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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Labyrinthe (476 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.09.2020 um 13:32 Uhr (Zitieren)
Ein Auszug aus einem Artikel von Ulf von Rauchhaupt:
[...] Wo [...] Labyrinthe selbst zum Motiv gemacht werden, und das vielleicht mit der Meisterschaft des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899 bis 1986), wird begreifbar, warum Menschen sich seit Jahrtausenden von Labyrinthen erzählen. Aber woher kam die Idee?

Von den alten Griechen natürlich. Doch hier wird es kompliziert. Klar, es gibt die Sage von dem Labyrinth, das Dädalus dem kretischen König Mino errichtet hatte, um den Minotaurus darin unterzubringen: ein stierköpfiges Ungeheuer, das Minos‘ Gattin infolge eines göttlichen Denkzettels zur Welt gebracht hatte und dem fortan Jugendliche zu opfern waren. Der Held Theseus machte dem ein Ende, überlebte das aber nur mit Hilfe der Prinzessin Ariadne und ihres Fadens.

Daneben gibt es zahlreiche antike Darstellungen labyrinthischer Muster. Das älteste sicher datierbare wurde um 1220 v. Chr. in Pylos auf der Peloponnes auf eine Tontafel ge-ritzt. Kretische Münzen tragen Labyrinth-Motive, römische Fußbodenmosaiken zeigen sie zuweilen samt Minotaurus, und ein Graffito aus Pompeji stellt die Verbindung zwischen Muster und Mythos sogar schriftlich her.

Die heute manchmal anzutreffende Unterscheidung zwischen Labyrinthen aus vielfach gewundenen, aber verzweigungsfreien Gängen einerseits und Irrgärten andererseits ist indes selbst irreführend. Die mythische Verwahranstalt für den Minotaurus war sicher vom Typ Irrgarten, sonst hätte Theseus ja auch ohne den Ariadnefaden herausgefunden. Wenn die Tafel aus Pylos, die Münzen und die Mosaike also verzweigungsfreie Labyrinthe zeigen, dürfte es sich um eine Stilisierung handeln, wenn auch um eine mit kunstgeschichtlichen Folgen: In mittelalterlichen Kirchen, der Kathedrale von Chartres etwa, findet sich verzweigungsfrei verschlungener Fußbodenschmuck, den Kirchenbesucher in einer symbolischen Pilgerfahrt abschreiten konnten, als die Kreuzzüge gescheitert und reale Jerusalem-Reisen schwierig geworden waren. Aber in der Antike hat man sich ein Labyrinth sicherlich stets als einen Irrgarten vorgestellt, auch wenn es aus ästhetischen oder fertigungstechnischen Gründen nicht immer so dargestellt wurde.

Doch hatte das Labyrinth ein Vorbild in der Realität? Die Frage nach einem in dieser Hinsicht wahren Kern der Minotaurus-Sage führt auf die nach der Herkunft des griechischen Wortes „Labyrinthos“: Die Endung -inthos findet sich auch bei einigen Ortsnamen. Sie ist wahrscheinlich das Überbleibsel einer Sprache, die in Griechenland vor der Einwanderung indoeuropäischer Stämme gesprochen wurde und die mit dem unbekannten Idiom der minoischen Kultur auf Kreta verwandt gewesen sein könnte. Dann stieß man bei der Ausgrabung der minoischen Palastanlage von Knossos häufig auf das Motiv der Doppelaxt, von welcher Plutarch überliefert, die Lyder – die allerdings in Kleinasien lebten und Indoeuropäer waren – hätten dieses Kultgerät als „Labrys“ bezeichnet. „Labyrinthos“ mag also ursprünglich „Stadt der Doppelaxt“ bedeutet haben, und die Sage vom Labyrinth des Dädalus hätte dann eine ferne Erinnerung an das komplexe – allerdings keineswegs manifest labyrinthische – Bauwerk in Knossos bewahrt. Doch könnte es sich auch um irgendeinen anderen Rest der verlorenen minoischen Sprache handeln.

