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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Caesar und der Kaiserschnitt (925 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 21.01.2021 um 13:53 Uhr (Zitieren)
[...] Nach dem gewöhnlichen Verlaufe der Natur kommt der Mensch mit dem Kopfe voran zur Welt und wird mit den Füßen voran zu Grabe getragen [ritus naturae capite hominem gigni, mos est pedibus efferri].

Günstiger ist das Vorzeichen, wenn die Geburt des Kindes der Mutter das Leben kostet [Auspicatius e necata parente gignuntur]. So war der ältere Scipio Africanus geboren, und der erste Cäsar erhielt diesen Namen, weil er aus dem Leibe seiner Mutter geschnitten worden war [a caeso matris utero dictus], woher auch die Cäsonen [Caesones] ihren Namen erhalten haben. [...]

(Plinius d.Ä.: Naturalis historia VII 8 f.)

- Caeso: Beiname und Vorname in einigen römischen Famlien
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
filix schrieb am 21.01.2021 um 18:20 Uhr (Zitieren)
ritus naturae capite hominem gigni, mos est pedibus efferri.


Eine schöne Formel, über deren Zeiten und Kulturen überspannende Gültigkeit - so wird z.B. beim Kotsuage, dem japanischen Ritual der Umbettung der Knochen nach der Kremation mit Stäbchen in eine Urne, auch mit den Fußknochen begonnen - und anthropologische Dimension man nachsinnen könnte.

Dass es in der medizinischen Literatur der Antike, soweit ich weiß, keine Darstellung eines Kaiserschnitts an einer lebenden Schwangeren gibt, hat im Fall Caesars, der seine Mutter nur um zehn Jahre etwa überlebte, dazu geführt, dass Plinius’ Schilderung samt Etymologie ins Reich der Legende verwiesen wurde.

Heute gilt so eine Schnittgeburt nicht einmal mehr für das Kind als auspicatus. Es soll eine deutliche erhöhte Anfälligkeit für Autoimmunerkrankungen und Fettleibigkeit sich einhandeln.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
Γραικύλος schrieb am 21.01.2021 um 18:27 Uhr (Zitieren)
Mir hat sich die Frage gestellt, inwiefern der Tod der Mutter bei der Geburt als günstiges Vorzeichen gesehen werden konnte. Das hat mich fassungslos gemacht. Weißt Du etwas darüber?
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
Γραικύλος schrieb am 21.01.2021 um 18:41 Uhr (Zitieren)
Für das Mittelalter entscheidend wurde Isidor Etym. IX 3, 12: "Caesar autem dictus, quod caeso mortuae matris utero prolatus eductusque fuerit, vel quia cum caesarie natus sit."

Das von Karl-Heinz Leven herausgegeben Lexikon "Antike Medizin" (München 2005) schreibt: "Eine med. Praxis des K. an den Toten o. Lebenden läßt sich im Gegensatz zur Embryotomie jedoch nicht nachweisen."
Wobei die Embryotomie eine Art Abtreibung zwecks Rettung der Mutter ist.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
filix schrieb am 21.01.2021 um 20:08 Uhr (Zitieren)
Wie du war ich an der Stelle frappiert, denke aber, dass die den modernen Leser provozierende Übersetzung mit Vorsicht zu genießen ist. Den Übersetzer verführt m.E. die suggestive Semantik von necare, das einen gewaltsamen Tod der parens nahelegt, diesen als Ursache des glücklichere Vorzeichens zu deuten, die Geburt als glückverheißender Mord an der Mutter quasi. Es könnte aber schlicht meinen, dass es als günstigeres Vorzeichen gedeutet wurde, kam das Kind aus einer toten Mutter (doch noch) lebend zur Welt statt mit ihr zu sterben, was wohl deutlich öfter geschah. Der Komparativ verweist außerdem zurück auf das schlechtere Omen, mit den Füßen voran geboren zu werden wie Nero, ist demnach in einer Wertungsskala im Verhältnis dazu zu sehen.
Es bleibt die Merkwürdigkeit, dass nach Scipio Africanus, über dessen Mutter Schicksal ich sonst nichts gefunden habe, Caesar erwähnt wird, dessen Mutter die Geburt ja überlebt hat.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
filix schrieb am 22.01.2021 um 01:31 Uhr (Zitieren)
Vermutlich bezieht sich die Stelle im Fall Caesar nur auf die Herkunft des cognomen, der primus Caesarum war also der erste Namensträger der Zeit, nicht dem Rang nach. Der Caesar hatte ja einen gleichnamigen Vater und Großvater. Der Abgleich mit seiner eigenen Geburt und Aurelias Schicksal wäre demnach irrelevant.

In der Tusculum-Ausgabe heißt es außerdem „enecta parente“. Das könnte bedeuten, dass sie nur im übertragenen Sinn gestorben ist, denn „fame enecari“ ist beispielsweise das Pendant zu vor Hunger (Durst, Schmerz usf.) sterben. Halbtot bzw. völlig erschöpft reichte dann als günstiges Vorzeichen.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
Γραικύλος schrieb am 22.01.2021 um 12:27 Uhr (Zitieren)
Eine seltsame Stelle jedenfalls, und Du führst interessante Deutungshypothesen an, die zumindest etwas mehr Licht in die Sache bringen. Wir müssen das auspicium nicht so provokant verstehen, wie es zunächst den Anschein hatte.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
Γραικύλος schrieb am 22.01.2021 um 15:21 Uhr (Zitieren)
Caesars Mutter Aurelia hat ja beim dem Bona-Dea-Skandal des Jahres 62 v.u.Z. eine Rolle gespielt, woraus klar wird, daß sie die Geburt ihres Sohnes überlebt haben muß.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
filix schrieb am 23.01.2021 um 22:59 Uhr (Zitieren)
In Von der lex regia de inferendo mortuo. Die Bedeutung der sectio in mortua nach den römischen Rechtsquellen* untersucht Hafize Celik besagte in den Digesten überlieferte, Numa Pompilius zugeschriebene lex regia, die für den Fall des Todes einer Schwangeren die Entnahme des Fötus vor der Bestattung durch Herausschneiden vorsah.

