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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Vivisektionen in der Antike (469 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 10.09.2020 um 15:43 Uhr (Zitieren)
Aulus Cornelius Celsus (1. Jhdt. u.Z.) schildert in "De medicina" I 23-26 die Ansichten der Vertreter einer deduktiven Medizin – im Gegensatz zu den Empirikern – und kommt dabei auf Vivisektionen an Menschen zu sprechen.
23 Weil ferner in den inneren Organen sowohl Schmerzen als auch verschiedene Arten von Krankheiten entstehen, glauben sie, niemand könne ein Heilmittel anwenden, der nicht Kenntnis von diesen Organen habe. Darum sei es notwendig, Leichname zu sezieren [ergo necessarium esse incidere corpo-ra mortuorum] und deren Eingeweide und Gedärme zu untersu-chen. Herophilus und Erasistratos hätten auf diesem Gebiet die bedeutendsten Leistungen vollbracht, indem sie nämlich Verbrecher, die ihnen ihre Herrscher aus dem Gefängnis bereitgestellt hätten, bei lebendigem Leibe seziert hätten [qui nocentes homines a regibus ex carcere acceptos vivos inciderint].

24 Während diese Menschen noch atmeten, hätten die Forscher Körperteile, die die Natur bis dahin noch nicht zugänglich gemacht hatte, untersucht [considerarintque etiamnum spiritu remanente ea, quae natura ante clausisset], und ebenso deren Lage, Farbe, Gestalt, Größe, Anordnung, Festigkeit, Weichheit und Glätte, die Zusammenhänge untereinander, die Anhängsel und Vertiefungen eines jeden Organs sowie deren wechselseitiges Durchdringen.

25 Wenn nämlich innerer Schmerz auftrete, meinen sie, könne man unmöglich feststellen, was da schmerze, wenn man nicht wisse, um welches innere Organ es sich handle und wo es gelegen sei. Auch könne niemand ein krankes Organ heilen, der nicht wisse, welches Organ es sei. Wenn jemand eine Wunde habe, durch die Eingeweide zutage träten, so könne ein Arzt, der die Farbe eines gesunden Körperteils nicht kenne, nicht feststellen, was heil und was verletzt sei.

26 Also könne er auch die verletzten Stellen nicht behandeln. Auch habe die äußerliche Anwendung von Heilmitteln dann mehr Erfolg, wenn die Lage, Form und Größe der inneren Organe bekannt sei. Ähnliches gelte für alles oben Gesagte. Auch sei es nicht grausam, wie viele behaupten, Verbrecher – und zwar nur einige wenige! – zu töten, um Heilmittel für unschuldige Menschen auf Jahrhunderte hinaus zu finden [neque esse crudele, sicut plerique proponunt, hominum nocentium et horum quoque paucorum suppliciis remedia populis innocentibus saeculorum omnium quaeri].

(A. Cornelius Celsus: De medicina – Die medizinische Wissenschaft. Hrsg. v. Thomas Lederer. 4 Bde. Darmstadt 2016; Bd. 1, S. 14-17)

Die Argumente kommen mir bekannt vor; beachtenswert aber, daß sie auch damals schon von vielen Menschen als inhuman angesehen wurden.
Re: Vivisektionen in der Antike
Marcella schrieb am 11.09.2020 um 07:12 Uhr (Zitieren)
Die Argumentationslinien (es komme immerhin der Wissenschaft zugute) kennen wir auch nach den Nazis, zum Beispiel von den illegalen Medikamententests in Entwicklungsländern.
Re: Vivisektionen in der Antike
Γραικύλος schrieb am 11.09.2020 um 16:31 Uhr (Zitieren)
Ja, daran dachte auch ich. Einige wenige müssen leiden, damit viele Heilung finden. Beinahe utilitaristisch gedacht.
 
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