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Die Frauensprache der Sumerer #1 (510 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 03.02.2021 um 16:44 Uhr (
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Zwischen diesen beiden Basismodellen menschlicher Gemeinschaftsbildung ist die älteste Zivilisation im Mittleren Osten zu platzieren, die der Sumerer. Dies war keine rein egalitäre Gesellschaft, aber auch keine patriarchalische Sozialordnung wie in den Nachfolgestaaten Sumers, der Akkader und Babylonier. In Sumer waren die Männer weniger tonangebend für das politische und wirtschaftliche Leben als in den streng hierarchisch strukturierten Zivilisationen Altägyptens oder der Maya-Staaten im präkolumbischen Amerika. Für die Frauen waren im öffentlichen Leben etliche Nischenplätze (z.B. hochrangige Positionen als Oberpriesterinnen verschiedener Kulte) reserviert, und auch im Götterpantheon gab es Plätze für einflussreiche weibliche Gottheiten, die Schlüsselfunktionen für die Gesellschaft übernahmen. Da waren die mächtige Inanna, Schutzgöttin der Stadt Uruk, und Nisaba, Korngöttin und Schutzpatronin der Schreiber.
Die prominente Rolle der Frauen in bestimmten Domänen der Welt auf Erden und im Kreis der Götter spiegelte sich auch in den Sprachstrukturen. Frauen und Göttinnen nahmen einen Sonderstatus ein, denn ihr Sprachgebrauch unterschied sich in vielfacher Hinsicht von der Normalsprache. Es gab eine spezielle Variante der Frauensprache (genannt Emesal) im Kontrast zu den Strukturen der Normalsprache (genannt Emegir). Dass es sich bei Emesal um eine soziale Sprachvariante und nicht um einen Dialekt des Sumerischen handelt, ist zuerst von I. M. Diakonoff *) nachgewiesen worden. Die Frauensprache wurde vorzugsweise für Hymnen und rituelle Texte im Göttinnenkult gebraucht. Inwieweit die schriftliche Sprachform Emesal der Alltagssprache sterblicher sumerischer Frauen entsprach, wissen wir nicht, denn unsere Kenntnis des Sumerischen basiert ja ausschließlich auf der Überlieferung von Texten.
(Quellenangabe bei #2)
*) I. M. Diakonoff: Ancient writing and ancient written language: Pitfalls and peculiarities in the study of Sumeran; in: S. J. Lieberman (ed.): Sumerological studies in honor of Thorkild Jacobsen on his seventieth birthday, June 7, 1974. Chicago & London 1976, pp. 99-121