Γραικύλος schrieb am 04.12.2020 um 13:59 Uhr (Zitieren)
Charon ist ursrpünglich eine euphemistische Bezeichnung des Todes, sagt DNP; insofern χάρων ein für Löwen, Adler und Hunde gebrauchtes Beiwort zur Bezeichnung eines wilden, flammenden Blickes ist (χαροπός: freudigen, mutvollen, wildfunkelnden Blickes), erscheint sie mir so euphemistisch gar nicht.
Individualisiert, d.h. als Eigenname, taucht die Bezeichnung seit Orpheus auf.
Die den Toten in den Mund gesteckte Kleinmünze (Obolos; Charonsgroschen) wurde später als Fährlohn erklärt, galt jedoch zunächst als symbolischer Ersatz für die zurückgelassene Habe des Toten.
Gleichsam als Fahrschein für den Transport wäre es auch kühn, denn schließlich mußten die Toten mitrudern ... und hätten wohl oft auch gerne auf den Weg verzichtet.
Re: Χάρων
Minoides schrieb am 06.12.2020 um 15:09 Uhr (Zitieren)
Was hier wie ein Faktum daherkommt, wird in Draegers Artikel immerhin als aus dem Aeneis-Kommentar des Servius erschlossene Information kenntlich gemacht (ohne freilich darauf hinzuweisen, wie unsicher die Annahme ist, Servius beziehe sich auf eine archaische κατάβασις Ὀρφέως und nicht etwa auf ein verlorenes Werk des Lucan o. a.)
Re: Χάρων
Γραικύλος schrieb am 06.12.2020 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Meine Informationsquelle: DNP, wie angegeben.
Der Artikel "Charon" stammt in der Tat von Paul Dräger.
Dort heißt es:
[i]Eine dem Toten in den Mund gesteckte, vielfach in Gräbern gefundene Kleinmünze (Obolos) wurde später als Fährlohn erklärt (Charonsgroschen; erster lit. Beleg: Aristoph. Ran. 140), der trotz Mitruderns entrichtet werden mußte; bedeutete aber urspr. Ersatz für die zurückgelassene Habe.[/quote]
Es folgen drei Verweise: auf Wilamowitz, Rohde und Burkert.
Ich sehe darin 1. die Angabe eines Faktums, 2. keinen Hinweis auf einen Aeneis-Kommentar, 3. nichts, was ich unkorrekt wiedergegeben hätte.
Das schließt natürlich nicht aus, daß Dräger sich falsch ausdrückt und es sich in Wahrheit so verhält, wie Du es sagst.
Re: Χάρων
Γραικύλος schrieb am 06.12.2020 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Meine Informationsquelle: DNP, wie angegeben.
Der Artikel "Charon" stammt in der Tat von Paul Dräger.
Dort heißt es:
Es folgen drei Verweise: auf Wilamowitz, Rohde und Burkert.
Ich sehe darin 1. die Angabe eines Faktums, 2. keinen Hinweis auf einen Aeneis-Kommentar, 3. nichts, was ich unkorrekt wiedergegeben hätte.
Das schließt natürlich nicht aus, daß Dräger sich falsch ausdrückt und es sich in Wahrheit so verhält, wie Du es sagst.
Re: Χάρων
Minoides schrieb am 06.12.2020 um 15:49 Uhr (Zitieren)
Ich hatte mich nur auf den Satz bezogen:
Re: Χάρων
Γραικύλος schrieb am 06.12.2020 um 15:52 Uhr (Zitieren)
Ach so, dann war das ein Mißverständnis.
Re: Χάρων
filix schrieb am 07.12.2020 um 21:19 Uhr (Zitieren)
Dass die Münze, sei sie nun Fährlohn oder Symbol der Habe, in den Mund gesteckt wurde, scheint mir erklärungsbedüftig. Man denkt unwillkürlich an vergleichbare Rituale aus anderen Kulturen, die so eine Wiederkehr oder den nachzehrenden Übergriff des Toten auf die Welt der Lebenden verhindern sollen. Die Erklärung mit dem Fährlohn weist ja letztlich auch in diese Richtung, gewährleistet die Bezahlung des One-way-Tickets doch, dass der Tote die Überfahrt ins Reich des Todes nicht verpasst. Eine wesentliche Funktion solcher Rituale ist, die Grenze zu den Lebenden zu sichern und Unheil seitens der Toten durch Sühne und Ausgleich von den Lebenden abzuwenden (wie z.B. beim Enagisma).