Der Tod Philipps II. von Makedonien #1: Hybris (455 Aufrufe)
Die Griechen liebten ja Geschichten über menschliche Hybris und ihren Sturz. Hier ist eine, die Diodorus Siculus (XVI 92 f.) erzählt:
92. Sobald dann schließlich Menschenmengen aus allen Himmelsrichtungen zu den Festlichkeiten zusammengeströmt waren und man die Wettspiele und die Vermählung zu Aigai in Makedonien feierlich beging, wurde er [sc. Philipp II.] nicht nur von einzelnen angesehenen Männern mit goldenen Kränzen bekrönt, sondern auch auf Geheiß der meisten bedeutenden Städte, darunter auch Athens.
Bei der Verkündung dieser Bekränzung schloß der Herold mit der Erklärung, jeder etwaige Verschwörer gegen König Philipp, der schutzsuchend zu den Athenern geflüchtet käme, würde ausgeliefert. Mit dieser zufälligen Wendung kündigte, gleichsam aus göttlicher Vorsehung, das Verhängnis jenen Anschlag an, dem Philipp alsbald zum Opfer fallen sollte.
Wurden doch zudem noch weitere Stimmen laut, die, scheinbar auf göttliche Eingebung hin, auf den Untergang des Königs deuteten. Während des königlichen Banketts nämlich wies Philipp den aufgrund seiner Stimmgewalt und seines Ruhmes höchst angesehenen Tragöden Neoptolemos an, einige gefeierte und vor allem auch auf den persischen Feldzug sich beziehende Dichtungen vorzutragen. Der Künstler meinte nun, eine zum Anlaß der Überfahrt passende Dichtung ausgewählt zu haben, mit der er des Perserkönigs Reichtum – welcher ja, obzwar gewaltig und weltberühmt, vom Schicksal doch zunichte gemacht werden könnte – zu tadeln gedachte, und hob mit dem Vortrag folgender Verse an:
„Eure Gedanken streben über den Äther hinauf,
Ihr plant die Bebauung weiter Ebenen,
Die Häuser, die ihr errichten wollt, überragen
Jedes bekannte Haus, doch in Unverstand
Bemeßt ihr euer künftiges Leben.
Denn einer hemmt der Schnellfüßigen Lauf,
Einer, der seinen Weg im Dunkel wandelt.
Plötzlich aber, ungesehen, tritt er heran,
Raubt uns die weitausgreifenden Hoffnungen –
Er, der den Sterblichen gar viele Plagen schafft: Ha-des.“
[ἄφνω δ‘ ἄφαντος προσέβα
μακρὰς ἀφαιρούμενος ἐλπίδας
θνατῶν πολύμοχθος Ἅιδας.]
Und er fuhr mit den übrigen Versen fort, die sich dem nämlichen Thema zuwandten.
Philipp aber zeigte sich von der Botschaft begeistert und war gänzlich hingerissen von der Vorstellung des Untergangs des Perserkönigs, zumal er sich ja auch des pythischen Orakelspruchs erinnerte, der den gleichen Anklang wie die Worte des Tragöden zu haben schien.
Nach dem Ausklang jenes Gelages sollten anderntags die Wettkämpfe anheben, und noch während der Nacht sammelte sich die Menge im Theater. Bei Sonnenaufgang begann der Festzug, in welchem neben all der anderen großartigen Ausstattung mit vorzüglicher Kunstfertigkeit gestaltete Statuen der zwölf Götter mitgeführt wurden, zum Staunen prächtig und kostbar geschmückt; inmitten von ihnen befand sich eine dreizehnte, eines Gottes würdige Statue, nämlich die von Philipp selbst, womit der König seine Inthronisation zu seiten der zwölf Götter darzustellen beabsichtige.
93. Als das Theater voll besetzt war, erschien Philipp persönlich, gehüllt in ein weißes Himation und auf ausdrücklichen Befehl erst in beträchtlichem Abstand von seinen Lanzenträgern begleitet; jedermann wollte er nämlich vor Augen führen, daß er durch die allgemeine Ergebenheit der Griechen behütet sei und eines Schutzes durch Lanzenträger nicht bedurfte.
So bezwingend war um ihn die Ausstrahlung seiner Überlegenheit, daß ein jeder diesen Mann lobte und glücklich pries - bis sich plötzlich und vollends unerwartet der todbringende Anschlag auf den König ereignete.
Die Festlichkeiten: Seine Tochter Kleopatra (die Schwester Alexanders) wurde mit dem Bruder seiner Frau Olympias verheiratet.
Die von Neoptolemos vorgetragenen Verse könnten von Aischylos stammen.
Der pythische Orakelspruch: Er war Philipp kurz zuvor zuteil geworden: „ἔστεπται μὲν ὁ ταῦρος, ἔχει τέλος, ἔστιν ὁ θύσων. – Bekränzt ist der Stier, das Ende gekommen, der Opferer bereit.“ (
a.a.O. XVI 91)
Die 12 Götter, unter die sich Philipp als 13. eingereiht sehen möchte, sind die olympischen.