Γραικύλος schrieb am 01.01.2021 um 11:20 Uhr (Zitieren)
Der Name der Ehefrau des Sokrates, den es auch in maskuliner Form gibt: Ξάνθιππος), leitet sich ab von ξανθός (bräunlich, gelb, blaßgelb, fahl) und ἵππος (Pferd, als ἡ ἵππος auch Stute).
Eine Frau als fahle Stute zu bezeichnen, klingt wenig schmeichelhaft. Schon die Namensgebung für die arme Frau ist tendenziös.
Re: Xanthippe
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 01.01.2021 um 18:50 Uhr (Zitieren)
Mir will eher scheinen, Deine Sichtweise könnte griechischem Denken nicht ganz adäquat sein. Nur so aus dem Stegreif angezogen:
Pferde bei den Griechen waren ein teures Gut, die poseidonische Gabe an die Athener kommt da wohl nicht von ungefähr, die Rosse des Helios sind ja wohl auch nichts, dessen sich der Gott zu schämen gehabt hätte.
Ein Philipp, ein Hippokrates trugen ihre Namen sicher mit Stolz.
Xanthos hieß eines der Pferde Achilles', war das unvorteilhaft?
Mir fehlen allerdings die Mittel, das weiter zu vertiefen.
Re: Xanthippe
filix schrieb am 01.01.2021 um 21:46 Uhr (Zitieren)
Falb und fahl gingen, wenn ich nicht irre, schon vor einigen Jahrhunderten getrennte Wege.
Zur historischen Rekonstruktion der Bewertung von Namen gehört m.E. vor allem die Frage nach den die etymologische Bedeutung überwuchernden Konnotationen, die für ihre Träger von großer Bedeutung sind, während auf erstere zu rekurrieren, der sich selbst bei geringer Verdunklung der Herkunft die wenigsten bewusst sind, an spezielle Situationen gebunden scheint (z.B. als Auswahlkriterium unter anderen bei der Vergabe oder dem Zusammenfall mit tatsächlichen, vorrangig physischen Eigenschaften des Trägers). Zugespitzt formuliert: Für Adolf, Kevin und Chantal ist der etymologische Aspekt ihrer Namen zumeist sekundär. Hinzu kommt die Beobachtung, dass (vor allem) die (römische) Antike offenbar geringere Problem mit pejorativen Herkunftsbedeutungen hatte, die auf auf unvorteilhafte physische und psychische Eigenschaften ursprünglicher Träger zurückgeht (Brutus, Naso, Calvus, Cicero, ... aber auch Battos, Strabon).
Re: Xanthippe
filix schrieb am 01.01.2021 um 21:47 Uhr (Zitieren)
*zurückgehen
Re: Xanthippe
Klaudia S. schrieb am 02.01.2021 um 09:10 Uhr (Zitieren)
In diesem Zusammenhang kommt mir folgender Gedanke:
Hat Jesus wirklich von Anfang an Jesus (= Gott rettet, heilt, erlöst) geheißen?
Der Name steht bekanntlich auch für ein "Programm".
Oder wurde er später "umgetauft"?
Wie konnte man bei seiner Geburt bereits wissen,
wofür er steht, wenn man die Legende in Lk 1,26ff außer Acht lässt?
Gibt es so etwas wie ein "Nomicinium" ex eventu?
Ich habe gelesen, dass der Name damals weit
verbreitet war. Dennoch ist es ein merkwürdiger Zufall.
Die Legende bei Lukas spricht doch eher
für eine nachträgliche, "passende" Namensgebung.
Was denkt bzw. wisst ihr darüber?
viele Grüße und ein gutes, neues Jahr
Klaudia
Re: Xanthippe
filix schrieb am 02.01.2021 um 12:23 Uhr (Zitieren)
Wo er doch Immanuel (Jes 7,14) hätte heißen sollen und selbst Brian bevorzugte. War Jesus so verbreitet, wie dargestellt, besitzt er an sich das ihm etymologisch eingeschriebene , hinreichend vage Verheißungspotenzial (wie so viele auf Gott sich berufende Namen) für tausende zeitgenössische Kandidaten, aus denen, das scheint mir u.a. der Sinn der Szene, die Benennung als durch den Himmelsboten bestellter göttlicher Akt erwählt. Da braucht es keine nominatio ex eventu.
Re: Xanthippe
Γραικύλος schrieb am 02.01.2021 um 14:34 Uhr (Zitieren)
Bei der Bedeutung von Xanthippe bin ich mir keineswegs sicher. Es handelt sich nur um eine Hypothese.
