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Der Aufrührer: eine zeitlose Rede (656 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 25.11.2020 um 16:11 Uhr (
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In dem Bürgerkrieg, der 1378 in Florenz zwischen Adligen und Volk, Guelfen und Ghibellinen sowie Reichen und Armen, auch innerhalb von Zünften, stattfand, kam es zu Gewalttaten der ärmeren Schichten. Angesichts eines Aufrufs der Obrigkeit zum Frieden hielt einer ihrer Führer, der namentlich nicht genannt wird, die folgende Rede:
Hätten wir jetzt darüber zu beraten, ob wir die Waffen ergreifen, die Wohnungen der Bürger plündern und niederbrennen, die Kirchen berauben sollten: so würde ich einer von denen sein, welche die Sache des Überlegens wert halten, ja vielleicht würde ich die Meinung hegen, daß eine ruhige Armut einem gefährlichen Gewinn vorzuziehen ist. Da aber die Waffen in unsern Händen, da bereits viel Unheil geschehen ist, so dünkt mich, daß wir jetzt zu beraten haben, wie wir erstere nicht niederlegen und vor des letztern Folgen und schützen sollen.
Ich glaube fest, wenn sonst nichts, wird die Not es uns lehren. Ihr seht die ganze Stadt voll Unmut und voll Haß gegen uns: die Bürger halten fortwährend Ratssitzungen ab, die Signorie unterhandelt beständig mit den Magistraten. Glaubt mir, es werden Fesseln für uns geschmiedet, neue Streitkräfte gegen unsere Häupter aufgeboten.
Deshalb müssen wir nach zweierlei streben und bei unsern Beratungen doppelten Zweck haben: einmal, daß uns für die Vorgänge der letzten Tage keine Strafe treffe; sodann, daß wir in Zukunft in größerer Freiheit und Zufriedenheit als bisher leben können. Um uns daher für begangene Vergehen Verzeihung zu holen, müssen wir, nach meinem Dafürhalten, neue begehn, die Übel verdoppeln, Brand und Raub mehren und uns dazu viele Genossen verschaffen. Denn wo viele sündigen, wird keiner bestraft: kleine Vergehen werden gezüchtigt, große und ernste gelohnt. Und wo viele leiden, suchen wenige sich zu rächen, indem ein allgemeines Übel leichter und geduldiger sich erträgt als ein persönliches. Vergrößerung unserer Schuld wird uns also Verzeihung erwerben und uns auf den Weg führen, das zu erlangen, was zu unserer Freiheit nottut.
Mich dünkt, wir gehen zuverlässigem Gewinn entgegen: denn die uns hindern könnten, sind uneinig und reich; ihre Uneinigkeit wird uns zum Siege verhelfen, ihre Reichtümer, nachdem sie unser geworden, den Sieg sichern.
Laßt euch nicht durch Alter und Vornehmheit der Familien abschrecken, womit sie euch entgegentreten. Denn die Menschen, da sie denselben Ursprung gehabt, sind gleich alt , und die Natur hat alle nach derselben Form geschaffen. Zieht uns unsere Kleider aus[,] und ihr werdet uns alle gleich sehn; laßt uns ihre Gewänder anlegen, sie die unsern, so werden wir ohne Zweifel vornehm aussehen, sie gemein. Denn Armut und Reichtum bilden den einzigen Unterschied zwischen uns.
Es tut mir leid zu vernehmen, wie viele unter euch das Vorgefallene aus Gewissenhaftigkeit bereuen und von neuen Handlungen sich fernhalten wollen. Wahrlich, wenn dem so ist, so seid ihr nicht die Männer, für die ich euch hielt: weder Gewissen noch Schande müssen euch ängstigen, denn der Sieger, durch welche Mittel er auch siegen mag, trägt nimmer Schmach davon. Das Gewissen muß uns nicht viel zu schaffen machen: denn wer, wie wir, vor Hunger und Kerker sich fürchtet, muß und kann um die Hölle wenig sich kümmern.
Achtet ihr auf der Menschen Treiben, so werdet ihr sehn, wie alle diejenigen, die zu großen Reichtümern und großer Macht gelangten, diese durch Betrug oder Gewalt erreicht haben, und wie sie das, was sie durch List oder Übermacht an sich gerissen, mit dem ehrbaren Namen Gewinn betiteln, um die schnöde Art des Erwerbs vergessen zu machen. Wer aus Mangel an Klugheit oder wegen zu vieler Bedenken einen solchen Weg nicht einschlagen will, vergeht in Dienstbarkeit und Armut: denn die treuen Knechte bleiben immer Knechte, die ehrlichen Leute bleiben immer arm, und nur die untreuen und frechen streifen die Knechtschaft ab, nur die unehrlichen und raubsüchtigen die Lumpen.
Gott und die Natur haben die Glücksgüter mitten unter die Leute hingestellt: mehr dem Raube ausgesetzt denn dem Fleiße, mehr schlimmen als guten Künsten. Daher kommt es, daß die Menschen einander aufzehren und dem Schwächern stets das traurigste Los beschieden ist. Darum soll man Gewalt brauchen, wo die Gelegenheit sich bietet; eine günstigere aber kann uns nie werden, da noch die Bürger uneins sind, die Signorie schwankend, die Magistrate bestürzt, so daß wir sie leicht unterdrücken mögen, bevor sie sich einigen und zu einem Entschluß kommen. Wir werden dann entweder ganz Herren der Stadt bleiben oder einen solchen Anteil an der Herrschaft bekommen, daß nicht nur vergangene Unbilde uns verziehen wird, sondern wir auch mit neuer drohen können.
Ich bekenne, daß ein solcher Versuch kühn und gefährlich ist: wo aber Not drängt, ist Kühnheit Klugheit. Beherzte Männer haben in wichtigen Angelegenheiten nie nach Gefahr gefragt. Denn jene Unternehmungen, die mit Gefahr beginnen, enden mit Lohn, und ohne Gefahr hat man noch nie aus einer Gefahr sich gerettet. Wo man Kerker, Folter, Tod durch Henkershand im Hintergrunde sieht, scheint es mir gefährlicher, zu warten als zu handeln: denn im erstern Falle ist das Übel gewiß, im andern zweifelhaft.
Wie oft habe ich euch über den Geiz eurer Meister, über die Ungerechtigkeit eurer Vorgesetzten klagen gehört! Jetzt ist die Stunde gekommen, nicht nur von ihnen loszukommen, sondern viel mächtiger zu werden als sie, daß sie euch mehr zu fürchten und sich zu beklagen haben werden, als ihr bisher über sie. Die günstige Zeit hat Flügel; vergebens sucht ihr sie wieder zu erhaschen, nachdem sie geflohn ist. Ihr seht die Vorbereitungen eurer Widersacher. Laßt uns ihren Plänen zuvorkommen: wer von beiden Parteien zuerst die Waffen wiederergreift, bleibt Sieger und erhebt sich auf den Trümmern des Glückes der Gegner. Vielen von uns wird Ehre daraus erwachsen, Sicherheit allen.
(Niccolò Machiavelli: Geschichte von Florenz. Zürich 1986, S. 181-184)
Kann man ihn den catilinarischen Typus nennen?