Als griechische Vokabel taucht Labyrinthos zum ersten Mal bei Herodot (etwa 484 bis 425 v. Chr.) auf, bezeichnet dort aber kein Bauwerk auf Kreta, sondern eines in Ägypten. „Das Labyrinth übertrifft sogar die Pyramiden“, schreibt er und erzählt, es umfasse dreitausend Räume. Nun ist Herodot als Quelle nicht unumstritten, es wird sogar bezweifelt, ob er wirklich, wie er vorgibt, selbst in Ägypten war. Doch das Gebäude, das er Labyrinth nennt, gab es wirklich. Der Geograph Strabon war um Christi Geburt ziemlich sicher in der von Herodot angegebenen Gegend Unterägyptens gewesen, und er beschreibt das Labyrinth als ein neben einer Pyramide gelegenes Königsgrab. Dort gebe es „zahlreiche lange Gewölbe, durch gewundene Gänge miteinander verbunden, so dass kein Fremder ohne einen Führer in jede dieser Hallen hinein und wieder hinaus finden kann“, schreibt er. Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei Herodots und Strabons Labyrinth um den bereits um 1800 v. Chr. erbauten und heute fast völlig verschwundenen Totentempel des Pharaos Amenemhet III.

Ein halbes Jahrhundert nach Strabon schließlich listet Plinius der Ältere vier Bauten auf, die zu seiner Zeit als Labyrinth bezeichnet worden seien, eins auf der Insel Lemnos, eins in Italien, das sich einst der Etruskerkönig Porsenna als Grabmal errichtet habe, das kretische aus der Theseus-Sage und schließlich das in Ägypten, über das Plinius schreibt: „Zweifellos war dies Dädalus‘ Vorbild für das Labyrinth, das er in Kreta schuf, wobei er nur dessen hundertsten Teil nachbaute, nämlich den mit Rundwegen und auf komplexe Weise bald hierhin, bald dorthin führenden Gängen. Es besteht nicht etwa aus einem schmalen, meilenweit abschreitbaren Streifen, wie wir es auf Fußböden sehen oder auf den Spielplätzen der Kinder, sondern es ist voller Türen zu Gängen, durch die es nur scheinbar weitergeht und die auf Irrwegen zu sich selbst zurückführen.“

Nun ist Plinius nicht immer zuverlässiger als Herodot. Was er etwa über das Labyrinth des – im Übrigen weitgehend sagenhaften – Porsenna erzählt, hat er ungeprüft von Marcus Terentius Varro (116 bis 27 v. Chr.) übernommen. Trotzdem ist die zitierte Stelle aus seiner „Naturalis Historia“ interessant, denn zum einen macht Plinius dort bereits die Unterscheidung zwischen einem Labyrinth im Sinne eines Irrgartens und den im römischen Fußbodendesign verwendeten unverzweigten Strukturen, die nur auf den ersten Blick so aussehen, als könne man sich darin verlaufen. Zweitens stellt sich Plinius solch ein Irrgarten-Labyrinth als etwas vor, das jeden, der hineingerät, nicht nur in Sackgassen führt, sondern auch im Kreis herumirren lässt. Solche Muster sind mathematisch komplizierter als die auf dieser Seite gezeigten „perfekten“ Irrgärten, die so konstruiert sind, dass jeweils tatsächlich nur ein einziger Pfad hindurchführt, auch wenn alle Kammern miteinander verbunden sind.

In der Graphentheorie – der mathematischen Disziplin, die sich mit Strukturen aus diskreten Punkten und ihren Verbindungen befasst – ist ein perfekter Irrgarten äquivalent zu einem sich immer weiter verzweigenden Baum, bei dem eine Linie vom Stamm (Eingang) zu einer bestimmten Astspitze (Ausgang) führt. In einem plinianischen Labyrinth dagegen wären die Zweige des Baums an einer oder mehreren Stellen miteinander verwachsen.
[...]

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 30. August 2020)

Die Doppelseite zum Thema ist insgesamt empfehlenswert.

 
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