Im Jahre 208
v.u.Z. kam es bei dem süditalischen Venusia zu einem Aufeinandertreffen zwischen Hannibal und den Karthagern einerseits sowie den Römern unter ihren beiden Konsuln M. Claudius Marcellus und T. Quinctius Crispinus andererseits. Obwohl es sich nur um ein kleines Reiterscharmützel handelte, fielen beide Konsuln.
Livius berichtet (XXVII, 26-28):
26 [...] Zwischen dem punischen und dem römischen Lager war ein bewaldeter Hügel, der zunächst von keiner der beiden Parteien besetzt worden war, weil die Römer nicht wußten, wie die Seite beschaffen war, die zum Lager der Feinde hinging, Hannibal dagegen geglaubt hatte, er sei eher für einen Hinterhalt geeignet als für ein Lager. Daher hatte er bei Nacht einige Schwadronen Numider zu diesem Zweck geschickt und sie mitten im Wald versteckt; von denen entfernte sich bei Tag keiner von seinem Posten, damit weder ihre Waffen noch sie selbst von weitem gesehen würden.
Im römischen Lager redete man allgemein mehr oder weniger offen davon, daß man diesen Hügel besetzen oder durch ein Castell sichern müsse, um nicht, wenn er von Hannibal besetzt werde, den Feind gleichsam im Nacken zu haben. Das beeindruckte Marcellus, und er sagte zu seinem Kollegen: „Warum gehen wir nicht selbst mit wenigen Reitern auf Erkundung? Der Augenschein wird uns eine sichere Entscheidung ermöglichen.“
Da Crispinus zustimmte, machten sie sich mit 220 Reitern auf, von denen 40 aus Fregellae, die übrigen aus Etrurien waren; ihnen schlossen sich die Militärtribunen M. Marcellus, der Sohn des Konsuls, und A. Manlius an, zugleich auch zwei Befehlshaber der Bundesgenossen, L. Arrenius und M‘. Aulius. Einige haben überliefert, der Konsul Marcellus habe an diesem Tag geopfert, und als das erste Opfertier geschlachtet wurde, habe man die Leber ohne Kopf [iocur sine capite] gefunden, beim zweiten sei alles, wie üblich, vor-handen gewesen, am Kopf der Leber habe man sogar eine Vergrößerung gesehen; es habe dem Haruspex aber nicht sonderlich gefallen, daß gleich nach den verstümmelten und entstellten Eingeweiden allzu üppige zum Vorschein gekommen seien.
27 Aber den Konsul Marcellus beseelte ein solches Verlangen, mit Hannibal zu kämpfen, daß er sagte, ein Lager liege nie nahe genug an dem anderen [ut numquam satis castra castris conlata diceret]. Auch jetzt gab er, als er aus der Umwallung herausritt, den Befehl, der Soldat solle sich an seinem Platz bereithalten, seine Sachen zu packen und nachzukommen, wenn der Hügel, den zu erkunden sie ausritten, ihnen gefalle.
Ein kleines Stück ebenes Gelände war vor dem Lager; von da aus führte ein nach allen Seiten hin offener und einzusehender Weg auf den Hügel. Ein Späher, den man keineswegs in der Erwartung eines so bedeutenden Geschehens auf seinen Posten gestellt hatte, sondern für den Fall, daß irgendwelche Leute, die wegen Futter oder Holz umherschweiften und sich weiter vom Lager entfernt hatten, aufgegriffen werden konnten, gab den Numidern das Zeichen, daß sie alle zugleich aus ihrem Versteck herauskommen sollten.
Die von der Höhe herab sich gegen den Feind erheben sollten, ließen sich nicht eher blicken, bis die, die vom Rücken her den Weg abschnitten, die Umzingelung vollendet hatten [non ante apparuere, quibus obviis ab iugo ipso consurgendum erat, quam circumiere, qui ab tergo intercluderent viam]. Da kamen von allen Seiten alle hervor, erhoben das Kampfgeschrei und griffen an.
Obwohl die Konsuln in einer Talmulde waren, so daß sie sich weder auf die Höhe retten konnten, die vom Feind besetzt war, noch eine Rückzugsmöglichkeit hatten, da sie im Rücken umzingelt waren, hätten sie den Kampf doch länger hinziehen können, wenn nicht die bei den Etruskern anhebende Flucht auch den anderen Schrecken eingejagt hätte.
Die Fregellaner, von den Etruskern im Stich gelassen, gaben den Kampf jedoch nicht auf, solange die Konsuln unverletzt waren und durch Anfeuern und indem sie teilweise selbst mitkämpften, den Widerstand aufrechterhielten. Als sie aber sahen, daß beide Konsuln verwundet waren und Marcellus, von einer Lanze durchbohrt, sterbend vom Pferd glitt, da flohen auch sie selbst – es waren nur noch wenige am Leben – mit dem Konsul Crispinus, der von zwei Wurfspießen getroffen war, und dem jungen Marcellus, der ebenfalls verwundet war.
Man muß nicht erst eine Leber befragen, um zu ahnen, daß ein unmittelbarer Kampfeinsatz beider Feldherren, dazu noch über einen offen einsehbaren Weg, eine ungute Entscheidung ist.