Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Alexander lobt sich (497 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 01.09.2020 um 13:49 Uhr (
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Bei der Meuterei von Opis, als sich die Soldaten über ihre Behandlung und die angenommenen fremdländischen Sitten beschwerten (324
v.u.Z.), hielt Alexander eine Rechtfertigungsrede, in der er zunächst auf die Verdienste seines Vaters einging, sodann auf die eigenen. Diese Rede dürfte fiktiv sein.
[...] Das also sind die Verdienste meines Vaters zu euer aller Wohl. An und für sich betrachtet groß, sind sie jedoch klein, vergleicht man sie mit den meinen: Ich übernahm von meinem Vater als Erbe nicht viel mehr als ein paar silberne und goldene Becher, noch nicht ganz 60 Talente im Schatz, dafür aber 500 an Schulden, die Philipp gemacht hatte. Zu diesen habe ich mir 800 geborgt, bin dann aus dem Lande aufgebrochen, das nicht einmal euch selbst einigermaßen ernährte, und habe euch sofort den Weg über den Hellespont eröffnet, obgleich die Perser damals die See beherrschten.
Mit der Reiterei habe ich die Satrapen des Dareios besiegt und ganz Ionien eurem Herrschaftsgebiet hinzugefügt, dazu die ganze Aiolis, beide Phrygien und Lydien, habe Milet durch Belagerung genommen und auch alle anderen Plätze, die sich ergaben, euch zur Nutzung überlassen. Alles was Ägypten oder Kyrene bieten an Gütern, die wir ohne Schwertstreich genommen haben, kommt euch zugute; Koilesyrien, Palästina und Mesopotamien ist euer Besitz ebenso wie Babylonien, Baktra und Susa, der Reichtum der Lyder, die Schätze Persiens und die Güter Indiens ebenso wie das Äußere Meer.
Ihr seid Satrapen, seid Heerführer, seid Kommandeure. Trotzdem, was ist mir übriggeblieben von all diesen Mühen außer diesem roten Mantel, außer diesem Diadem? Ich für mich selbst bin ohne Besitz [κέκτημαι δὲ ἰδίᾳ οὐδέν], und niemand ist in der Lage, Schatzkammern anzugeben, die mir allein zur Verfügung stünden, es sei denn, er meint die, die euch gehören und die für euch aufbewahrt werden. Ich wüßte auch nicht, wozu ich Schätze für mich sammeln sollte, denn ich esse die gleiche Nahrung wie ihr und schlafe wie ihr, ja ich glaube, was auf meinen Tisch kommt, ist weit kümmerlicher als das, was unter euch die speisen, die ein üppiges Leben führen. Ich weiß, daß ich für euch wache, damit ihr schlafen könnt.
Aber all das habe ich wohl an eurer Spitze ohne Anstrengung, ohne Strapazen und nur auf Kosten eurer Mühen und Leiden erworben! Wer von euch, frage ich, ist sich bewußt, mehr an Mühen auf sich genommen zu haben als ich, und wer von euch kann sagen, er habe mehr für mich geleistet als ich für ihn? Wohlan, er soll seine Wunden entblößen und aufzeigen – ich werde ihm dann die meinigen vorweisen. Denn in der Tat, es gibt auf der Vorderseite meines Körpers keine unversehrte Stelle mehr, und keine Hand- oder Schußwaffe, deren Spuren ich nicht an mir trage. Von Schwerthieben bin ich im Nahkampf verwundet worden, habe schon Pfeilschüsse erhalten, Geschosse von Wurfmaschinen haben mich getroffen, und auch Schläge von Steinen oder Keulen habe ich vielfach aushalten müssen – für euch, euren Ruhm, euren Reichtum.
Von Sieg zu Sieg habe ich euch durch alle Länder und Meere geführt, durch Flüsse, über Berge und durch die Ebenen, ich habe die gleiche[n] Ehe[n] geschlossen wie ihr [γάμους τε ὑμῖν τοὺς αὐτοὺς γεγάμηκα], so daß die Kinder vieler von euch die nächsten Verwandten meiner eigenen sein werden.
Wer von euch Schulden hatte, für den habe ich gezahlt, ohne mich darum zu kümmern, woher diese stammten, obwohl ihr so hohen Sold erhalten, so viel Beute gemacht habt, wenn es bei Belagerung einer Stadt zur Plünderung kam. Die meisten von euch tragen goldene Kränze zur unvergänglichen Erinnerung an eure Heldentaten und meine Anerkennung. Wer aber fiel, dessen Leben nahm ein ruhmreiches Ende, und sein Grab ist zum Mahnmal geworden [περιφανὴς δὲ ὁ τάφος]; in der Heimat stehen Denkmäler der meisten aus Erz, ihre Eltern sind geehrt und frei von aller Steuer, von jeglichen Abgaben. Denn noch keiner von euch ist, solange ich an der Spitze stehe, auf der Flucht umgekommen.
Jetzt aber wollte ich die nicht mehr Einsatzfähigen unter euch nach Hause senden, denen daheim zum Vorbild. Aber da ihr alle gehen wollt, zieht denn hin und verkündet da-heim, daß ihr euren König Alexander, den Sieger über Perser, Meder, Baktrer und Saken, nach Unterwerfung von Uxiern, Arachoten, Drangianern, nach der Besitzergreifung von Parthien, Chorasmien und Hyrkanien bis hin ans Kaspische Meer, nach Überschreitung des Kaukasus über die Kaspischen Tore, nach Überquerung von Oxus und Tanais, dazu auch des Indus, den sonst nur noch Dionysos überschritt, nach Hydaspes, Akesines, Hydraotes und schließlich auch dem Überschreiten des Hyphasis, hättet ihr dies nicht verweigert, nach der Fahrt durch beide Indusmündungen ins Große Meer hinaus, nach dem Marsch durch die Wüste von Gedrosien, dort wo noch niemand mit einem Heere durchzuziehen vermocht hat, nach Eingliederung auch Karmaniens und des Oreitenlandes in euren Machtbereich gleichsam im Vorbeigehen, nach Fahrt mit der Flotte vom Indischen ins Persische Meer – daß ihr nach alldem, als ihr nach Susa zurückgekehrt wart, euren König im Stich gelassen habt und davongegangen seid, indem ihr ihn dem Schutz der besiegten Barbaren anvertrautet: Dies berichten zu können wird euch bei den Menschen sicherlich Ruhm einbringen und von den Götter als fromme Tat angerechnet werden. Verschwindet!
(Arrian: Anabasis VII 9, 6 – 10, 7)