neu, denn der Tempel darunter ist viertausend Jahre alt. Lachen Sie nicht, das meine ich ganz ernst, vor tausendsechshundert Jahren, das ist in dieser Gegend so gut wie gestern. (S. 59)

Dieser Eindruck einer ungeheuer alten Tradition, für die 1000 Jahre nicht mehr als ein Tag sind, wird einige Seiten später (S. 67) noch bekräftigt, als der Ich-Erzähler Ibrahim schildert, wie Hüseyins Schwester sich nach einem Gespräch entfernt: „Ich sah ihr nach, wie sie auf dem in Tausenden von Jahren glattgetretenen Steinpflaster davonging.“

Wie mag es sein, in einem solch ungeheuren zeitlichen Horizont zu leben? Denen von uns, die ihr Leben nach dem Maßstab des schneller – höher – größer verbringen und denen das Allerneueste das Allerbeste ist, wird das nicht viel sagen; und auch in dem Raum, von dem hier die Rede ist – der südwestlichen Türkei, Syrien und dem nördlichen Irak – haben die meisten Menschen wohl andere Sorgen. Dennoch wohnen sie in uralten Städten und bewegen sich über zuweilen über uraltes Pflaster; die Vergangenheit ist immer da und spricht sie an, ob sie es hören wollen oder nicht.

Re: Das Zeitempfinden in Mesopotamien #1
arbiter schrieb am 04.02.2021 um 17:22 Uhr (Zitieren)
zum Thema:
Zeit und Kultur - Geschichte des Zeitbewußtseins in Europa von R. Wendorff 1981
Re: Das Zeitempfinden in Mesopotamien #1
Marcella schrieb am 04.02.2021 um 18:13 Uhr (Zitieren)
Wie zeitlos das politische Empfinden im Orient sein kenan, zeigt die Krise um die Tafeln von Ebla (ca. 2500 vor Z.)

Ein Ausgräber gab an, er habe hebräische Namen in den Texten gefunden.
Das führte zu hysterischen Befürchtungen , Israel werde womöglich aufgrund dieser Dokumente territoriale Ansprüche stellen - nach weit über 4000 Jahren.

Der Mann war wohl gutwillig und wollte bloß Interesse erregen. -
Zeichenfolgen in sumerischen Schriftzeichen in einer unbekannten semitischen Sprache eintausendsiebenhundert Jahre vor den ersten hebräischen Manifestationen "hebräisch" lesen zu wollen, war mehr als mutig.
Die Tafeln waren im Nationalmuseum Aleppo ausgestellt, optisch die schönsten Kelischrifttafeln, die ich je sah.


https://www.theologische-links.de/downloads/archaeologie/ebla_matthiae_tontafeln_
Re: Das Zeitempfinden in Mesopotamien #1
Γραικύλος schrieb am 05.02.2021 um 14:59 Uhr (Zitieren)
Der Link läßt sich (bei mir) nicht öffnen.
Re: Das Zeitempfinden in Mesopotamien #1
Marcella schrieb am 06.02.2021 um 17:31 Uhr (Zitieren)
Re: Das Zeitempfinden in Mesopotamien #1
Marcella schrieb am 06.02.2021 um 17:34 Uhr (Zitieren)
Wieder nicht. Dann versuche es selber unter "Tontafeln von Ebla".

 
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