Γραικύλος schrieb am 12.12.2020 um 16:59 Uhr (Zitieren)
Im Odyssee-Kommentar des Eustathios (zu XIII 408) heißt es:
(Fundstelle: Aristoteles, Historische Fragmente. Hrsg. v. Martin Hose. Darmstadt 2002, S. 27)
ἐς κόρακας wurde zu einer beliebten Verwünschungsformel, entsprechend etwa unserem "Geh zum Geier!"
Re: Seuchenbekämpfung
Johannes schrieb am 12.12.2020 um 19:28 Uhr (Zitieren)
Das erinnert an Mk 5,7ff:
Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! 8 Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! 9 Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. [2] 10 Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. 11 Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. 12 Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! 13 Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken.
Re: Seuchenbekämpfung
filix schrieb am 12.12.2020 um 19:56 Uhr (Zitieren)
Aber wohl kaum aufgrund der oben erzählten Geschichte, zu den Raben, zum Geier schickt man jemanden, der als unbestattete Leiche zum Fraß dieser Vögel werden soll.
Re: Seuchenbekämpfung
Γραικύλος schrieb am 12.12.2020 um 23:00 Uhr (Zitieren)
Der Herausgeber (Martin Hose) gibt es in seinem Kommentar so wieder, daß Eustathios und in einer Parallelstelle Photios sich ausdrücklich auf Pausanias beziehen, um auf diese Weise die Redensart ἐς κόρακας zu erläutern.
Das habe ich ihm abgenommen, zumal ich weder Eustathios noch Photios habe, es also nicht kontrollieren kann.
Re: Seuchenbekämpfung
Γραικύλος schrieb am 12.12.2020 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Den Vergleich mit "zu den Geiern!" habe ich dem Passow entnommen.
Re: Seuchenbekämpfung
Γραικύλος schrieb am 12.12.2020 um 23:41 Uhr (Zitieren)
An Johannes:
Der Gedanke, das 'Böse' möge in die Tiere fahren, ist wohl der gleiche.
Re: Seuchenbekämpfung
Βοηθὸς Ἑλληνικός schrieb am 13.12.2020 um 08:43 Uhr (Zitieren)
filix schrieb am 13.12.2020 um 11:47 Uhr (Zitieren)
Hinter dem Erklärungsversuch, es sei ursprünglich darum gegangen, eine Seuche ἐς κόρακας zu schicken, steht womöglich der zur von den Lexikographen übernommenen überzeugenderen Deutung passende Umstand, dass deren Opfer gleichfalls unbestattet liegenblieben (vgl. Thukydides' Schilderung der 'Pest' in Athen) und Rabenfraß wurden.
Re: Seuchenbekämpfung
Γραικύλος schrieb am 13.12.2020 um 14:04 Uhr (Zitieren)
Das kann die Erklärung sein.
Die Seuche selber zu den Raben zu schicken ... ich meine, das hat Witz.
Re: Seuchenbekämpfung
filix schrieb am 13.12.2020 um 17:53 Uhr (Zitieren)
Ich dachte sozusagen an eine kulturelle Deckerzählung, die das Skandalon, dass die Toten (aus Angst) unbestattet bleiben und von den Raben angefressen werden, in einen Beschwörungsritus umdeutet, in der die Seuche mit ihren womöglich todbringenden Opfern verschmilzt, die man besser den Vögeln überlässt.
Re: Seuchenbekämpfung
filix schrieb am 14.12.2020 um 17:13 Uhr (Zitieren)
Das wirft auch Licht, denke ich, auf die vorangehende rituelle Reinigung der Raben, die, wenn sie ohnehin nur dazu dienten die Seuche aufzunehmen, merkwürdig scheint. Handelt es sich aber eigentlich um die an der Seuche gestorbenen Toten, die in den Vögeln gewissermaßen ihre Gräber finden, sieht die Sache anders aus,