Der Bericht ist, wiewohl mythisch, wertvoll, weil die genannten Historiker für uns verloren sind.
Da sowohl der Zeitpunkt der Gründung als auch die Gründer der Stadt stark umstritten sind, glaubte auch ich diese Punkte nicht so, als ob allgemeine Übereinstimmung bestünde, im Vorübergehen abhandeln zu dürfen. Denn Kephalon von Gergis, ein sehr früher Geschichtsschreiber, sagt, die Stadt sei in der zweiten Generation nach dem Krieg gegen Ilios von den Leuten gegründet worden, die sich zusammen mit Äneas aus Ilios retten konnten. Als ihren Gründer nennt er den Leiter des Siedlungsunternehmens, Rhomos; der sei einer der Söhne des Äneas. Vier Söhne, behauptet er, habe Äneas gehabt, Askanios, Euryleon, Rhomylos und Rhomos [Ρωμύλος, Ρῶμος]. An-geführt werden aber auch von Demagoras, Agathyllos und vielen anderen Autoren derselbe Zeitpunkt und derselbe Leiter des Siedlungsunternehmens.
Der Verfasser des Werks über die Priesterinnen in Argos und über die Ereignisse zur Zeit einer jeden (1) aber sagt, Äneas sei mit Odysseus aus dem Molosserland (2) nach Italien gekommen, sei zum Gründer der Stadt geworden und habe sie nach einer der Frauen von Ilios Rhome [Ρώμη] genannt. Diese habe die anderen Trojanerinnen angestiftet und zusammen mit ihnen die Schiffe in Brand gesteckt, weil sie von der Irrfahrt genug hatte. Mit ihm stimmt neben einigen anderen Autoren auch Damastes von Sigeion überein.
Der Philosoph Aristoteles (3) aber berichtet, einige Achäer seien auf ihrer Rückfahrt von Troja im Anschluß an die Umsegelung von Kap Malea in einen schweren Sturm geraten. Sie seien längere Zeit von den Winden abgetrieben worden, weit auf dem Meer herumgeirrt und schließlich an den Ort im Opikerland gekommen, der Latinium heißt und am Tyrrhenischen Meer liegt.
Voller Freude hätten sie Land gesehen, dort die Schiffe an die Küste gezogen, die Winterzeit verbracht und sich darauf vorbereitet, mit Frühlingsbeginn weiterzusegeln. Nachdem ihnen aber nachts die Schiffe angesteckt worden waren und sie somit keine Möglichkeit zur Weiterfahrt hatten, seien sie gegen ihren Willen gezwungen gewesen, sich an dem Ort niederzulassen, an dem sie angetrieben waren. Dieses Los sei ihnen durch kriegsgefangene Frauen beschert worden, die sie aus Ilios mitgenommen hatten. Diese hätten aus Furcht davor, die Achäer brächen nach Hause auf, die Schiffe in der Überzeugung verbrannt, sie kämen dabei in die Sklaverei [ὡς εἰς δουλείαν ἀφιξομένας].
Kallias aber, der Verfasser einer Geschichte des Agathokles (4), schreibt, Rhome, eine Trojanerin, die zusammen mit den anderen Trojanern nach Italien gekommen sei, habe den Aboriginerkönig Latinus geheiratet und drei Söhne geboren, Rhomos, Rhomylos und Telegonos ... (5); sie hätten eine Stadt gegründet und ihr den Namen nach ihrer Mutter gegeben. Der Historiker Xenagoras wiederum behauptet, Odysseus und Kirke hätten drei Söhne gehabt, Rhomos, Anteias und Ardeias; sie hätten drei Städte gegründet und den Gründungen ihre eigenen Namen gegeben (6).
Dionysios von Chalkis aber erklärt Rhomos zum Gründer der Stadt; dieser ist seinen Worten nach einigen Autoren zufolge ein Sohn des Askanios, anderen zufolge des Emathion. Es gibt aber auch Leute, die behaupten, Rom sei von Rhomos, einem Sohn der Italos, gegründet worden; seine Mutter sei Leukaria, die Tochter des Latinus.
(Dionysios von Halikarnassos: Römische Früheschichte I 72, 1-5)
1) Hellanikos
2) an der Nordwestküste Griechenlands
3) vielleicht in den ihm zugeschriebenen
Instituta barabarica (FGH II 178)
4) entweder der Archon aus Athen oder der Tyrann von Syrakus, beide im 4. Jhdt.
v.u.Z.
5) Telegonos fehlt in den Handschriften, läßt sich aber aus einer anderen Quelle ergänzen; einige weitere Wörter dürften ausgefallen sein.
6) Roma, Antium, Ardea