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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der Lendenschurz (794 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 24.12.2020 um 13:21 Uhr (Zitieren)
Die zum Tode verurteilten Verbrecher bestimmter Kategorien wurden in der Antike nackt ans Kreuz geschlagen. So sicherlich auch Jesus.

In der frühen Kirche wurde Jesus nicht gekreuzigt dargestellt. Erst im fünften Jahrhundert begannen Künstler, ein Kreuz und daneben ein Lamm zu malen, etwas später Jesus neben dem Kreuz.
Am Kreuz hat man Jesus erst ab dem späten 6. Jhdt. gezeigt, allerdings triumphierend und bekleidet.

Erst das Mittelalter brachte die bekannten Darstellungen des leidenden, gepeinigten Jesus am Kreuz. Aber nicht nackt, sondern mit einem Lendenschurz bedeckt.

Das habe ich mir so erklärt, daß die Genitalien des Gottes(sohnes) tabu waren - aus Anstand. (Auch in prüden Hollywood-Filmen ist bei Gekreuzigten der Lendenschurz obligatorisch.)

Nun habe ich bei Peter de Rosa (Gottes erste Diener. München 1989, S. 8) eine weitere, wohl zusätzlich gemeinte Erklärung gelesen: Durch die Abbildung der Genitalien Jesu hätten die mittelalterlichen Künstler in ihrer Zeit der aufkommenden Pogrome Jesus als das gezeigt, was er tatsächlich war, was jedoch verdrängt werden sollte: als Jude.
Re: Der Lendenschurz
Minoides schrieb am 24.12.2020 um 15:15 Uhr (Zitieren)
Angesichts der Tatsache, dass sich um den Besitz der Reliquie der Heiligen Vorhaut im Mittelalter mehrere Gemeinden stritten, dass das Fest der Beschneidung des Herrn seinen festen Platz im Kirchenjahr hatte und dass es eine ganze Reihe von Altarbildern gibt, die ebenjene Operation darstellen, erscheint mir de Rosas Erklärung nicht wirklich überzeugend.
Re: Der Lendenschurz
filix schrieb am 24.12.2020 um 16:02 Uhr (Zitieren)
Mittelalter und Renaissance arbeiten zudem nicht nur an den unbedeckten Partien des Gekreuzigten, sondern auch am Lendenschurz selbst, der bald kleiner, dann wieder voluminöser und in komplizierten Knoten zu einer Art Ersatzgenital wird oder unter dem Stoff eine Erektion sich abzeichnen lässt, manchmal transparent ist (und trotzdem nichts zu sehen gibt), endlich auch ganz verschwindet (berühmtes Beispiel: Michelangelos Kruzifix in Santo Spirito). Aufgeräumt damit hat eigentlich das Konzil von Trient bzw. dessen Ausdeuter, die alle aufreizende Sinnlichkeit aus religiöser Kunst verbannt sehen wollten (das traf nicht nur die Genitalien, sondern z.B. auch die nackten Füße der Madonna).

Übrigens tragen die drei ans Kreuz Geschlagenen in Orantenhaltung an der Holztüre von Santa Sabina in Rom (um 430) auch nur wenig Stoff.
Re: Der Lendenschurz
Γραικύλος schrieb am 24.12.2020 um 16:32 Uhr (Zitieren)
Das Argument von Minoides (Fest der Beschneidung des Herrn) leuchtet mir ein.

filix' Beispiele scheinen sich eher auf die Renaissance zu beziehen, und das Michelangelo-Kruzifix in Florenx (Santo Spirito), so lese ich, trug ursprünglich sehr wohl ein Lendentuch, wenn auch eines aus Stoff.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kruzifix_(Michelangelo)
Re: Der Lendenschurz
filix schrieb am 24.12.2020 um 18:47 Uhr (Zitieren)
Dem Spiel mit der Transparenz des Lendenschurzes begegnet man spätestens bei Giotto, oft lässt er gar nichts darunter sehen: https://images.app.goo.gl/gUUyakyQZfQ28h9dA
Das wurzelt u.a. in einer Vorstellung der Androgynität seines Körpers.
Aber ja, das Gros der nackten Darstellung Christi findet sich zwischen 1400 und der Mitte des 16. Jhdts., worauf in den 80ern Leo Steinberg mit seiner Monographie The sexuality of Christ in Renaissance art and in modern oblivion aufmerksam gemacht hat.
Mag der Michelangelo in Florenz zeitweilig verhüllt gewesen sein, es ist nicht der einzige Kandidat, die beiden Fassungen des auferstandenen Christus am Kreuz waren beide ursprünglich unbedeckt wie der Christus in der Sistina, dessen Übermalung zu den berüchtigtsten Kollateralschäden des Konzils gehört. Nackt am Kreuz hängt er - wenn da nicht Ähnliches gilt wie für Santo Spirito - u.a. bei Donatello (Kruzifix in Bosco ai Frati).
 
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