Die anschließende Formulierung qui contra fecerit, spem animantis cum gravida peremisse videtur wurde mit fortschreitender, bis ins 20. Jhdt. einflussreicher Rezeptionsgeschichte immer mehr zum Zweck der sehr alten Bestimmung aufgewertet bis hin zur Vorstellung, dem noch dazu beseelten Ungeborenen käme ein grundsätzliches Lebensrecht zu, was sich aber nur schwer mit der älteren antiken Denkweise und dem sonstigen Umgang mit Ungeborenen (oder gerade Geborenen) in Einklang bringen lasse. Es werden tieferliegende, in der Spätantike durch christliche und gnostische Überlagerungen verdunkelte magische Motive, wonach die Schwangere von einer Last befreit werden sollte und dgl., vermutet.

Das ändert nun aber nichts daran, dass es bei der Praxis zu einer seltenen Rettung eines einer Toten entnommenen Kindes gekommen sein mag, die der besonderen Umstände wegen als Vorzeichen gedeutet wurde und in die Namensgebung Eingang fand:

Im Allgemeinen herrschte die Vorstellung, dass eine außergewöhnliche Geburt den ersten Hinweis auf die außergewöhnliche Persönlichkeit des Kindes gab und sich deshalb nicht selten Abnormitäten bei der Entbindung als (günstiges) Zeichen auf die Namensgebung (durch ein entsprechendes Cognomen) niederschlugen; siehe hierzu M.BETTINI, Index 40 (2012) (oben Anm.1), insb. S.221-228.


Auf den Aufsatz von Bettini La nascita di Cesare e il „parto cesareo“ nella cultura antica habe ich derzeit leider keinen Zugriff.

*http://local.droit.ulg.ac.be/sa/rida/file/2013/05.Celik.pdf





Re: Caesar und der Kaiserschnitt
Γραικύλος schrieb am 24.01.2021 um 00:10 Uhr (Zitieren)
Das ungewöhnliche der Geburtsart legt sicherlich ein spezielles Auspicium nahe. Aber man muß schon überlegen, um darin etwas Positives zu sehen. Eigentlich hast Du das weiter oben schon ganz gut erklärt.

Wenigstens geschieht das alles im Rahmen der für uns nachvollziehbaren Ethik. Zu den Hinrichtungen, die Donald Trump noch kurz vor Toresschluß durchgesetzt hat, gehörte ja auch ein gänzlich anders gelagerter Fall: die Tötung einer Schwangeren und das Herausschneiden des Fötus, um sich des Kindes zu bemächtigen.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
filix schrieb am 24.01.2021 um 00:22 Uhr (Zitieren)
Man soll ja mit psychischen Projektionen über Kultur- und Epochengrenzen hinweg vorsichtig sein. Dass aber in einer Welt, wo der Tod einer Schwangeren bei der unvollendeten Geburt durch Blutungen, Blasensprung, Embolien usf. ein kaum zu verhinderndes Ereignis ist, bei den Anwesenden, Hebammen zumal, nicht das unmittelbare Bedürfnis vor aller rechtlichen Erwägung ausgelöst wird, wenigstens das Kind irgendwie aus dem womb-tomb zu retten, scheint mir schwer vorstellbar.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
filix schrieb am 24.01.2021 um 00:24 Uhr (Zitieren)
Gelingt das, wie soll es anders als glückhaft empfunden werden.
Re: Caesar und der Kaiserschnitt
Γραικύλος schrieb am 24.01.2021 um 00:39 Uhr (Zitieren)
Stimme zu.
Das Engagement von Ärzten, möglichst Leben zu retten (oder zu verlängern), das derzeit so deutlich zu Tage tritt, war ihnen offenbar schon im Altertum eigen.
Philosophen haben diese Begeisterung nie so uneingeschränkt geteilt.
Hier - nicht immer, und schon bei der Transplantationsmedizin nicht, aber hier teile ich die Ansicht der Ärzte und Hebammen.

(Ich habe eben einen Film geschaut, in dem es um die Verwendung der Organe eines hirntoten Kindes ging. Auffallend und vermutlich realistisch waren die folgenden Aussagen der Ärztin im Nachhinein gegenüber der Mutter des Kindes:
1. Ihr Kind war eindeutig tot, EEG auf der Nullinie usw.
2. Dann haben wir untersucht, ob das Kind [das Kind, nicht seine Organe!] gesund und damit als Spender geeingnet war.
3. Während der Organentnahme hat der Anästhesist dem Kind eine Narkose gegeben, sicherheitshalber.
An dieser Stelle platzte der Mutter der Kragen; das ging über ihren Horizont. Und über meinen. Zumal Kreislauf und Atmung ja während der Prozedur am Laufen gehalten werden müssen, damit die Organe frisch bleiben.)
 
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