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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Juppiter wird mit Sardellen überlistet (669 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 10.10.2020 um 17:38 Uhr (Zitieren)
Der römische Annalist Valerius Antias (1. Jhdt. u.Z.) wird aus seinen "Annalen" von Arnobius d.Ä. (ca. 300 u.Z.) in seinem Werk "Gegen die Heiden" (5, 1) mit der folgenden Geschichte zitiert:
Im zweiten Buch des Antias – damit nicht einer meint, wir legten uns solche Untaten [sc. der Verspottung von Göttern] durch Verdrehungen zurecht – wird nämlich die folgende Geschichte erzählt: König Numa, der nicht wußte, wie Blitzprodigien zu sühnen seien, aber begierig darauf war, dies zu erfahren, versteckte auf Rat der Egeria zwölf tadellose junge Männer mit Fesseln beim Wasser, damit sie Faunus und Picus Marcius angriffen, gefangennähmen und fesselten, wenn sie dorthin kämen, um Wasser zu schöpfen (denn dies war für gewöhnlich ihr Weg beim Wasserholen).

Damit die Sache aber leichter durchzuführen war, ließ der König mehrere Amphoren mit Wein und Mulsum füllen und am Zugang zur Quelle aufstellen, um einen listigen Hinterhalt zu legen. Jene kamen in gewohnter Weise durstig und hungrig zur bekannten Stelle. Als sie auf die wohlriechenden Amphoren mit dem duftenden Rebensaft stießen, zogen sie dem Altgewohnten das Neue vor und fielen gierig darüber her, schütteten jedoch zuviel (in sich hinein) und wurden vom süßen Getränk eingefangen; schließlich fielen sie in einen tiefen Schlaf.

Da die beiden Greise so im Schlaf lagen, habe man die Betrunkenen in Fesseln gelegt. Und als sie wieder aufgewacht waren, erklärten sie dem König sogleich, auf welche Weise und durch welche Opfer Juppiter herbeigelockt werden könne.

Sobald der König das Wissen erhalten hatte, opferte er auf dem Aventin und holte den Juppiter auf die Erde, von dem er dann den Sühneritus eines Blitzprodigiums erfragte.

Juppiter sagte nach einigem Zögern: „Du sollst Blitze durch ein Haupt sühnen.“ [„expiabis“ dixe „capite fulgurita.“]
Der König antwortete: „Durch einen Zwiebelkopf wohl.“ [regem respondisse „caepitio“.]
Juppiter darauf wiederum: „Durch ein menschliches.“ [Iovem rursus „humano“.]
Der König: „Also durch ein Haupthaar.“ [rettulisse regem „sed capillo.“]
Der Gott dagegen: „Etwas Belebtes.“ [deum contra „animali“.]
Pompilius warf ein: „Durch eine Sardelle.“ [„maena“ subiecisse Pompilium.]

Durch das zweideutige Wortspiel eingefangen erhob Juppiter seine Stimme: „Du betrügst mich, Numa! [„decepisti me, Numa.“] Ich habe bestimmt, daß ein Blitzprodigium durch Menschenhäupter zu sühnen ist, du hingegen durch Fisch, Haupthaar oder eine Zwiebel. Weil deine Schläue mich überlistet, sollst du diejenige Weise bekommen, die du gewollt, und durch diejenigen Dinge, die du dir ausbedungen hast, stets Sühne für Blitzprodigien erhalten.“

(Die Frühen Römischen Historiker II. Von Coelius Antipater bis Pomponius Atticus. Hrsg. v. Hans Beck und Uwe Walter. Darmstadt 2004, S. 176 f.)

- Numa Pompilius: in der Überlieferung zweiter König Roms nach Romulus; auf ihn sollen zahlreiche Gesetze zurückgehen.
- Ein Prodigium (z.B. durch einen Blitz) ist ein unprovoziertes, nicht durch die Handlung von Magistraten herbeigeführtes göttliches Zeichen.
- Egeria: eine Flußnymphe
- Faunus und Picus Marcius: Götter, wobei Faunus mit Pan identifiziert wird
- Mulsum: Met
- Die Sardelle galt den Pythagoreern als ein für das Opfer erlaubtes Lebewesen, in das keine Menschenseele eingeht. (Iamblichos: Pythagoras 85) Numa soll den Pythagoreern zugeneigt gewesen sein.
Re: Juppiter wird mit Sardellen überlistet
Γραικύλος schrieb am 03.03.2021 um 23:19 Uhr (Zitieren)
Hierfür gibt es eine Parallelstelle in Ovids "Fasti": III, insbes. Verse 330 ff.
Re: Juppiter wird mit Sardellen überlistet
Γραικύλος schrieb am 04.03.2021 um 00:01 Uhr (Zitieren)
constat Aventinae tremuisse cacumina silvae,
terraque subsedit pondere pressa Iovis:
corda micant regis, totoque e corpore sanguis
fugit, et hirsutae deriguere comae.
ut rediit animus, “da certa piamina” dixit
“fulminis, altorum rexque paterque deum,
si tua contigimus minibus donaria puris,
hoc quoque, quod petitur, si pia lingua rogat.”
adnuit oranti, sed verum ambage remota
abdidit et dubio terruit ore virum.
“caede caput” dixit; cui rex “parebimus” inquit;
“caedenda est hortis eruta cepa meis.“
addidit hic „hominis“; “sumes“ ait ille “capillos.”
postulat hic animam; cui Numa “piscis” ait.
risit et “his” inquit “facito mea tela procures,
o vir conloquio non abigende deum.

