Γραικύλος schrieb am 01.11.2020 um 17:52 Uhr (Zitieren)
Sowohl Publius Cornelius Scipio Africanus (der Sieger über Hannibal) als auch sein Bruder Lucius Cornelius Scipio wurden nach ihrem Sieg über König Antiochos III. Megas und einem großen Triumphzug in Rom von Volkstribunen (mit unklaren Hintermännern) angeklagt, die ungeheure Beute des Krieges nicht an die Staatskasse (das Aerarium) abgeführt, sondern ihrem Privatvermögen zugeschlagen zu haben.
Beide Scipionen bestritten diesen Vorwurf energisch.
Der folgende spektakuläre Prozeß, an dem teilzunehmen sich Publius schon nach dem ersten Verhandlungstage weigerte, endete für diesen dank des Eingreifens eines anderen Volkstribunen, des bekannten Tiberius Gracchus, mit einer Verschonung wegen Krankheit, also Prozeßunfähigkeit.
Nach dem Tode des Publius Scipio Africanus wurde das Verfahren gegen seinen Bruder Lucius erneut aufgenommen. Hierbei wird der renommierte Marcus Porcius Cato Censor als Antreiber genannt. Lucius wurde dazu verurteilt, eine schier unvorstellbare Summe (6000 Pfund Gold und 480 Pfund Silber) an die Staatskasse zu überweisen oder in den Kerker geworfen zu werden.
Lucius erklärte sich für außerstande, einen solchen Betrag aufzubringen, zumal er die Kriegsbeute nicht auf die Seite geschafft habe - sie sei schließlich für alle sichtbar im Triumphzug mitgeführt worden.
Gleichwohl wurde er verurteilt, und allein der erneute Einspruch des Tiberius Gracchus rettete ihn vor dem Kerker.
Die Zwangseintreibung des Geldes erbrachte zwar keinerlei Hinweise auf das Vermögen des Antiochos, ruinierte aber den Lucius Scipio; daß er anschließend überhaupt noch seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, verdankte er seinen Verwandten, die einen Teil des beschlagnahmten Gutes für ihn zurückkauften.
Was die römische Senatsaristokratie, die man im Hintergrund des Prozesses vermuten darf, zu diesem bewegte, ist nicht ganz klar; vermutlich verstießen die Scipionen ihr zu sehr gegen das Egalitätsprinzip dieser Aristokratie. Die Art, wie diese für ihre Zwecke die Volkstribunen instrumentalisierte und dabei ausgerechnet Tiberius Gracchus, der als Feind der Scipionen galt, das Vorgehen - aus Gerechtigkeitsempfinden? - zu unterlaufen versuchte, ist spannend.
Der Bericht darüber findet sich bei Livius (XXXVIII 50,5 – 60), der dabei auf Material des Historikers Valerius Antias zurückgegriffen hat.
Re: Wie Römer mit ihren Helden umgingen
Minoides schrieb am 01.11.2020 um 19:17 Uhr (Zitieren)
Es kommt natürlich darauf an, was du unter "bekannt" verstehst, aber der "bekannte Tiberius Gracchus" ist eigentlich der Sohn des in die Scipionenprozesse verwickelten.
Re: Wie Römer mit ihren Helden umgingen
Γραικύλος schrieb am 01.11.2020 um 23:26 Uhr (Zitieren)
Ich danke für die Korrektur. Da habe ich in der Tat den Vater mit dem Sohn verwechselt.
Re: Wie Römer mit ihren Helden umgingen
Γραικύλος schrieb am 01.11.2020 um 23:48 Uhr (Zitieren)
Zur Korrektur:
Tiberius Sempronius Gracchus (ca. 220 – 150 v.u.Z.), während des Krieges gegen Antiochos III. im Stab der beiden Scipionen, später Volkstribun (184?), Vater der berühmten Volkstribunen Tiberius (133) und Gaius Gracchus (123-121).