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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein Eindruck von Alexandria (478 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.11.2020 um 23:10 Uhr (Zitieren)
Einer der bekannten Antiken-Kriminalromane von John Maddox Roberts, "Der Musentempel", spielt in Alexandria.

Senator Decius Caecilius Metellus unternimmt im Jahre 60 v.u.Z. zusammen mit seinem Onkel Creticus eine Schiffsreise nach Alexandria. Dies sind seine ersten Eindrücke von der Stadt.
[...]
Vor dem Mast der Galeere war eine hinreißende Miniatur-burg errichtet, und ich erklomm die Kampfplattform, um eine bessere Sicht zu haben. Binnen Minuten wurde der Fleck eine erkennbare Rauchsäule, und wenig später war der ganze Turm sichtbar. Vom offenen Meer her kommend, gab es nichts, was uns eine Vorstellung von der wahren Größe des Bauwerks hätte geben können, und es war schwer zu glauben, daß dieses Ding eines der sieben Weltwunder sein sollte.

„Das soll der berühmte Leuchtturm sein?“ fragte jetzt auch mein Sklave Hermes. Unsicher hatte er die Plattform nach mir erklommen. Er war noch schlimmer seekrank als ich, was mir eine gewisse Befriedigung verschaffte.
„Ich habe gehört, von nahem soll er weit beeindruckender sein“, versicherte ich ihm. Zuerst sah er aus wie eine schlanke Säule, die im gleißenden Licht der Mittagssonne strahlend weiß leuchtete. Als wir näher kamen, erkannte ich, daß ein schmaler Säulenschaft auf einem breiteren stand, der wiederum auf einer noch breiteren Plattform fußte. Dann sahen wir die Insel selbst, und ich bekam eine Ahnung, wie riesig der Leuchtturm war, denn er dominierte die gesamte Insel Pharos, die selbst groß genug war, die Sicht auf die ganze große Stadt Alexandria zu verdecken.

Der Pharos stand am äußersten östlichen Ende der Insel, und auf diese Landzunge steuerten wir zu, weil wir den Großen Hafen anlaufen wollten. Hinter dem westlichsten Zipfel der Insel lag der Eunostos-Hafen, der Hafen zur glücklichen Heimkehr, von dem aus Schiffe in einen Kanal einlaufen konnten, der die Stadt mit dem Nil verband, oder auf dem Mareotis-See in südlicher Richtung weitersegeln konnten. Deswegen war der Eunostos-Hafen auch der bevorzugte Handelshafen der Stadt. Aber da wir uns auf regierungsamtlicher Mission befanden, sollten wir im Palast empfangen werden, der direkt am Großen Hafen lag.

Als wir den östlichen Zipfel der Insel umfuhren, reckte Hermes seinen Hals, um zur Spitze des Leuchtturms aufzublicken, die aus einer Art Glashaus bestand, aus dem Flammen und Rauchschwaden in eine leichte Brise wehten.
„Er ist doch ziemlich hoch“, räumte Hermes ein.
„Angeblich über hundert Meter“, bestätigte ich. Die alten Diadochen, die nach Alexander kamen, bauten in einer Größenordnung, die es mit den Pharaonen aufnehmen konnte. Deren gigantische Grabstätten, Tempel und Denkmäler waren zu nichts im besonderen nutze, aber sie waren beeindruckend, was auch ihr Hauptanliegen war. Wir Römer konnten das gut verstehen. Es ist wichtig, Menschen zu beeindrucken. Wir zogen natürlich nützlichere Dinge wie Straßen, Aquädukte und Brücken vor. Zumindest der Pharos war ein wahrhaft nützliches Bauwerk, wenn auch ein wenig zu groß geraten.

Als wir zwischen dem Pharos und Kap Lochias hindurchfuhren, bot sich uns ein erster, in der Tat atemberaubender Anblick der Stadt dar. Alexandria lag auf einer Landenge zwischen Mareotis-See und dem Meer, direkt westlich des Nildeltas. Alexander hatte diesen Platz ausgesucht, damit seine neue Hauptstadt Teil der hellenistischen Welt blieb und nicht im priesterverrückten Ägypten lag; ein weiser Entschluß. Die ganze Stadt war aus weißem Stein erbaut worden, was einen verblüffenden Effekt zeitigte. Es sah nicht aus wie eine reale Stadt, sondern eher wie das Idealmodell einer solchen.

Rom ist keine schöne Stadt, obwohl es über ein paar prachtvolle Bauwerke verfügt. Alexandria hingegen war von unvergleichlicher Schönheit. Hier lebten mehr Menschen als in Rom, trotzdem machte die Stadt keinen überbevölkerten oder ausufernden Eindruck. Alexandria war von Annfang an als große Stadt geplant worden. Auf dem flachen Stückchen Land waren alle größeren Gebäude vom Hafen aus klar zu erkennen, vom riesigen Tempel des Serapis in den westlichen Vierteln bis zu jenem seltsamen, künstlichen Hügel und dem Tempel des Paneion im Osten.
Der größte Gebäudekomplex war der Palast, der sich an der sichelartig geschwungenen Küstenlinie des Kap Lochias erstreckte. Es gab sogar eine Palastinsel und einen eigenen Hafen, der dem Palast vorgegliedert war. Die Ptolemäer hatten es gern stilvoll.

Ich stieg zum Deck hinab und schickte Hermes los, um meine beste Toga zu holen. Die Marinesoldaten an Deck polierten ihre Rüstung, aber da es sich bei unserer Mission um eine diplomatische handelte, würden Creticus und ich keine Militäruniformen tragen.

In unserer besten Kleidung gewandet und von unserer Ehrengarde flaniert, steuerten wir das Dock unweit des Mondtores an. Über dem Tor thronte die Gestalt der schönen, aber extrem in die Länge gezogenen Göttin Nut, der ägyptischen Göttin des Himmels. Ihre Füße standen auf einer Seite des Tores, und ihr langgestreckter Körper wölbte sich in hohem Bogen, so daß sie sich mit ihren Fingerspitzen auf der anderen Seite abstützte. Ihr Körper war tiefblau und mit Sternen übersät, und in dem Bogen hing ein riesiger, nach Art der Sonnenscheibe gestalteter Alarmgong. Diese Spuren ägyptischer Religion sollten mir überall in Alexandria begegnen, das ansonsten eine durch und durch griechische Stadt war.

Wir preschten auf den steinernen Pier zu, als hätten wir vor, ihn zu rammen und zu versenken. Im allerletzten Moment bellte der Navigator ein Kommando, die Ruder tauchten ins Wasser und blieben dort, wodurch sie eine breite Gischtspur aufwirbelten. Das Schiff verlor schlagartig an Fahrt und legte sanft an der Ufermauer an.
[...]

(John Maddox Roberts: Der Musentempel. Ein Krimi aus dem alten Alexandria. München ²2004, S. 10-13)
 
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