Die von στρουθίον οἰκιακόν genannten Beispiele beziehen sich auf Pferde selbst sowie auf männliche Namen mit "Pferd". Nun ist es ja im Deutschen ein Unterschied, ob man einen Mann als Hengst oder eine Frau als Stute ("Stutenbissigkeit") oder auch nur als Pferd bezeichnet.
Während Xanthippos als Name häufiger vorkommt, finde ich nur drei Xanthippen, von denen einer keine näheren Eingeschaften zugeschrieben werden, einer zweiten die, eine hingebungsvolle Milchgeberin zu sein, und die dritte ist die Xanthippe des Sokrates.
Die Verbindung zu einer (im Umgang schwierigen) Stute stellt laut Xenophon (Symposion II 10) Sokrates selbst im Gespräch mit Antisthenes her. Immerhin zeigt das, daß die Etymologie des Namens für Sokrates bzw. Xenophon nahelag, und zwar nicht in einem positiven Sinne.
Re: Xanthippe
filix schrieb am 02.01.2021 um 14:52 Uhr (Zitieren)
Letzteres ist aber besagter Sonderfall, wo die Etymologie (mit dem assoziativen Zusatz, dass eine Stute im Umgang schwierig ist) sozusagen scharfgemacht wird, da die Trägerin dazu passende Eigenschaften zu besitzen scheint. Das ist aber von der an sich pejorativen Bedeutung zu unterscheiden, die ja jede Trägerin träfe. Außerdem verdunkelt sich die Herkunftsbedeutung von Namen in ihrem Alltagsgebrauch, sie wird gewöhnlich nicht mitverstanden. Wer "Xanthippe" ruft, ruft "Xanthippe" und nicht "falbe Stute". Es bedarf eines speziellen Sprechakts, um diese Verbindung herzustellen. Man kann auch annehmen, dass die Antike bei der Namenswahl, nicht gleichgültig gegen grundsätzlich negativ konnotierte Namen war.
Re: Xanthippe
Γραικύλος schrieb am 02.01.2021 um 15:40 Uhr (Zitieren)
Das kann ich nicht überprüfen, schon gar nicht bei den wenigen Xanthippen (obgleich Du es natürlich allgemeiner meinst), und muß das so hinnehmen.
Es stimmt schon, daß die meisten Menschen heute sich nicht um die ursprüngliche Bedeutung ihrer (Vor-)Namen kümmern. Bei Theodor denkt man nicht an ein Gottesgeschenk, und Fürchtegotts gibt es kaum noch.
Die Xenophon-Anekdote habe ich eigens vorgestellt, und nun suche ich nach der zweiten Xanthippe, der Tochter des Mykon.
Re: Xanthippe
filix schrieb am 02.01.2021 um 15:56 Uhr (Zitieren)
Die These ist, dass das nicht bloß heute so sich verhält, sondern wesentlich mit der Funktion des Namens einhergeht, die nur im Sonderfall darin liegt, eine in der Etymologie begründete Aussage über den Träger zu treffen, während manche Konnotationen schwerer auszublenden sind.
Re: Xanthippe
Γραικύλος schrieb am 02.01.2021 um 16:05 Uhr (Zitieren)
Klar, das ist die These. Überprüfen kann man sie am leichtesten in den lebenden Sprachen.
Sicher ist, daß es sich bei der Namensgebung um eine Entscheidung der Eltern handelt, die damit für ihr Kind, sofern sie überhaupt an die Bedeutung des Namens denken, allenfalls einen Wunsch gemäß ihrem Geschmack ausdrücken; und das wird für ein Kind selten etwas Abträgliches sein. Eine Beschreibung des Charakters des Namensträgers ist das nicht. Das kommt eher bei den später verliehenen Beinamen zum Zuge (Philadelphos etc.).
Re: Xanthippe
filix schrieb am 03.01.2021 um 12:16 Uhr (Zitieren)
ἵππος war ja ziemlich produktiv, bei manchen Bildungen aus der Klasse der Namen rückt es m.E. in die Nähe eines Suffixoids, denn Xenippos oder Demippos ergeben nur bedingt Sinn.
Dass die Werthaltung in der Frage, welche Bedeutungen abträglich für den Namensträger sind, grundlegend anders gewesen sein muss, zeigt sich auch an Aischylos (von αἶσχος), der quasi als „kleine Schande“ durchs Leben lief.
Re: Xanthippe
Γραικύλος schrieb am 03.01.2021 um 16:13 Uhr (Zitieren)
Die Bedeutung von Aischylos hatte ich mir noch nicht bewußt gemacht. Ein seltsamer Fall.