Das seinerzeit wirkungsmächtigste Buch von H. G. Wells, "The Outline of History", ist 1920 erschienen (nach einem 1919 begonnenen Abruck in 24 Folgen). In deutscher Übersetzung ist es 1928
u.d.T. "Die Weltgeschichte" herausgekommen.
Über die Griechen heißt es darin u.a.:
Die charakteristischen Merkmale der hellenischen Zivilisation
Nun unterscheidet sich die griechische Zivilisation, die wir in Süditalien, Griechenland und Kleinasien im siebenten Jahrhundert v. Chr. erstehen sehen, in vielen wesentlichen Punkten von den zwei anderen großen Zivilisationen, deren Aufblühen wir schon geschildert haben, nämlich von jener am Nil und der an den zwei Flüssen Mesopotamiens. Diese Zivilisationen wuchsen, durch lange Zeiten auf jene Gebiete be-schränkt, aus einem Tempelleben und einem primitiven Ackerbau empor. Priesterkönige und Gottkönige schufen aus den alten Stadtstaaten große Reiche. Die barbarischen griechischen Viehzüchter aber kamen bei ihrem Vorstoß nach Süden in eine Welt, deren Zivilisation schon lange bestand. Da gab es schon Schiffahrt, Ackerbau, Städte, Mauern und eine Schrift. Die Griechen schufen keine eigene Zivilisation, sie zerstörten eine und bildeten aus den Ruinen rasch eine neue.
Daher fehlt in der griechischen Überlieferung die Entwicklungsstufe des Tempelstaates der Priesterkönige. Die Griechen griffen sofort die Stadtorganisation auf, während bei den Völkern des Ostens eine solche erst aus dem Tempelleben heraus entstanden war. Sie übernahmen die Verbindung von Tempel und Stadt – die Idee fanden sie vor. Was ihnen wahrscheinlich an der Stadt den größten Eindruck machte, war die Mauer, die sie umgab. Es ist zweifelhaft, ob sie Stadtleben und Stadtbürgerschaft sofort aufgriffen. Zuerst lebten sie in offenen Dörfern außerhalb der Ruinen der von ihnen zerstörten Städte, aber diese Ruinen lagen vor ihnen als Vorbild und dauernde Beeinflussung. Sie dachten an eine Stadt zuerst als an einen sicheren Aufenthaltsort in Kampfzeiten und an den Tempel nur als an ein selbstverständlich zur Stadt gehöriges Wahrzeichen. Sie wurden Erben einer früheren Zivilisation, aber in ihren Gemütern blieben Ideen und Überlieferung des Waldlebens bestehen
.
Das heroische Gesellschaftssystem der Ilias ergriff von dem Lande Besitz und paßte sich den neuen Bedingungen an. Mit dem Fortschreiten der Geschichte werden die Griechen immer religiöser und abergläubischer, da der Glaube der Besiegten sich wieder von unten durchzusetzen beginnt.
[...]
(H. G. Wells: Die Weltgeschichte. 3 Bde. Berlin/Wien/Leipzig 1928; Bd. 1, S. 309 f.)
Zwei Jahre später (1922) ließ Wells dem Werk eine Kurzfassung folgen: "A Short History of the World", dt. "Die Geschichte unserer Welt", 1926.
Im Feuilleton der FAZ vom 7. Dezember 2020 ist eine ganzseitige Würdigung dieses Werkes zu lesen.