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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
κολοσσός (550 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.11.2020 um 14:41 Uhr (Zitieren)
[...] In seiner ursprünglichen Bedeutung hat das Wort [sc. κολοσσός] keinen Größenbezug. Es bezeichnet nicht – wie später aus zufälligen Gründen – Standbilder von riesigen, „kolossalen“ Ausmaßen. Im griechischen Vokabular für die Statue, das [...] sehr breit gefächert und recht schwankend ist, geht der Ausdruck kolossós, der vorgriechischer Herkunft ist, auf eine Wurzel kol- zurück, die man mit bestimmten Ortsnamen in Kleinasien in Verbindung bringen kann (Kolossai, Kolophon, Kolura) und in der die Vorstellung von etwas Aufgerichtetem, Aufgestelltem bewahrt ist.

Damit scheint sich der kolossós von anderen archaischen Götterbildern – dem brétas, dem xóanon – unterscheiden zu lassen, die sich in vielen Hinsichten ähneln (geschlossene Silhouette, Bein und Arme an den Rumpf angelegt). Doch das brétas und das xóanon sind fast immer beweglich. Sie werden umhergetragen, bei Prozessionen mitgeführt beziehungsweise vom Priester oder der Priesterin im Arm gehalten; es sind Idole, die man als „portabel“ bezeichnen könnte. Dagegen ist der kolossós grundsätzlich durch Fixierung und Immobilität definiert. Man kann sich ihn in zwei Formen vorstellen, entweder als Pfeiler- oder als Menhir-Statue, bestehend aus einem aufgerichteten Stein beziehungsweise einer in den Boden eingegrabenen, manchmal sogar vergrabenen Steinsäule.

Eine Reihe archäologischer Dokumente, die die wenigen uns überlieferten Texte über die kolossoí erklären, erlauben es, die Funktion und die symbolischen Werte dieser Idole genau zu bestimmen.

In Mideia, dem heutigen Dendra, fand man in einem Kenotaph aus dem dreizehnten Jahrhundert v. Chr. anstelle von Skeletten zwei auf dem Boden liegende Steinblöcke, der eine größer als der andere, grob behauen zu viereckigen, sich nach oben verjüngenden Steinsäulen, um den Hals und den Kopf menschlicher Gestalten (eines Mannes und einer Frau) darzustellen. Begraben in einem leeren Grab neben Gebrauchsgegenständen, die dem Toten gehörten, dient der kolossós als Substitut der fehlenden Leiche. Er ist der Platzhalter des Toten.

Diese Praxis der Substitution entspricht Glaubenshaltungen, die wir gut kennen. Wenn ein Mann in die Ferne aufgebrochen ist und für immer verschollen scheint oder gestorben ist, ohne daß es möglich gewesen wäre, seine Leiche zurückzuholen und die Begräbnisrituale mit ihr zu vollziehen, irrt der Tote – oder vielmehr sein „Double“, seine psyché – endlos zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten hin und her: Zur ersten gehört er nicht mehr; in die zweite ist er noch nicht gebannt. So besitzt sein Gespenst eine bedrohliche Macht, die sich in Übeltaten gegen die Lebenden äußert.

Als Ersatz für die Leiche in der Tiefe der Grabkammer strebt der kolossós nicht danach, die Züge des Toten wiederzugeben, die Illusion seiner physischen Erscheinung zu vermitteln. Er ist nicht das Bild des Toten, das er im Stein verkörpert und fixiert, sondern es ist sein Leben im Jenseits, das sich zu dem der Lebenden wie die Welt der Nacht zu der des Lichts verhält. Der kolossós ist kein Bild; er ist ein Double, ein „Doppelgänger“, wie der Tote selbst ein Doppelgänger des Lebenden ist.

Dennoch ist der kolossós nicht immer in die Nacht des Grabes verbannt. Der nackte Stein kann sich auch ins Licht über dem leeren Grab erheben, an einem abgelegenen und verlassenen Ort, der durch seine Wildheit den Mächten der Unterwelt geweiht ist. So in Phleius über dem Kenotaphen des Aras und seiner Kinder; so in Lebadeia, wo in einem Wald, den keines Menschen Hand jemals berührt hatte, eine Steinsäule ohne Inschrift oder Figur über dem Grab des Agamedes aufragte: In der Öffnung des bóthros war Trophonios von der Erde verschlungen worden. Dort wurden die Riten der Totenbeschwörung zelebriert. Man goß die vorgeschriebenen Trankopfer über die Stele, man ließ das Blut eines schwarzen Widders über sie rinnen; dann riefen die Anwesenden den Toten dreimal bei seinem Namen, die Augen fest auf den Stein gerichtet, wo er wiedererscheinen sollte.
[...]

(Jean-Pierre Vernant: Mythos und Denken bei den Griechen. Konstanz 2016, S. 341-343)

- Trophonios: Heros von Lebadeia in Boiotien, Stiefsohn oder Bruder des Agamedes (Pausanias IX 37, 5)
 
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