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Vom Mythos zu den Ioniern (625 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.11.2020 um 15:31 Uhr (
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Vernant gibt im folgenden Abschnitt die Gedanken von F. M. Cornford (*) wieder, denen er zustimmt.
[...] Seiner Ansicht nach steht die früheste Form der Philosophie mythischen Konstruktionen näher als wissenschaftlichen Theorien. Die ionische Physik hat weder in ihrer Geisteshaltung noch in ihren Methoden das geringste mit dem gemein, was wir Wissenschaft nennen; insbesondere fehlt ihr der Gedanke des Experiments gänzlich. Auch ist sie nicht das Ergebnis einer naiven und spontanen Vernunftreflexion über die Natur. Vielmehr übersetzt sie lediglich das von der Religion geschaffene Weltbild in einer profane Form und in ein abstrakteres Vokabular.
Ihre Kosmologien nehmen die wichtigsten Themen der mythischen Kosmogonien auf und führen sie in bestimmter Weise fort. Sie antworten auf denselben Typ von Fragen wie diese; sie suchen nicht, wie die Wissenschaften, nach den Gesetzen der Natur, sondern fragen, wie der Mythos, danach, wie die Ordnung geschaffen wurde und wie der Kosmos aus dem Chaos hervorgehen konnte.
Von den Schöpfungsmythen übernehmen die Milesier nicht allein ein Bild des Universums, sondern auch eine Fülle begrifflichen Materials und eine Reihe von Erklärungsschemata: So zeichnen sich hinter den „Elementen“ der physis deutlich die alten Gottheiten der Mythologie ab. Indem sie zur Natur wurden, haben die Elemente den Charakter individualisierter Götter verloren, doch sie bleiben aktive und belebte Mächte und werden immer noch als göttlich empfunden; in ihrem Wirken ist die physis noch ganz von der Weisheit und Gerechtigkeit erfüllt, die zuvor die festen Attribute des Zeus waren.
Die Ordnung der Welt Homers ergab sich aus der Aufteilung von Funktionen und Herrschaftsgebieten unter die wichtigsten Götter: Zeus war der Gott des strahlenden Himmelslichts (aithēr ), Hades der des nebligen Schattens (aēr ), Poseidon der des flüssigen Elements, und Gaia, die Erde, hatte ihren Anteil an den Domänen aller drei, denn auf ihr leben die Menschen und alle anderen sterblichen Geschöpfe, die der Gattung des Vermischten angehören. Der Kosmos der Ionier hat seine Ordnung durch eine bestimmte Verteilung der Zuständigkeiten für einzelne Bereiche und die Jahreszeiten auf Elementarkräfte, welche im Gegensatz zueinander stehen, einander ausgleichen oder sich miteinander verbinden.
[...]
(Jean-Pierre Vernant: Die Entstehung des griechischen Denkens. Frankfurt/Main 1982, S. 105 f.)
*) F. M. Cornford: From Religion to Philosophy. A Study in the Origins of Western Speculation. London 1912; ders.: Principium sapientiae. The Origins of Greek Philosophical Thought. Cambridge/New York 1951