Fest steht: Die Gipfel des Walds auf dem Aventinus erbebten,
Unter Jupiters Last senkte die Erde sich tief.
Und das Herz des Königs zittert, es wich aus dem ganzen
Körper das Blut, und rauh sträubte sich ihm das Haar.
Wieder bei Sinnen, sprach er: „König und Vater der Götter,
Wie ich den Blitzschlag entsühn‘, zeige mir untrüglich an,
Wenn ich deinen Altar stets mit reinen Händen berührte,
Fromm die Zunge ist, die ausspricht, was jetzt ich begehr‘!“
Der nickt Gewährung, die Wahrheit verbarg er jedoch durch ein dunkles
Rätsel und schreckte den Mann, weil er jetzt zweideutig sprach:
„Opfre ein Haupt!“ Drauf der König: „Ich will gehorchen. Man opfre
Einen Zwiebelkopf, den aus meinem Garten man holt!“
„Nein, einen Menschenkopf!“ – „Du sollst seine Haare bekommen!“
Etwas, das lebt, will der Gott. Numa sagt nun: „Einen Fisch!“
Der aber lachte und sprach: „Ja, damit sühn meine Blitze,
Mensch, der du ganz ohne Scheu mit einem Gott diskutierst!
[...]“

(Publius Ovidius Naso: Fasti – Festkalender. Hrsg. v. Niklas Holzberg. Zürich 1995, S. 116 f.)

Ein überaus seltsamer Dialog mit einem Gott.
Re: Juppiter wird mit Sardellen überlistet
Γραικύλος schrieb am 04.03.2021 um 12:40 Uhr (Zitieren)
Bei Plutarch: Numa 15, 3-6 gibt es eine dritte Version dieses Dialogs.
Re: Juppiter wird mit Sardellen überlistet
Marcella schrieb am 04.03.2021 um 12:56 Uhr (Zitieren)
Numa verdient seinen Ruf als kluger Mann und König.
Das hier erinnert ein bisschen an das bauernschlaue Feilschen Abrahams mit Gott vor dem Untergang Sodoms, Moses 1,18,22f.
Gott kann sich lächelnd darauf einlassen, denn er weiß ja, dass Abraham verlieren wird.
Re: Juppiter wird mit Sardellen überlistet
filix schrieb am 04.03.2021 um 14:20 Uhr (Zitieren)
Woher kommt die Legende, dass Pythagoras unter (oder vor) Numa gelebt habe? Von Sardellen im Speziellen ist bei Iamblichos auch nicht die Rede, oder? Warum spricht Ovid nur noch von piscis und versiebt, was manche für ein anagrammatisches Wortspiel (anima/maena von μαίνη) halten? Der Wikipediaartikel über besagten Fisch, bei Plautus ein Schimpfwort, erwähnt u.a., dass es sich dabei nicht um Sardellen, sondern eine mit allerlei Ritualen in Verbindung stehende Schnauzenbrassenart handeln könnte, die im Deutschen einmal als Meerscheißer unterwegs war.
Re: Juppiter wird mit Sardellen überlistet
Γραικύλος schrieb am 04.03.2021 um 16:21 Uhr (Zitieren)
Das sind viele Fragen, denen ich noch nachgehen muß.

Zunächst zu Iamblichos, Pythagoras 85:
εἰς μόνα τῶν ζῴων οὐκ εἰσέρχεσθαι ἀνθρώπου ψυχή, οἷς θέμις ἐστὶ τυθῆναι.

Nur in diejenigen Lebewesen, die man opfern darf, geht keine Menschenseele ein.

Nein, von Sardellen ist da nicht explizit die Rede.
Ich hatte die Angabe von Beck/Walter übernommen.
Re: Juppiter wird mit Sardellen überlistet
Γραικύλος schrieb am 05.03.2021 um 14:06 Uhr (Zitieren)
Ich halte es für möglich, daß Ovids Darstellung - aus einer ironischen Haltung heraus - bewußt das eine oder andere Detail ("irgendsoein Fisch") noch absurder darstellt, als die Szenerie ohnehin schon ist.
Die Entsühnung mittels Sardelle (oder gar Meerscheißer?) war, wenn ich es recht verstanden habe, ein tatsächlich praktizierter Brauch.
 
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